Unter dem Motto „Hinter die Kulissen blicken“ startete im Mai die dritte UZ-Reise in die Volksrepublik China. Ziel war es, sich ein eigenes Bild zu machen von Politik und Gesellschaft, die Geschichte kennenzulernen und die Entwicklung des Landes zu erleben. In der chinesischen Hauptstadt Peking besuchten wir unter anderem die „Verbotene Stadt“ und statteten der nahegelegenen Großen Mauer einen Besuch ab. Beides Orte, an denen die jahrtausendealte Kultur spürbar wird.
Unsere nächsten Stationen, die Städte Tianjin und Qingdao, sind geprägt durch das „Jahrhundert der Demütigung“, in dem China von westlichen Mächten kolonialisiert war. Heute bieten diese Städte einen faszinierenden Mix aus Kolonialgebäuden und hochmoderner Infrastruktur. In Schanghai konnten wir neben der beeindruckenden Skyline auch den Ort sehen, an dem 1921 die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) gegründet wurde. Und zur Abwechslung von den Metropolen haben wir den Berg Tai Shan bestiegen, einen der fünf heiligen Berge des Daoismus.
Die letzte Etappe der Reise führte die Reisegruppe in den Südosten Chinas, nach Shenzhen. Die Stadt gilt als Pilotprojekt der Reform-und-Öffnungspolitik Deng Xiaopings. Hier wurde 1980 die erste Sonderwirtschaftszone gegründet. Zu diesem Zeitpunkt lebten in dem ländlich geprägten Gebiet direkt an der Grenze zu Hongkong nur wenige zehntausend Menschen, heute sind es mehr als 17 Millionen.

Die Stadt liegt im Perlflussdelta, dem bevölkerungsreichsten Ballungsraum der Erde, und gilt als Hightech-Metropole. Huawei, Tencent und BYD sind nur einige Konzerne, die ihren Hauptsitz in der Stadt haben. Wohl aus diesem Grund hat die Peking-Universität hier einen Campus. Dort arbeitet UZ-Autorin Yumeng Liu als Assistant Professor an der Schule für Geistes- und Sozialwissenschaften. So lag es nahe, sie um ein Treffen zu bitten. Da die Genossin Liu auch Parteisekretärin ihrer Parteizelle ist, schlug sie ein Gespräch mit einer Abordnung dieser Zelle aus Lehrkräften und Verwaltungsmitarbeitenden vor. Die nahmen wir natürlich dankend an. Einem herzlichen Empfang folgte ein lohnender Austausch über die Arbeit an der Basis.
Während Betriebsgruppen bei der DKP (noch) eine Ausnahme und Grund zum Feiern sind, finden sie sich in China flächendeckend. Die KPCh hat knapp 100 Millionen Mitglieder, die in Basisparteizellen organisiert sind. Diese Parteizellen bilden die kleinste organisatorische Einheit und umfassen etwa 25 Genossinnen und Genossen.
Bei regelmäßigen Treffen werden wichtige Parteidokumente, marxistische Theorie und aktuelle Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung Chinas besprochen. In den Wochen vor unserem Treffen diskutierte die Gruppe zum Beispiel intensiv über den 15. Fünfjahrplan. Auch organisatorische Themen stehen immer auf der Tagesordnung. Die politische Arbeit ist dabei eng mit der Arbeit im Betrieb verbunden. Im Falle der besuchten Basiszelle die Arbeit an der Universität, an der die Genossinnen und Genossen organisatorische, koordinierende und gemeinschaftsbildende Funktionen übernehmen. So hilft die Partei bei Problemen der Studierenden und Lehrkräfte, ob Parteimitglieder oder nicht, im Bereich Forschung und Lehre sowie bei alltäglichen Problemen. Besonderes Augenmerk legen Liu und Genossen auf die Förderung junger Lehrkräfte.
Parteizellen haben eine politische und ideologische Orientierungsfunktion. Wenn zum Beispiel wichtige politische Entscheidungen oder neue staatliche Leitlinien veröffentlicht werden, organisieren die Basiszellen gemeinsame Studien und Diskussionen. So sollen Parteimitglieder und die Bevölkerung besser verstehen können, in welche Richtung sich das Land entwickeln soll. Für die Partei bieten diese Diskussionen eine Gelegenheit, zu erfahren, was die Bevölkerung denkt und wie ihre Politik aufgenommen wird.
Die zweite wichtige Funktion ist die organisatorische Koordination. An Hochschulen gibt es viele bereichsübergreifende Projekte, gemeinsame Aktivitäten oder Kommunikationsaufgaben zwischen Lehrkräften und verschiedenen Abteilungen. Hier beteiligt sich die Parteizelle oft koordinierend. Die Genossinnen und Genossen sind dabei in Verbindung zu den Menschen an der Basis und deren konkreten Bedürfnissen. Manche Probleme sind gar nicht direkt politisch – manchmal geht es eher um Arbeitsdruck, Forschungsprobleme oder persönliche Schwierigkeiten. Auch in solchen Situationen versucht die Parteiorganisation zu unterstützen. Außerdem spielen Basisparteiorganisationen eine wichtige Rolle dabei, ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl zu stärken. Gerade in einem großen Land wie China helfen sie damit, nationale Ziele mit dem Alltag der Menschen zu verbinden.
Natürlich unterscheiden sich die konkreten Aufgaben je nach Region und Arbeitsbereich. Parteizellen an Hochschulen arbeiten anders als Parteizellen in Fabriken, Wohnvierteln oder ländlichen Gebieten. Aber grundsätzlich legt die KPCh großen Wert auf die Arbeit an der Basis, weil viele politische Maßnahmen letztlich dort umgesetzt werden müssen.
Dabei wird hier nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus gearbeitet. Während der Diskussion können alle ihre Meinung offen äußern. Wenn aber eine gemeinsame Entscheidung getroffen wurde, wird sie gemeinsam umgesetzt. Das Prinzip zieht sich durch alle Ebenen. An der Basis werden regelmäßig allgemeine Mitgliederversammlungen einberufen, die wichtige Entscheidungen für die Parteizelle treffen. Unter anderem werden hier auch Delegierte für die Versammlungen auf nächsthöherer Ebene gewählt, die dann die Diskussionen und Standpunkte der Zelle vertreten: „Von unten nach oben werden die Machtorgane gewählt, von oben nach unten werden deren Beschlüsse ausgeführt“, so beschreibt Liu das Prinzip.
Die konkrete Organisation der Parteizelle wird von einem Leitungsteam übernommen, welches arbeitsteilig vorgeht. Die Basiszelle wird von der übergeordneten Parteiorganisation angeleitet, um für eine einheitliche politische Richtung zu sorgen und mit Problemen bei der Umsetzung der Beschlüsse zu helfen. Der Diskussionsstand der Zelle und ihre Schwierigkeiten werden nach oben weitergeleitet und helfen damit der Partei insgesamt. ihre Arbeit zu verbessern.
Als übergeordnetes Ziel für die Arbeit der KPCh steht die Modernisierung Chinas, wie uns Genossin Liu beim Austausch sagte. Besonders in Shenzhen ist diese Modernisierung sehr deutlich zu sehen und zu spüren. Die Entwicklung und damit die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Chinesinnen und Chinesen stehen an erster Stelle, politische Ideen dann an zweiter. Zu kurz kommen die Ideen zumindest in den Parteizellen jedoch nicht und politische Bildung spielt eine wichtige Rolle.
Die KPCh betont, dass der Marxismus die grundlegende Leitideologie der Partei ist. Deshalb spielt marxistische Theorie in der politischen Bildung eine zentrale Rolle. Marx, Engels oder Lenin werden von chinesischen Parteimitgliedern und Studierenden in verschiedenen Ausbildungsphasen gelesen und studiert. Gleichzeitig ist der Partei aber auch die „Sinisierung und Modernisierung des Marxismus“ sehr wichtig. Dabei soll die marxistische Theorie mit der chinesischen Geschichte, der gesellschaftlichen Realität und der modernen Entwicklung Chinas verbunden werden. Deshalb umfasst politische Bildung im heutigen China nicht nur klassische marxistische Theorie, sondern auch die theoretischen Konzepte des Sozialismus chinesischer Prägung, also die praktische Anwendung des Marxismus. Dazu gehören zum Beispiel die Mao-Zedong-Ideen, die Deng-Xiaoping-Theorie, die wichtigen Gedanken der „Drei Vertretungen“, das wissenschaftliche Entwicklungskonzept sowie heute insbesondere das Denken Xi Jinpings über den Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter. Theoretisches Lernen wird dabei eng mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen verbunden. Themen wie wirtschaftliche Entwicklung, technologische Innovation, gemeinsamer Wohlstand, ökologische Zivilisation oder auch künstliche Intelligenz spielen daher ebenfalls eine wichtige Rolle in Diskussionen und Lehrveranstaltungen. Umgesetzt wird die politische Bildung unter anderem durch gemeinsames Studium, Vorträge, Seminare und digitale Lernplattformen.
Während unseres Austauschs wurde das gegenseitige Lernen lebendig spürbar. Obwohl die KPCh weitaus größer ist als die DKP begegneten uns unsere Gesprächspartner stets auf Augenhöhe und zeigten großes Interesse an unserer Arbeit. Diese Erfahrung ist kein Einzelfall – vielmehr wird in China vielfach deutlich, welch hohes Ansehen das Heimatland von Marx und Engels genießt. Mit den UZ-Reisen möchte die DKP dazu beitragen, ein tieferes Verständnis für die Geschichte, Kultur und Entwicklung Chinas zu gewinnen, sodass diese Wertschätzung künftig stärker auf Gegenseitigkeit beruht.









