Zur sozialen Infrastruktur im Kiez

Wie komme ich an bezahlbares Essen?

Kolumne

7,3 Millionen Menschen in Deutschland sind von der sozialen Mindestsicherung abhängig. Ich bin eine von ihnen. Soziale Mindestsicherung – damit sind alle gemeint, die entweder Leistungen nach dem SGB II beziehen (ehemals Bürgergeld) oder nach dem SGB XII (Grundsicherung im Alter). Die meisten von uns arbeiten oder sind arbeitsunfähig. Und von den 1,3 Millionen älteren Menschen, die sich in der sozialen Mindestsicherung befinden, hat die überwiegende Mehrheit ein Leben lang gearbeitet.

Wir leben von 563 Euro im Monat. Das ist der Betrag, der jedem Erwachsenen als sogenannter „sozialökonomischer Mindestbedarf“ zustehen soll. Das soll für Strom und Mobilität sowie alles außer der Warmmiete reichen. Für die Ernährung sind 6,30 bis 6,50 Euro am Tag vorgesehen – im Monat sind das insgesamt 195 Euro.

Wie eingangs erwähnt, betrifft das 7,3 Millionen Menschen. Schätzungsweise noch einmal so vielen geht es aufgrund ihres niedrigen Einkommens kaum besser. Sie leben zum Beispiel von BAföG und Minijobs, stecken in der Niedriglohnfalle oder kämpfen sich als Freiberufler ab. Im Klartext: Über 16 Millionen Menschen gelten als „armutsgefährdet“.

Leben mit wenig Geld heißt: Sparen beim Einkaufen. Es ist also kein Wunder, dass der Andrang bei den 975 Tafeln in Deutschland mit 1,5 Millionen regelmäßigen Nutzerinnen und Nutzern groß ist. Jede dritte Tafel hat bereits einen Aufnahmestopp verkündet. Nur so wird verhindert, dass die Zahlen weiter steigen. Aufgenommen werden prinzipiell nur noch „ortsansässige“ Personen. Es würde den Betroffenen also auch nicht helfen, wenn sie die Möglichkeit hätten, in den nächsten Ort zu fahren.

Aber wie sieht es eigentlich mit der Versorgung mit Kantinen oder günstigen Mittagstischen aus, von der Studenten-Mensa bis zum Senioren-Mittagstisch? Bei solch einem schmalen Budget wird die Existenz einer günstigen Kantine zum Segen.

Ich selbst nutze so einen Mittagstisch. Hier gibt es ein vergünstigtes Essen für 2 Euro für „Berechtigte“; für alle anderen kostet es 6,60 Euro. So ein Mittagstisch dient sowohl der Ernährung als auch dem sozialen Zusammenhang. Man kann die Tageszeitung lesen, die sich viele Ältere auch nicht mehr leisten können, und tauscht sich aus. Dafür fahre ich mit dem Bus quer durch die Stadt. Glücklich kann sich schätzen, wer aufgenommen wird, obwohl er oder sie nicht direkt im Kiez wohnt. Und auch, wer eine vergünstigte Monatskarte für den Nahverkehr hat.

Von den Älteren haben schätzungsweise nur 5 Prozent Zugang zu einem subventionierten Mittagstisch. Die meisten Betroffenen wissen davon nichts, da sind Tafeln inzwischen bekannter. Wer intensiv sucht, findet sie, die Mittagstische von Frankfurt über Kassel, Köln, Bochum, Dortmund und Essen bis Hamburg, oft als Teil von Sozialeinrichtungen oder Mehrgenerationenhäusern. Bevor jemand dort essen darf, muss meist ein komplizierter Prozess durchlaufen werden: Erst die Registrierung für die „Grüne Karte“ oder wie immer der Berechtigungsausweis im jeweiligen Ort heißt. Dann folgt die vorherige Anmeldung für einzelne Tage oder die ganze Woche. Wer drin ist im System, kann sich freuen. Dabei gilt das gute alte Motto: „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“.

Ich kann mich noch gut an die Aufregung während des Bundestagswahlkampfes im Jahr 2013 erinnern. Die Grünen forderten damals einen „Veggie Day“ in öffentlichen Kantinen. Ich schüttelte den Kopf und dachte, dass das Problem doch eher ist, dass viele gar keinen Zugang dazu haben. Wer nicht das „Glück“ hat, in einer Werkskantine essen zu können, hat das Nachsehen. Die Frage „Fleisch oder vegetarisch?“ stellt sich mir gar nicht. Für mich heißt es: Wie und wo komme ich an bezahlbares Essen?

Heute, 13 Jahre später, ist die Lage sogar noch deutlich schlechter. In Berlin wird über ein Kantinen-Sterben berichtet. Zwischen 20 und 40 öffentliche Kantinen sollen bereits verschwunden sein, offizielle Zahlen gibt es absurderweise nicht. Und in den verbleibenden Kantinen wird nun strenger kontrolliert, wer „berechtigt“ ist.

Es ginge auch anders: In der Volksrepublik China gibt es seit dem 14. Fünfjahrplan (2021 – 2025) landauf, landab Tausende Seniorenkantinen in Wohnvierteln und Gemeinschaftszentren. So hat allein die Metropole Chongqing inzwischen 1.600 Kantinen, schwerpunktmäßig für Ältere. Aber sie sind auch offen für Jüngere und Familienangehörige. Ein Mittagsmenü in einer solchen Seniorenkantine kostet etwa 10 Yuan, lese ich, also umgerechnet ungefähr 1,25 Euro. Wer über 60 ist und sich das nicht leisten kann, bekommt ein Menü schon ab 3 Yuan. Menschen über 80 oder mit Behinderungen können hier kostenlos essen. Wer nicht zur Kantine kommen kann, bekommt das Essen zur Not auch geliefert.

Chongqing hat etwa 32 Millionen Einwohner. Um eine vergleichbare Versorgung zu erzielen, bräuchte Berlin etwa 190 wohnortnahe Kantinen für Ältere und die Nachbarschaft. Die Linkspartei verspricht im Wahlkampf für die Berliner Abgeordnetenhauswahl 15 bis 20 Kiez-Kantinen. Das wäre immerhin eine in jedem Bezirk. Dort soll es dann eine warme Mahlzeit für 3 Euro geben. Mir stellt sich nur die Frage: Warum hat sie das nicht schon längst umgesetzt, in den 20 Jahren ihrer Regierungsbeteiligung?

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Wie komme ich an bezahlbares Essen?", UZ vom 15. Mai 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Stern.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit