Eine kritische Betrachtung von Mittel und Zweck von Propaganda

Manipulation der Massen

„Zerstört das verrückte Tier“ – US-amerikanisches Propagandaposter, das die Bevölkerung vom Eintritt in den Ersten Weltkrieg überzeugen sollte.

Edward Bernays (1891 bis 1995), Neffe von Sigmund Freud, gilt als Vater der Werbepsychologie und Massenbeeinflussung. 1928 erschien sein Buch „Propaganda“, das noch heute aktuell ist. „Die bewusste und intelligente Manipulation der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften.“ Am Beginn seiner Karriere stand die Kampagne, die den Widerstand der amerikanischen Bevölkerung gegen den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg brach. Die Bezeichnung der Deutschen als Hunnen – auf Plakaten dargestellt als furchteinflößende Fratzen –, Happenings und Medienbeschuss von früh bis spät und das missionarische Ziel „Make the world safe for democracy“ sorgten für den Meinungsumschwung.

Seine Erkenntnisse setzte Bernays dann gewinnbringend in Friedenszeiten um. Damit Menschen Dinge kaufen, die sie nicht brauchen oder zumindest nicht in dem von der Industrie gewünschten Maße, muss an Gefühle appelliert werden, an eine Sehnsucht, einen Wunsch. Waren müssen emotionalisiert werden. Für die United Fruit Company entwarf er die Werbekampagne für Bananen („Chiquita“) und für den Lebensmittelkonzern Beech-Nut die Kampagne für Frühstücksspeck. Ärzte (Experten!) priesen den gesundheitlichen Nutzen von Speck und Eiern für einen gelungenen Start in den Tag, Schauspieler wie Frank Sinatra wurden glücklich Speck speisend in den Zeitungen abgebildet. Der Tabakindustrie verhalf er dazu, Frauen, für die damals Rauchen als unschicklich galt, als Konsumentinnen zu gewinnen, indem ihnen Rauchen als Symbol von Freiheit und Emanzipation verkauft wurde.

Es war folgerichtig, dass Joseph Goebbels von ihm sehr angetan war und Hitler einen Abgesandten schickte, der Bernays als Berater gewinnen sollte.

Emotionalisierung

Kern all seiner Kampagnen: Emotionalisierung. Die Anwendung dieser Methoden erleben wir in der Politik bevorzugt in Wahlkampfzeiten. Es geht um die gefühlsmäßige Bindung an den Kandidaten. Nicht die inhaltliche Debatte entscheidet, sondern es werden Ansichten und Werte erforscht, die getriggert werden. Trump-Wähler wurden gezielt identifiziert als Menschen mit „Strenger-Vater-Weltsicht“ und damit empfänglich für Law-and-Order-Konzepte. Welche Bevölkerungsschichten in welchen Teilen des Landes hierfür ansprechbar sind, wurde durch akribische Untersuchungen ermittelt, zum Beispiel unter Verwendung der Daten von Facebook-Nutzern. Das Ziel ist die Vernichtung des Gegners; Mittel hierzu sind haltlose Versprechen, Lügen, Kriminalisierung, bis in die Fingerspitzen durchgestylte Wahlkampfshows und griffige Slogans wie „Make America great again“. So emotionalisiert man die Menschen, damit sie gar nicht auf die Idee kommen zu fragen, wer denn das Fähnchen bezahlt, mit dem sie einem Multimillionär die Vertretung ihrer vermeintlichen Interessen abtreten.

Unterordnung der Beherrschten

„In Klassengesellschaften (…) ist der Zusammenhang der Gesellschaft nur herstellbar entweder durch offene, direkten physischen Zwang ausübende herrschaftliche Gewalt oder durch auf falschem Bewusstsein beruhende subjektive Zustimmung der Beherrschten. Keine Klassengesellschaft kommt ohne ein bestimmtes Quantum an Gewalt aus, aber auch keine kommt auf die Dauer ohne auf falschem Bewusstsein beruhende Mehrheitszustimmung der Beherrschten aus. Je gewisser ihr diese Zustimmung ist, desto weniger ist sie auf die Demonstration von Gewalt angewiesen; sie ist innenpolitisch optimal gesichert, wenn ihr die Gesamtheit der Beherrschten subjektive Anhänglichkeit zeigt. Integration hat die Herstellung dieser Anhänglichkeit zum Inhalt und umfasst daher alles, was diese direkt oder indirekt herbeiführt. In Klassengesellschaften bedeutete sie daher notwendig immer die Entfremdung der beherrschten Gesellschaftsmehrheit vom Bewusstsein ihrer objektiven Interessen zugunsten ihrer Unterordnung unter die Interessen der herrschenden gesellschaftlichen Minderheit.“
(Reinhard Opitz: Liberalismus – Faschismus – Integration. Band 1, S. 345)

„Wir“ gegen „die“

„Echte Macht – ich will das Wort gar nicht benutzen – ist Angst“. Diese Aussage Donald Trumps zitiert Bob Woodward in seinem Buch, das nicht umsonst den Titel „Fear“ trägt. Ein wichtiges Element des Wahlkampfs von Trump war sein Versprechen, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen. Ausgrenzung im wahrsten Sinn des Wortes. Wir kennen das nur zu gut: Die Flüchtlingswelle, die uns arbeitsame brave Deutsche hinwegschwemmt ins Verderben. Das Schaffen einer eigenen Identität in Abgrenzung zu anderen gehört zum Handwerkszeug der Formierung einer geschlossenen Heimatfront. Nationalismus, Wir gegen die. Beschworen wird die Bedrohung durch Terroristen, Ausländer, Flüchtlinge. In seinem Buch „Der Terrorist als Gesetzgeber“ analysierte Heribert Prantl die Zerstörung bürgerlicher Rechte in Deutschland unter Berufung auf den 11. September 2001 mittels der Terrorismusbekämpfungsgesetze. Wir erleben einen fortschreitenden reaktionären Staatsumbau, zum Beispiel durch die faktische Aushöhlung des Asylrechts, das bayerische „Integrationsgesetz“, die neuen Polizeiaufgabengesetze.

Schockwirkung

Angst zu schüren ist bestimmendes Element der Politik in Zeiten der Corona-Pandemie. Es gibt ein internes Strategiepapier des Bundesinnenministeriums, das nicht zur Veröffentlichung gedacht war, jedoch von „FragDenStaat“ bekannt gemacht wurde. Darin ist die Rede, dass man zur Hinnahme der staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie eine „Schockwirkung“ erzielen müsse. Es wird empfohlen, die konkreten Auswirkungen zu verdeutlichen, zum Beispiel wenn ein Angehöriger qualvoll erstickt, weil im Krankenhaus kein Platz ist: „Das Ersticken oder Nicht-genug-Luft-Kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst.“ Kindern solle man verdeutlichen, was passiert, wenn „sie dann ihre Eltern anstecken und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie zum Beispiel vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen“. Diese Methode heißt „Nudging“, vom englischen Wort für Schubsen oder Stupsen. Damit soll das Verhalten von Menschen auf vorhersagbare Weise beeinflusst werden, ohne dabei auf Verbote, Gebote oder ökonomische Anreize zurückzugreifen. Seit August 2014 gibt es beim Bundeskanzleramt ein Team, das sich mit dem Einsatz dieser Methode in der Politik befasst. So soll Akzeptanz geschaffen und reaktive Ablehnung von Maßnahmen der Regierung vermieden werden. Denken soll reflexartig erfolgen und verankertes Verhalten ausgelöst werden. Darauf setzt das Konzept der „Schockwirkung“, die auf „Urangst“ abzielt.

Ein anderes „modernes“ Mittel der Massenbeeinflussung ist „Framing“. Ein „Frame“ zielt ab auf die Wahrnehmung der Realität, soll sie beeinflussen und steuern, welche Informationen bei der angesprochenen Person hängen bleiben. Framing macht sich insbesondere das Denken in Bildern und Metaphern zunutze. Das bekannteste Beispiel zu Zeiten der Corona-Pandemie ist, China als Verursacher an den Pranger zu stellen. Was am 26. März für die „Bild“ eine Verschwörungstheorie war („Forscher widerlegen Verschwörungstheorie: Coronavirus ist keine Biowaffe aus dem Labor“), war am 15. April bereits mutiert zu „China unter Verdacht: Kam das Virus aus dem Labor von Wuhan?“ Immer begleitet von irgendwelchen Laborbildern. Als Frage formuliert, bleibt es mindestens als Wahrscheinlichkeit in den Köpfen hängen; der Diskurs ist vorgegeben.

Irrationalismus

„A democratic society, once established, destroys a free economy“ – Demokratie zerstört die freie Wirtschaft, meint Milton Friedman, Wirtschafts-Nobelpreisträger, einer der Gründungsväter des Neoliberalismus. Angela Merkel hat dafür einen sehr griffigen Begriff gefunden: „Marktkonforme Demokratie“.

Nach den anfänglichen Fehleinschätzungen der Gefährlichkeit des Virus agierte die Regierung, wie es sich für eine bürgerliche geziemt. Marktkonform halt. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) präsentierte schnell Forderungen nach Steuersenkungen und Aushebelung von Rechten zum Schutz der Arbeitnehmer, zum Beispiel des Arbeitszeitgesetzes. Er legte nach mit einem Forderungskatalog von 66 Punkten frei nach dem Motto: Was wir schon immer loswerden wollten. Abbau von „Bürokratie“, Lockerung für Ausfuhren (auch militärischer Güter), keine Verabschiedung des geplanten Unternehmensstrafrechts.

Es wäre zu kurz gegriffen, zu sagen, die Regierung habe ganz bewusst und geplant die Corona-Pandemie für ihre Notstandsübungen genutzt. Nein, dem Personal des Kapitals kann gar nichts anderes einfallen. So setzt man nicht auf Rationalität, Wissenschaftlichkeit, Information und Aufklärung, sondern auf „Wir-halten-zusammen“-Gedöns, „Schockwirkung“, Entrechtung, Gewaltausübung.

Zerstörung der Kollektivität

Im Kern liegt das mangelnde gemeinsame Handeln gegen soziale und politische Entrechtung darin begründet, dass die Menschen den Mitmenschen nicht nur als Konkurrenten betrachten, sondern dass sie – im Kapitalismus! – tatsächlich Konkurrenten sind. Unser marxistischer Begriff von Solidarität kommt deswegen auch nicht als moralische Empfehlung daher, mit der über dieses Konkurrentensein hinweggesehen werden soll. Unser Begriff von Solidarität kommt von dem bewussten gemeinsamen Kampf für die gleichen Klasseninteressen. Ohne Klassenstandpunkt ist der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen, setzt die eigene Befindlichkeit („Maulkorb trag ich nicht“) an oberste Stelle, sieht sich allenfalls noch lose verbunden mit anderen durch biologische Gemeinsamkeiten: jung oder alt; vorerkrankt oder nicht; dick oder dünn.

Agitation und Propaganda gehören zum Handwerkszeug von uns Kommunisten, allerdings entgegengesetzt der Absicht eines Edward Bernays.

Wahlkampfkulissen

Wie im Brennglas zeigt sich derzeit der Einsatz der Formierungsstrategien im Wechsel und Zusammenspiel von Verdummungs- und Verschleierungstechniken und mehr oder minder offener Gewalt an den Ereignissen um die Ermordung von George Floyd in den USA: Drohung mit Militäreinsatz einerseits, Verleumdung der Protestierenden als Randalierer, terroristische Antifa, von ausländischen Kräften gesteuert andererseits. Niemand braucht hier die Nase über die „Amis“ zu rümpfen. Gesellschaftliche Themen verkommen auch bei uns zur Kulisse für Wahlkämpfe. Corona wird zum Schaulaufen der Kanzlerkandidaten; das Elend Geflüchteter wurde ebenso in Wahlkämpfen verhackstückt (Obergrenze) wie die Pkw-Maut (Ausländermaut). Das Vorgehen gegen die Gegner des G20-Gipfels, die „Ende-Gelände“-Aktivisten (um nur zwei Beispiele zu nennen) gibt uns einen Vorgeschmack dessen, was passiert, wenn zunehmende soziale und politische Entrechtung zu Protesten treibt.

Erkenntnis der Interessen

„Der Propagandist vermittelt viele Ideen an eine oder mehrere Personen, der Agitator aber vermittelt nur eine oder nur wenige Ideen, dafür aber vermittelt er sie einer ganzen Menge von Personen.“ Auf diese Definition Plechanows beruft sich auch Lenin in „Was tun?“ und erläutert, „dass der Propagandist zum Beispiel bei der Behandlung der Frage der Arbeitslosigkeit die kapitalistische Natur der Krisen erklären, die Ursache ihrer Unvermeidlichkeit in der modernen Gesellschaft aufzeigen, die Notwendigkeit der Umwandlung dieser Gesellschaft in eine sozialistische darlegen muss und so weiter. Mit einem Wort, er muss ‚viele Ideen‘ vermitteln, so viele, dass sich nur (verhältnismäßig) wenige Personen alle diese Ideen in ihrer Gesamtheit sofort zu eigen machen werden. Der Agitator hingegen, der über die gleiche Frage spricht, wird das allen seinen Hörern bekannteste und krasseste Beispiel herausgreifen – zum Beispiel den Hungertod einer arbeitslosen Familie, die Zunahme der Bettelei und so weiter – und wird alle seine Bemühungen darauf richten, auf Grund dieser allen bekannten Tatsache der ‚Masse‘ eine Idee zu vermitteln: die Idee von der Sinnlosigkeit des Widerspruchs zwischen der Zunahme des Reichtums und der Zunahme des Elends, er wird bemüht sein, in der Masse Unzufriedenheit und Empörung über diese schreiende Ungerechtigkeit zu wecken, während er die restlose Erklärung des Ursprungs dieses Widerspruchs dem Propagandisten überlassen wird.“ (LW, Bd. 5, S. 423) Vorangestellt ist die Erforschung der Ursachen, die Erkenntnis der Zusammenhänge. Uns muss es bei unserer Agitation und Propaganda immer um die Schaffung von Bewusstsein, um die richtige Erkenntnis der Interessen gehen. In jeder noch so kurzen, prägnanten Losung steckt der Wille zu Bewusstwerdung, der Aufruf zur Umsetzung von Erkenntnissen in die gemeinsame Tat.

Wir wissen ebenso um die Bedeutung von Emotionen. Jeder, der das Glück hatte, einmal Esther Bejarano zu erleben, weiß, dass es nicht nur die politischen Positionen sind, die unsere Zustimmung finden, sondern dass ihr Mut, ihre mit Worten und Liedern vorgetragene Menschlichkeit und Parteilichkeit uns berühren und begeistern. Unser Ziel ist kein geringeres als – mit Karl Marx gesprochen – „… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

Als unverzichtbare Schritte auf dem Weg dahin gilt es, unsere Aufgabe wahrzunehmen, das Neue an dieser Situation zu analysieren, über Hintergründe zu informieren, Gefahren zu ermitteln, den Abbau sozialer und politischer Rechte zu erfassen und für ihre Wiederherstellung einzutreten. Dabei wird es in nicht unerheblichem Maße darum gehen, die Burgfriedenspolitik der Gewerkschaften zu überwinden.

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"Manipulation der Massen", UZ vom 19. Juni 2020



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