In diesen Tagen jähren sich bedeutsame historische Ereignisse. Zu den wichtigsten zählt die Befreiung Deutschlands vom Faschismus am 8. Mai 1945. Für Tausende aus mehr als 20 Ländern war dieses Ereignis zugleich die Befreiung aus über 42.000 Konzentrationslagern, Arbeitslagern, Ghettos, Zuchthäusern und Gefängnissen im „Herrschaftsbereich des deutschen Faschismus“. Befreiung war es auch für jene, die in der Illegalität lebten, ins Exil gegangen waren oder im eigenen Lande innerlich emigriert waren. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland hing aber der faschistischen Ideologie an. Sie konnten (noch) nicht begreifen, dass sie von einem verbrecherischen Regime befreit worden war. Zu sehr waren die meisten der Hitler-Ideologie gefolgt und ihr verhaftet. Für sie war es der „Zusammenbruch“, die „Niederlage“, das „Ende“. Persönlich empfanden sie allerdings das Kriegsende als Befreiung von Angst und Schrecken, von den Fliegeralarmen und Bombennächten. Ihnen ging es ums bloße Überleben. Schuldgefühle wurden verdrängt.
Es war Völkermord
Die Schuld Deutschlands wog schwer. Schon einmal war es Haupturheber eines Weltkrieges mit etwa 17 Millionen Toten gewesen. Jetzt aber trug es die Verantwortung für über 70 Millionen Tote. Die größten Opfer hatte die Sowjetunion mit mehr als 27 Millionen Toten zu beklagen, überwiegend Zivilisten und Kriegsgefangene. Schon am ersten Kriegstag, dem 22. Juni 1941, kamen über 16.000 sowjetische Bürger ums Leben. Die fast 900-tägige Blockade von Leningrad forderte etwa 1,1 Millionen Menschenleben. Über 18 Millionen Rotarmisten wurden im Krieg verwundet oder erkrankten. In der letzten Phase des Krieges waren an der Befreiung Berlins etwa 2,5 Millionen Rotarmisten beteiligt; über 80.000 starben. Die besetzten Gebiete der Sowjetunion glichen „verbrannter Erde“. Von allen Sowjetrepubliken verzeichnete Russland als größte und bevölkerungsreichste etwa die Hälfte aller Opfer und die meisten Zerstörungen. Zu Recht fordert die Russische Föderation die Anerkennung der deutschen Verbrechen als Völkermord.
In Erinnerung an die faschistischen Verbrechen wurde in diesem Jahr in der Russischen Föderation der 19. April als „Gedenktag für die Opfer des Völkermords am sowjetischen Volk durch die Nazis und ihre Helfershelfer während des Großen Vaterländischen Krieges 1941 – 1945“ eingeführt. Am 19. April 1943 hatte das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR die ersten strafrechtlichen Maßnahmen gegen die Besatzer und ihre Helfershelfer erlassen.
Die Einheit wurde verhindert
Die Überlegungen, Deutschland, dem „Land der Täter“, die gleichberechtigte Mitgliedschaft in der Völkergemeinschaft zu verwehren und es vollständig zu deindustrialisieren, war nachvollziehbar. Die Entscheidung der Alliierten, der vier Siegermächte Großbritannien, Sowjetunion, USA und Frankreich, fiel anders aus. Ausgerechnet die Sowjetunion mit den meisten Opfern setzte sich für Deutschland ein. Stalins Ausspruch vom 23. Februar 1942: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt“, verdeutlicht am treffendsten den Humanismus des ersten sozialistischen Staates der Erde.
Wie die Zukunft Deutschlands aussehen sollte, bestimmte das Potsdamer Abkommen. Deutschland sollte ein friedliches Land werden, das nie wieder in der Lage und willens sein würde, Krieg zu führen. Deshalb sollten nicht nur die Täter bestraft, sondern auch die Urheber dieser Politik wirtschaftlich und politisch entmachtet werden.
Die Westmächte und ihre deutschen Vasallen unter Adenauer verhinderten aber ein einheitliches, friedliches Deutschland. Sowjetische und ostdeutsche Bemühungen zur Herstellung der Einheit blieben ergebnislos. Stalins Vorschlag von 1952 für einen Friedensvertrag und ein einheitliches, souveränes und neutrales Deutschland wurde abgelehnt. Die Entwicklung in den drei Westzonen und in der sowjetischen Besatzungszone und in den beiden 1949 gegründeten Staaten BRD und DDR verlief völlig gegensätzlich.
Gedenken in Ost und West
Antikommunismus und Antisowjetismus bestimmten über Jahrzehnte das politische Klima. Die mit dem Sieg über den Faschismus verheißungsvolle friedliche Perspektive für Europa und darüber hinaus hatten insbesondere die USA und Großbritannien für einen Kalten Krieg gegen die sozialistischen Länder im Interesse ihrer imperialen Politik geopfert. Infolgedessen war die Befreiung vom Faschismus in der Bundesrepublik kein Thema von Staatsrang. Kein Wunder, waren doch die alten Nazis wieder in führenden Positionen, wie zum Beispiel der Judenmörder Hans Globke, der über zehn Jahre Kanzleramtsminister von Adenauer war. Erst ab 1985 wurde offiziell von der Befreiung gesprochen, nachdem dies Richard von Weizsäcker in einer Rede geäußert hatte.
Friedensaktivisten, Antifaschisten und vor allem Kommunisten schätzten dagegen auch in Westdeutschland schon frühzeitig den entscheidenden Anteil der Sowjetunion an der Befreiung vom Faschismus und ehrten deren Opfer. Sie und ihre Partei und Organisationen wurden aber verfolgt, verboten und bestraft.
In der DDR wurde das Gedenken an die Befreier zu einer Angelegenheit des Staates und zunehmend der gesamten Gesellschaft. Im Laufe der Jahre ist dies zur Herzenssache der meisten Bürger geworden. Dazu trugen Kenntnisse, Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse beim Aufbau einer neuen Gesellschaft bei. Tausende DDR-Bürger arbeiteten, lernten, studierten gemeinsam mit Sowjetbürgern. Bereits ab 1950 wurde der 8. Mai als „Tag der Befreiung“ begangen. Über sechs Millionen Bürgerinnen und Bürger gehörten der Freundschaftsgesellschaft „DSF“ (Deutsch-Sowjetische Freundschaft) an.
Im staatlich vereinten Deutschland danken heute Menschen in Ost und West den Befreiern durch jährliches Gedenken. In vielen Orten Deutschlands gibt es dafür Ehrenhaine, Gedenkstätten, spezielle Friedhöfe und einzelne Gräber mit Rotarmisten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene. Insgesamt existieren in Deutschland etwa 5.000 solcher Gedenkorte, die meisten auf dem ehemaligen Territorium der DDR. Die bedeutendsten Memoriale befinden sich in Berlin – in Treptow, Schönholz und Tiergarten.
Mobilmachung gegen Russland
Mit der Reaktion Russlands 2022 auf die NATO-Erweiterung nach Osten, den faschistischen Putsch und den Bürgerkrieg im Donbass sowie der Aufrüstung der Ukraine wurde die Russische Föderation zum Feind erklärt. Seither wird behauptet, Russland bereite einen Krieg gegen den Westen vor. An der Spitze solcher Feindseligkeiten steht wiederum Deutschland, das gegen Russland mit Russophobie, Militarisierung und Aufrüstung mobil macht.
Dem steht eine Gedenk- und Erinnerungskultur mit der Anerkennung der historischen Leistungen und den Opfern der Sowjetunion/Russlands im Wege. Eine entscheidende Voraussetzung für die großdeutschen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ziele ist die Auslöschung der Erinnerungen an Verantwortung, Schuld und Befreiung. Deshalb werden die historischen Tatsachen geleugnet und umgedeutet. Dabei hilft den deutschen Kriegstreibern die russlandfeindliche EU.
In einer Entschließung des Europäischen Parlaments vom 19. September 2019 zur „Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“ anlässlich des 80. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges wurde der Sowjetunion Mitschuld am Krieg gegeben. Als „Beweis“ wurde der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt von 1939 angeführt. Verschwiegen wurde, dass sich die Westmächte geweigert hatten, rechtzeitig ein Bündnis gegen die Gefahr des Faschismus einzugehen. Für die Sowjetunion war mit diesem Vertrag ein wichtiger Zeitgewinn verbunden. In der Entschließung des EU-Parlaments wird die sozialistische Sowjetunion zudem gleichgesetzt mit dem faschistischen Deutschland. Der Deutsche Bundestag zog 2025 hinterher und bekannte sich zum 80. Jahrestag der Befreiung 2025 zu einer „differenzierten Erinnerungskultur“. Dabei betonte er die Singularität des Holocaust, die größte Opfergruppe, die Sowjetbürger, fand nur noch am Rande Erwähnung. Russland wurde gar nicht genannt, dafür ausdrücklich die Ukraine. So wird Geschichte relativiert.
Verbote und Repression
Hass und Hetze gegen Russland werden seit Jahren von den deutschen Leitmedien betrieben – oft im Goebbelsschen Stil. Große Teile der Geschichtswissenschaft orientieren sich auf „neue Erkenntnisse“ im Sinne der politischen Vorgaben. Gefördert und belohnt werden nur diejenigen, die diesem Kurs folgen. Das Bildungswesen vermittelt dasselbe Bild an Kinder und Jugendliche. Deutsche Revanchisten und ukrainische Faschisten können ungestört ihre Ideologien verbreiten. Der ukrainische Faschist Bandera darf als „Volksheld“ gefeiert werden.
Versammlungen, Feiern und Aufzüge zum Gedenken und zur Erinnerung an die Befreier werden weitgehend eingeschränkt. Nach einer „vertraulichen Handreichung“ aus dem Auswärtigen Amt unter Annalena Baerbock vom April 2025 sind Vertreter der Russischen Botschaft und von Belarus bei offiziellen Gedenkveranstaltungen in ehemaligen Konzentrationslagern unerwünscht. Fahnen, Symbole, Ehrenbänder, Lieder und Ehrenzeichen der Sowjetunion, Russlands und der Donbassrepubliken sind verboten. Letztere werden von der Bundesanwaltschaft als Terrororganisationen eingestuft. Verstöße gegen behördliche Anordnungen werden repressiv verfolgt, oft unter Anwendung von Gewalt. In nicht wenigen Fällen wird mit dem Strafrecht gegen Freunde der Sowjetunion und der Russischen Föderation vorgegangen, weil sie angeblich einen Angriffskrieg unterstützen oder Volksverhetzung begehen. Der Kern solcher Vorwürfe: sie würden den öffentlichen Frieden gefährden.
Seit Jahren erlassen die Behörden in Berlin zum 8. und 9. Mai dieselben strengen Auflagen für Veranstaltungen an den Denkmalen. Eine bereits 2024 gegen die Allgemeinverfügung des Landes eingereichte Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin wurde bis heute nicht behandelt. Ein Gerichtstermin ist auch in diesem Jahr erst nach den Gedenkveranstaltungen für den 19. Mai angesetzt.
Ganze Arsenale von „Aufarbeitern der Geschichte“ forschen zu Methoden ihrer Fälschung. Im November 2025 wurde der Bundestag über eine „Konzeption des Bundes für die Gedenkstätten zur Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur“ informiert. Schon im Titel wird die DDR mit dem faschistischen Deutschland gleichgesetzt. Besonderes Augenmerk wird auf die Gedenkstätten, Mahn- und Erinnerungsorte gelegt. Das betrifft nicht zuletzt die sowjetischen Gedenkorte der Befreiung. Wegen vertraglicher Vereinbarungen mit Russland und dem Bedürfnis großer Teile der Bevölkerung müssen die Gedenkorte erhalten bleiben. Deshalb wird fieberhaft nach Wegen der Umgestaltung gesucht. Es kommt zu Umwidmungen, Umbenennungen oder Zusatzerklärungen, die dem politischen Anliegen der deutschen Machthaber und den Feinden Russlands gerecht werden. Den Ankündigungen folgen nun konkrete Maßnahmen.
Geschichtsfälscher am Werk
Am 26. März 2026 fand im „Museum Berlin-Karlshorst“ eine Konferenz statt. Dieses Museum hat zentrale Bedeutung in der Erinnerungskultur, da dort die bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands besiegelt wurde. Allein die mehrfache Umbenennung des Museums steht für einen geschichtsfremden und feindseligen Umgang mit der Vergangenheit. Aus dem „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg“ wurde 1995 das „Deutsch-Russische Museum“ und 2022 das „Museum Berlin-Karlshorst“. Am Museum weht nur noch die ukrainische Fahne. Ausstellung und Öffentlichkeitsarbeit des Museums entsprechen weitgehend den Narrativen der politischen Vorgaben. An diesem historischen Ort berieten nun sogenannte Experten unter Ausschluss der Presse und der Öffentlichkeit unter dem Motto „Fremdes Gedenken – eigene Verantwortung? Sowjetische Ehrenmale und deutsche Erinnerungskultur“. Die Veranstalter, die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ und das „Ukrainische Institut in Deutschland“, bekannt für ihre Fälschungen von Tatsachen, und ihre „Experten“, werden ihren Auftraggebern mit Sicherheit Ergebnisse präsentieren, die deren politischer Strategie von Geschichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit gerecht werden. Sie sollen zur Festigung der „Heimatfront“ und der weiteren Vorbereitung eines Krieges gegen Russland beitragen.
Nicht mit uns!
Wir müssen uns diesen Volksverführern und Volksverhetzern entgegenstellen. Wir lassen uns die Erinnerungen an die Befreiung vom Faschismus und den Dank an die Befreier nicht nehmen. Sie bestimmen maßgeblich unsere Haltung und unser Handeln. Als Lehre aus der deutschen Vergangenheit und aus Verantwortung für die Zukunft sagen wir:
Schluss mit diesem Kriegswahnsinn! Russland ist nicht unser Feind. Wir wollen Frieden mit Russland!
Unser Autor war Stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR und ist Vorsitzender der Gesellschaft für rechtliche und humanitäre Unterstützung (GRH)









