Evangelische und Katholische Kirche im Gleichschritt auf Kriegskurs – Teil 2

Seelsorger für Kanonenfutter

Klaus Hartmann

Kirche und Militär arbeiten im Kriegsfall eng zusammen. Die deutschen Bischöfe und das Verteidigungsministerium vereinbarten bereits Ende 2025 einen Plan, der bisher geheim gehalten wurde. Er heißt: „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Auch bekannt als „Geistlicher Operationsplan Deutschland“, abgekürzt „GOD“.

Mit der Geheimhaltung hat es nicht geklappt. Die militärkritische „Ökumenische Initiative zur Abschaffung/Reform der Militärseelsorge“ hat das 26-Seiten-Papier auf ihrer Internetseite im März öffentlich gemacht:

Ein Kommentar von Klaus-W. Müller aus Frankfurt am Main auf der Seite fasst den Plan der Geistlichen zusammen: „In diesem Papier steht, dass wir (Diakone, Pfarrer, Pastorinnen und Pastoren) im Kriegsfall die vielen Todesnachrichten überbringen sollen, den Kriegswitwen und -waisen beistehen sollen, dass wir im Kriegsfall eng mit ‚staatlichen Stellen‘ zusammenarbeiten sollen und vor allem dass wir für ‚Ruhe und Ordnung‘ im Land sorgen sollen.“ Müller fragt: „Warum steht in dem Plan nicht, dass wir im Kriegsfall zur Kriegsdienstverweigerung aufrufen und Deserteure unterstützen sollen? Warum steht in dem nicht, dass wir uns im Kriegsfall für einen sofortigen Waffenstillstand, für Abrüstung, Verhandlungen und gewaltfreie Methoden einsetzen sollen?“

Die Bedrohungslüge

Einleitend schreiben die göttlichen Autoren, der Plan benenne „angesichts neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen (…) die seelsorglichen Aufgaben in Szenarien militärischer Bedrohung und gewaltsamer Konflikte, die auch Deutschland unmittelbar betreffen können“. Dabei würden mögliche Belastungen für die Zivilbevölkerung, Soldatinnen und Soldaten, Einsatzkräfte, Verwundete, Gefallene, Kriegsgefangene und Geflüchtete in den Blick genommen. Das Konzept zeige auf, wie „kirchliche Strukturen vorbereitet, vernetzt und gestärkt werden können, um in Krisenfällen handlungsfähig zu bleiben und den Menschen beizustehen“. Nicht zuletzt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeige, dass so ein Fall tatsächlich eintreten könne.

Als „Ersatz-Katechismus“ gilt offenbar die Nationale Sicherheitsstrategie der Bundesregierung, garniert mit neuen Lügen von der Bedrohung aus dem Osten: „Deutschland und seine europäischen Nachbarn sind jetzt schon Angriffsziel: Hybride Bedrohungen, Angriffe auf die kritische Infrastruktur, Cyberattacken sind nur einige Stichpunkte. Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen.“ Dabei stehen ihnen „drei Szenarien“ vor den geistlichen Augen:

  • „Im Spannungsfall steht eine militärische Auseinandersetzung bevor, auf die sich Deutschland und seine Bündnispartner vorbereiten.
  • Der Bündnisfall tritt ein, wenn ein Mitgliedsstaat oder mehrere Mitgliedsstaaten in Deutschlands Bündnissen (NATO oder EU) angegriffen werden. Damit tritt Deutschland ggf. in einen internationalen bewaffneten Konflikt ein. Deutschland ist aber selbst nicht Ort der militärischen Auseinandersetzung.
  • Im Verteidigungsfall wird Deutschland selbst durch militärische Kräfte angegriffen und wird somit selbst zum Gebiet militärischer Auseinandersetzungen.“

Allen Ernstes glauben die Verfasser, im „Operationsplan Deutschland“ der Bundeswehr seien „Verfahren, Abläufe und Zuständigkeiten festgelegt, um die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands zu schützen und den Einsatz der alliierten Streitkräfte im Grenzgebiet der NATO sicherzustellen“. Jetzt gehe es um die Erzeugung eines „gesamtgesellschaftlich resilienten Mindsets“, um Fragen nach „der Funktionsfähigkeit der Gesellschaft, wenn die Streitkräfte an der Ostflanke stehen und das Bündnis verteidigen.“ Und natürlich gehe es um die Frage: „Welche Rolle und Aufgabe haben die Religionsgemeinschaften und ihre Seelsorgenden?“ Wenn eine erhöhte Anzahl von Soldatinnen und Soldaten im Inland betreut werden müsse, erfordere das mehr Militärgeistliche und einen Ausbau der Struktur der Militärseelsorge.

Vorbereitung auf den Ernstfall

Diese Lage erwarten die Propheten: „Im Bündnisfall wird die Hauptfunktion Deutschlands die einer logistischen Drehscheibe sein. Das heißt, durch Deutschland werden militärisches Material und Personal transportiert. Gleichzeitig werden Verwundete und Gefallene nach Deutschland zurückgebracht und von hier aus weitertransportiert werden.“ Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine müsse von einer hohen Anzahl an Verwundeten und Gefallenen ausgegangen werden. Für die Religionsgemeinschaften stellten sich insbesondere Fragen nach den Formen einer würdigen Bestattung und multireligiöser Trauerfeiern. Es gehe außerdem darum, wie die Überbringung von Todesnachrichten erfolge und wie die Angehörigen seelsorglich begleitet werden können.

Es sei auch mit einer hohen Anzahl von Soldatinnen und Soldaten zu rechnen, die stark belastet beziehungsweise mit Traumafolgestörungen nach Deutschland zurückkehren. Auch hier stelle sich die Frage nach ihrer Betreuung. Ebenso bei der kriegsgestressten Zivilbevölkerung: „Durch (die) Bewegungen im Land wird es für die Zivilbevölkerung Einschränkungen in bisher unbekanntem Ausmaß geben. Das wird zu großer Verunsicherung führen und auch hier Betreuungsbedarf generieren.“ Bedarf an neuen Strukturen gebe es aber kaum. Bemerkenswert: „Wo das Rahmenkonzept sie ausnahmsweise nahelegt, zieht es Lehren aus der Zeit der Corona-Pandemie.“

Kirchliche Krisenstäbe

Die Kirchen sollen sich jetzt vorbereiten: „Unabdingbar ist die Einrichtung von Krisenstäben jeweils auf landeskirchlicher und diözesaner Ebene. Nur so wird sich die seelsorgliche Praxis bei verheerenden Ereignissen anpassen können.“ Es gehe dabei konkret um die nötige Unterstützung der Menschen, deren Dienst für die Aufrechterhaltung der Ordnung in einem Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall mitentscheidend sei. Der weitaus größte Bereich seelsorglicher Praxis gelte aber der Zivilbevölkerung. Es sei mit Massentraumatisierungen zu rechnen. Das setze individueller psychologischer oder seelsorglicher Begleitung Grenzen.

Auch für die medizinische Versorgung wird nichts Gutes erwartet. Bei einem bewaffneten Konflikt auf deutschem Staatsgebiet sei von einer sehr großen Opferzahl auszugehen. Das Gesundheitssystem werde vor größte Herausforderungen gestellt: „Kapazitäten für verletzte Soldaten, möglicherweise auch Zivilisten und psychisch überlastete Personen, greifen tief in den Regelbetrieb ein und können selbstverständlich gewordene Standards der bestmöglichen individualmedizinischen Versorgung außer Kraft setzen.“ Triagierungen mit ihren Herausforderungen seien hier nur ein Beispiel. Für das medizinische Personal komme es zu einer extremen Belastung: „vermehrte Arbeitszeiten, Konfrontation mit ungewohnten Arten von Verletzungen, Umgang mit eigenen Sorgen und Ängsten.“

Wenn schon die medizinische Betreuung nicht funktionieren wird, sollte es doch am religiösen Beistand nicht mangeln: „In einer solchen Situation kommt der Krankenhausseelsorge eine neue Bedeutung zu. (…) Ein verstärktes Angebot von Gottesdiensten, Ritualen und Gebeten wird ein kaum zu überschätzendes Element sein, um möglichst viele Menschen spirituell begleiten zu können.“

Fromme Worte und Gebete werden leider nur sehr begrenzt eine lebenserhaltende Wirkung entfalten, daher muss man dem Ende ins Auge sehen: Den Gefallenen komme eine besondere Fürsorge zu. Nach Möglichkeit sollten sie im Kreise der Familie bestattet werden. Sollte die Zahl der Gefallenen allerdings sehr hoch und ein Transport in die Heimat nicht mehr möglich sein, müssten andere Möglichkeiten des Gedenkens für die Angehörigen organisiert werden. Gedacht ist an die „Schaffung von temporären oder festen Gedenkorten und -zeiten. Neben dem Volkstrauertag, dem Ewigkeitssonntag und Allerseelen müssten weitere Zeiten und Orte geschaffen werden.

Das alles soll am Geld – des Steuerzahlers – nicht scheitern. „Wenn rechtzeitig Vorbereitungen erfolgen, können im Ernstfall Ressourcen besser aktiviert und rascher ausgebaut werden. Aufgrund der finanziellen Situation der Kirchen werden zurzeit auch dort Stellen abgebaut, wo sie im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall gebraucht werden.“ Dabei darf man nicht vergessen, dass die segensreiche Tätigkeit von Militärbischöfen bis zur Militärseelsorge nicht aus Mitteln der Kirchensteuer, sondern aus dem Verteidigungshaushalt finanziert wird. Was zumindest den kleinen Trost spendet, dass diese paar Euro wenigstens nicht für scharfe Munition zur Verfügung stehen.

Moralische Aufrüstung

Die Pfaffen beschreiben in ihrem „Plan“ beängstigend realistisch die erwarteten Opfer unter der Zivilbevölkerung, die hohe Zahl an Toten und Verwundeten an der Front und ein kollabierendes Gesundheitswesen – dazu fällt ihnen aber nur ein, wie sie das Kanonenfutter moralisch aufrüsten und nach dessen Ende dann mit christlichem Trost und Segen unter die Erde bringen. Und wie die Regierungslautsprecher haben sie keinen Zweifel, dass die Bedrohung aus dem Osten kommt, und der Krieg, auf den sie sich vorbereiten, gegen Russland geführt wird.

Es gibt in dem Dokument keinen Gedanken daran, sich dem Marsch in den Krieg zu widersetzen, stattdessen sehen die Kirchen ihren Platz als gut geschmierte Rädchen in der Kriegsmaschinerie. Dabei vergessen sie sogar ihre eigene Glaubensmaxime „Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften“ (Jakobus 3, 18) oder „Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34, 15) oder „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5, 9). Die innerkirchliche Opposition gegen den militaristischen Kurs der Kirchenoberen ist leider sehr leise und scheint auf verlorenem Posten zu stehen.

Verlorene Schafe

Unter diesem Gesichtspunkt ist es eine gute Nachricht, wenn die beiden großen Kirchen weiter in schnellem Tempo Mitglieder verlieren. Die EKD registrierte 2025 rund 350.000 Austritte, der katholischen Kirche kehrten gut 307.000 Menschen den Rücken, zusammen 657.000 „verlorene Schafe“.

Den Evangelischen Landeskirchen gehörten am 31. Dezember 2025 rund 17,4 Millionen Menschen an, Ende 2024 waren es noch 17,9 Millionen gewesen. Die Katholische Kirche hatte im Dezember 2025 noch 19,2 Millionen Mitglieder, im Jahr zuvor waren es noch 19,7 Millionen. Etwa 1,2 Millionen seien 2025 aus den beiden Kirchen ausgetreten oder verstorben, meldete die ARD-Tagesschau am 16. März. Damit liegt ihr gemeinsamer Anteil nur noch bei etwa 44 Prozent der Bevölkerung, so die „Stuttgarter Zeitung“. Der neugewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, kommentierte die Entwicklung mit den Worten, die Kirche müsse „nach Wegen suchen, wie Christsein heute in der Gesellschaft zu größerer Akzeptanz führen kann“. Ob der Weg in den Militarismus dazu geeignet ist?

Teil 1 des Beitrages erschien unter der Überschrift „Wehrpflicht mit Gottes Segen“ in UZ vom 8. Mai

Klaus Hartmann ist Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes. Eine Erklärung des Verbandes gegen den Kriegskurs der Kirchen findet sich hier.

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"Seelsorger für Kanonenfutter", UZ vom 15. Mai 2026



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