Katja und Thomas Geggel sind beide über 75 Jahre alt und unermüdlich aktiv in der Palästina-Solidarität. Thomas Geggel ist als Kommunist Mitglied der „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost!“. Er kämpft für das Ende des israelischen Völkermords in Palästina und gegen die Repressionen der Solidaritätsbewegung hierzulande. Ein Kampf, der auch mit der Familiengeschichte des antifaschistischen Ehepaars – nicht zuletzt beim Aufbau der DDR – zu tun hat. UZ sprach darüber mit Thomas Geggel.
UZ: In deiner Rede zur Selbstbefreiung Buchenwalds im April sagtest du, der Schwur „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ sei zu deiner DNA geworden. Wie hat deine Familiengeschichte diese Haltung geprägt?
Thomas Geggel: Mein Vater Heinz Geggel musste Deutschland 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung verlassen. Er ging in die Schweiz, später nach Belgien. Nach dem deutschen Überfall floh die Familie nach Frankreich. Dort wurden mein Vater und mein Großvater interniert, später landeten sie im Lager Gurs. Fast alle anderen Verwandten wurden in Auschwitz vergast.
Nur Vater und Großvater wurden von jüdischen Hilfsorganisationen freigekauft. Sie kamen auf ein Schiff Richtung USA, doch die USA verweigerten deutschen Juden die Einreise, daher gingen sie 1940 in Kuba an Land. Dort machte mein Vater die Bekanntschaft mit dem deutschen Kommunisten Gert Caden, der ihn prägte und an den Kommunismus heranführte. Mein Vater arbeitete als Diamantenschleifer in Havanna und wurde Mitglied der dortigen Metall-Gewerkschaft und erster Sekretär des Komitees deutscher Antifaschisten in Kuba. Nach der Kapitulation der Faschisten am 8. Mai 1945 bekam er den Auftrag, dafür zu sorgen, dass alle Antifaschisten aus Kuba nach Deutschland zurückkehren können. Aber die Amerikaner, die in Kuba das Sagen hatten, verhängten ein Ausreiseverbot für deutsche Antifaschisten. Sie wollten verhindern, dass sie beim Aufbau eines antifaschistischen Deutschlands helfen. Also geschah alles illegal. Mein Vater organisierte Fluchten und kam dann als letzter Antifaschist aus Kuba 1948 zurück nach Deutschland. Er wurde Redakteur beim Rundfunk der Sowjetischen Militäradministration und später beim DDR-Rundfunk.
UZ: Über die Zeit im Lager hat dein Vater nicht gesprochen …
Thomas Geggel: Nein, über die Lagerzeit sprach er nie. Erst nach seinem Tod fanden wir ausführliche Aufzeichnungen. Da wurden mir manche Kindheitserlebnisse erst richtig bewusst: Als Kind brachte ich mal ein Kätzchen bei uns im Keller unter. Mein sonst herzensguter Vater bemerkte es recht schnell und bestimmte: „Du hast eine Stunde Zeit, dann ist die Katze weg.“ Meine Mutter erklärte mir einige Tage später, dass es mit seinen Lagererlebnissen zu tun hatte und sie dort streunende Hunde und Katzen gegessen hatten. Das hinterließ tiefe Spuren bei mir.
Mein kommunistischer Großvater mütterlicherseits wurde 1933 von der SA halb totgeschlagen, kam in Moabit in Haft und wurde wegen Hochverrats verurteilt. Später schickte man ihn zum Strafbataillon 999 an die Front. Danach verliert sich jede Spur. Die Erzählungen meiner Großmutter und meiner damals 4-jährigen Mutter berühren mich bis heute.
Und auch die Geschichte der Familie meiner lieben Frau Katja prägte uns: Ihr Vater wurde 1941 zur Wehrmacht eingezogen und lief bei erster Gelegenheit zur Roten Armee über.
Der Antifaschismus gehört zur DNA unserer Familie – bis heute.
UZ: Du wurdest 1949 quasi in diese antifaschistische Geschichte deiner Familie hineingeboren – kurz vor der Gründung der DDR. Deine Familie wirkte mit beim Aufbau des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden. Wie erging es euch als Verfolgte mit jüdischer Abstammung in diesem Teil Deutschlands?
Thomas Geggel: In unserem Umfeld in der DDR war es normal, dass wir auch jüdische Überlebende und Rückkehrer als Freunde hatten. Für mich war es normal, dass Freunde der Familie eine eintätowierte Nummer trugen. Ich bin, ohne ein jüdisches Bewusstsein zu haben, mit diesen Umständen groß geworden. In die DDR kehrten Juden zurück, die die Hoffnung hatten, ein antifaschistisch-demokratisches Deutschland aufzubauen – eine Schar antifaschistischer Juden, die zum Kommunismus fanden, wie Anna Seghers und viele andere. Sie fanden ihre Heimat in der DDR.
Unser Leben in der DDR war aber überhaupt nicht jüdisch geprägt, weil es keine Rolle spielte, welcher Abstammung man war. Viele berühmte Künstler und Wissenschaftler waren jüdischer Abstammung, aber es war nicht der jüdische Arzt oder der jüdische Wissenschaftler, sondern es waren der Arzt, der Wissenschaftler, der Künstler. Die eher gutbürgerlichen jüdischen Menschen gingen größtenteils in die Bundesrepublik. Einige begriffen später, dass der Faschismus dort weiter existierte, mit den gleichen Nazis, die sie ein paar Jahre zuvor ermorden wollten!
Die BRD versuchte jüdische Menschen zu integrieren und vereinnahmte sie für ihren trügerischen „Antifaschismus“. Das Ergebnis sehen wir heute: die Verlogenheit der sogenannten deutschen Staatsräson. In der DDR wurden alle Opfer in den Mittelpunkt der Politik gestellt. Opfer des Faschismus sind Opfer des Faschismus – da mache ich keinen Unterschied zwischen Juden und Sowjetbürgern, zwischen Christen, Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Wir sprachen über die 27 Millionen sowjetischen Opfer und die eine Million Opfer in Leningrad genauso wie über die jüdischen Opfer. Das ist Internationalismus, Solidarität, und keine Einseitigkeit auf eine Menschengruppe.
UZ: Das spiegelte sich auch in der Politik der DDR wider – innenpolitisch wie außenpolitisch, zum Beispiel in den Beziehungen zum Staat Israel …
Thomas Geggel: Ja, natürlich. Für mich war die DDR ein ehrlicher antifaschistischer Aufbruch – das bestätigte mir der Umgang mit den Menschen in unserem Familienumfeld. Ein ehrlicher Aufbruch auch von ehrlichen Sozialdemokraten. Die angebliche Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED ist Quatsch. Es waren ehrliche Sozialdemokraten, die den Aufbruch mit den Kommunisten wagten. Die DDR war der jahrzehntelange Beweis dafür.
Mit 14 war ich in Buchenwald, mit 15 in Auschwitz. Die Glaswände mit den Schuhen, Brillen und vor allem den Haaren – danach konnte ich es nicht ertragen, wenn beim Friseur die Haare zusammengekehrt wurden.
Ich übernahm früh Verantwortung in der sozialistischen Gesellschaft als Pionier und später als FDJ-Funktionär. Oberstes Gebot war internationale Solidarität – der Einsatz für den Befreiungskampf unterdrückter Völker. Wir hatten nie diplomatische Beziehungen zu Israel, weil die DDR sehr früh erkannte, dass dort Zionisten ein siedlerkolonialistisches Apartheidsystem aufbauen. Deshalb unterstützten wir den Freiheitskampf der Palästinenser. Heute bestätigt sich das: Israel begeht einen Genozid in Gaza – unterstützt von der mehrheitlich zionistisch erzogenen Bevölkerung. Erschütternd ist zum Beispiel, dass schon kleine Kinder in Israel als Soldaten verkleidet spielerisch Palästinenser töten. Durch meine Familiengeschichte weiß ich, wie Unterdrückung aussieht. Internationale Solidarität war antifaschistische Herzenssache für die DDR und für mich.
UZ: Mit der Konterrevolution und Annexion der DDR war dieser antifaschistische Staat dann Geschichte – wie seid ihr damit umgegangen?
Thomas Geggel: Ich musste mich erst einmal beruflich neu orientieren, die Familie stand im Vordergrund … Ja, 1990 brach die Welt für mich zusammen. Ich fühlte mich zwar weiter als Kommunist, trat aber aus der SED-Nachfolgepartei aus, als sie auf sozialdemokratische Linie einschwenkte. Wir waren aber immer aktiv in der Friedensbewegung.
Erst im Jahr 2000, mit dem Tod meines Vaters, der Aufarbeitung seiner Geschichte und der aktuellen politischen Entwicklung in Deutschland rückte die jüdische Abstammung wieder ins Bewusstsein. Es wurde notwendig, weil wir von einem Staat okkupiert wurden, in dem die faschistische Entwicklung wieder sichtbar wurde – und damit meine ich nicht bloß die AfD. In der alten Bundesrepublik wurde der Faschismus nie ernsthaft aufgearbeitet. Um nicht als antisemitisch zu gelten, erfand sie die Staatsräson – uneingeschränkte Solidarität mit Israel. Das Hauptproblem ist, dass Israel und das Judentum gleichgesetzt werden. Die israelische zionistische, in meinen Augen faschistische Regierung ist nicht gleichzusetzen mit dem Judentum. Wegen der hier verordneten bedingungslosen Solidarität mit Israel und dem gleichzeitig vor aller Augen stattfindenden Völkermord in Gaza fühlte ich mich verantwortlich, mich stärker auf die Solidarität mit Palästina zu konzentrieren.
UZ: Du bist vor wenigen Jahren aktives Mitglied bei der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ geworden. Und ich sehe euch beide, Katja und dich, beinahe auf jeder Palästina-Demonstration …
Thomas Geggel: Es ist notwendig: Wir können nicht still im Sessel sitzen, wenn vor aller Augen ein Genozid stattfindet. Und die palästinensischen Menschen geben es doppelt zurück. Was wir auf den Kundgebungen erleben, wie sie mit uns Freundschaft schließen und uns in den Arm nehmen – das ist eine ergreifende Herzlichkeit.
UZ: Diese Kraft und Stärke der Solidarität ist es womöglich auch der Grund, warum die Herrschenden die Palästina-Solidarität mit Polizeiknüppeln und Verboten unterdrücken. Auch du wurdest schon zweimal festgenommen …
Thomas Geggel: Das erste Mal, weil ich im Zusammenhang mit dem 7. Oktober fragte: Kann man Gaza mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto vergleichen? Das wurde als Verherrlichung des Holocaust ausgelegt. Das zweite Mal, weil ich sagte: In Auschwitz haben sie die Menschen in die „Duschen“ geführt und ermordet, in Gaza wurden die Menschen zu „Hilfspunkten“ gelockt und zielgerichtet erschossen. Da wurde ich in einen Zellenwagen geführt und mit Sprechverbot zurückgeschickt. Aber als ich zur (aufgelösten) Demo zurückkam, hatten sich viele Teilnehmer auf die Straße gesetzt: Wir gehen nicht, bevor Thomas frei ist! Diese Solidarität berührte mich tief! Diese Menschlichkeit gibt uns Kraft weiterzumachen. Es ist besonders, was diese unterdrückten Menschen uns zurückgeben. Wir sind nichts Besonderes, wir leisten nur unseren Anteil. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, mich für unterdrückte Menschen einzusetzen – ob für Palästinenser, aber auch für Menschen und Völker in Lateinamerika, in Kuba.
UZ: Einen besonders perfiden Fall von Geschichtsvergessenheit und deutscher Staatsräson erleben wir im KZ Buchenwald. Dort sollen seit zwei Jahren zum Gedenken an die Selbstbefreiung der Lagerinsassen keine Kufiya (Palästinensertücher) als politisches Symbol der Solidarität mit Palästina getragen werden …
Thomas Geggel: Das ist beschämend. Diese Vereinnahmung wird auch von Antifaschisten aus Teilen der VVN-BdA und des Buchenwalder Lagerkomitees getragen. Sie erkennen nicht, dass der Schwur von Buchenwald „Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg“ ein Auftrag zum Handeln ist. Man will uns aufzwingen, lediglich der Toten zu gedenken. Aber was nützt es, der Toten zu gedenken, wenn ich nicht die richtigen Lehren ziehe? Diese Lehre heißt, sich gegen jegliche faschistische Erscheinung – auch in Israel – einzusetzen. Die staatlich gelenkten Aktionen gegen die AfD sind eine Heuchelei und Ausdruck der „Staatsräson“.
Deshalb habe ich mich auch an der Aktion „Kufiya in Buchenwald“ beteiligt. Anlass war die Verfolgung der Antifaschistin Anna, die ein Jahr zuvor Hausverbot erhielt, weil sie eine Kufiya trug. Für mich war das Ausdruck der Unterdrückung jeder sozialen antifaschistischen Bewegung, die im Umgang mit Anna ihren Höhepunkt fand. Der Protest dagegen heißt auch, die richtigen Lehren zu ziehen, um aufzuklären und die Menschen wachzurütteln. Bei der diesjährigen Kundgebung in Buchenwald am Glockenturm sagte ich zum Abschluss meiner Rede: Hoch die internationale Solidarität! – und erhob dabei meine Faust. Denn es muss Kampf sein, weil uns Erkenntnis und Gedenken allein nicht helfen.
UZ: Ein Kampf gegen mächtige Gegner, die die Welt wieder mit Krieg überziehen …
Thomas Geggel: Die Herrschenden haben dazugelernt, um ihre mörderischen Ziele durchzusetzen. Ihren Profit sichern sie auch mit Aufrüstung und Krieg. Seit 1945 haben sie ihre Angriffe dazu perfektioniert – in der alten Bundesrepublik und nach 1990 im okkupierten Gesamtdeutschland. Sie haben die Menschen durch Verschweigen und Lügen manipuliert. Ihnen ist es gelungen, die Friedensbewegung zu zerschlagen und zu spalten. Von der großen Einheit gegen den NATO-Doppelbeschluss der 1980er Jahre ist nicht viel übrig. Der Vorwurf an uns selbst ist, dass wir nicht die richtigen Wege gefunden haben, dem entgegenzutreten.
Was ist die Konsequenz? Deutsche Staatsräson, Beihilfe zum Völkermord, Unterdrückung der Palästinasolidarität, Sozialabbau – und das alles für Krieg. Der Schwur von Buchenwald ist für mich zentral, um die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Den Menschen, die den Schwur leisteten, ging es nicht darum, dass das Ende erreicht ist, sondern alles dafür zu tun, dass es nie wieder passiert. Aber was erleben wir? Statt nie wieder – schon wieder Faschismus, schon wieder Krieg. Das muss uns wachrütteln und aktivieren. Es nützt nichts, wenn ich das zwar erkenne, aber im Sessel sitzen bleibe.









