Die Betroffenheit durch die Inflation ist sehr unterschiedlich

Massenarmut programmiert

Franz Garnreiter

Das „isw-spezial 36“ widmet sich der Thematik „Wirtschaftskrieg, Gaskrise, Inflation“. Franz Garnreiter untersucht darin anhand statistischer Daten die Hintergründe und Auswirkungen der ökonomischen Situation. Der Autor weist dabei nach, dass die schwierige Lage Folge politischer Entscheidungen und somit gewollt ist. Sowohl die Sanktionen gegen Russland als auch die Maßnahmen zur Linderung von deren Auswirkungen auf die Werktätigen und die Wirtschaft in Deutschland erscheinen kopflos – führen allerdings allesamt zu einer weiteren Umverteilung von unten nach oben. Parallel wird die Militarisierung vorangetrieben. Garnreiter gibt einen umfassenden Gesamtüberblick, aufbereitet mit vielen Grafiken. Wir danken dem Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung für die freundliche Genehmigung zum Abdruck dieses Auszugs, der für UZ redaktionell bearbeitet wurde.

Vor einiger Zeit ging die Meldung durch die Medien, der Sparkassenpräsident Helmut Schleweis erwarte, dass künftig bis zu 60 Prozent aller deutschen Haushalte ihr komplettes Einkommen benötigen werden, um ihren Lebensstandard bei den gestiegenen Preisen aufrechtzuerhalten. Oder dass sie sich sogar zusätzlich verschulden müssen. Vor dem Hochschnellen der Inflation waren „nur“ 15 Prozent aller Haushalte nicht in der Lage, ihren Konsum allein aus ihrem verfügbaren Einkommen zu bezahlen.

Die sehr viel schwieriger gewordene finanzielle Lage macht sich, natürlich, auch bei der Neuanlage von Ersparnissen bemerkbar: Während im ersten Halbjahr 2021 den Sparkassen noch 25 Milliarden Euro neu zuflossen, sank dieser Wert 2022 um 98 Prozent auf 0,6 Milliarden Euro.

Sparfähigkeit in den Einkommensgruppen bisher

Ich gehe von der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes aus. Diese sehr aufwendige Statistik über die Einkommensbestandteile und die Konsumgüterstruktur in einer Vielzahl von Einkommensgruppen wird alle fünf Jahre erstellt, die letzte ist von 2018, dem vorletzten Jahr vor der Pandemie. Die folgenden Berechnungen gehen davon aus, dass die Struktur von Einkommen und Verbrauch im Kern seither gleich geblieben ist.

In der Grafik 1 stellt zunächst die treppenförmige Kurve die sogenannte Ersparnis aus dem laufenden Einkommen in den einzelnen Einkommensgruppen dar. Ersparnis ist dabei die Differenz zwischen Vermögensänderung und Schuldenänderung, also die Änderung des Nettovermögens (ohne Kursänderungen von Aktien). In dieser Grafik habe ich das als Prozentzahl ausgedrückt, als Sparquote: Wie hoch ist diese Ersparnis in Prozent des verfügbaren Einkommens (dieses ist das Nettoeinkommen plus, in geringem Maße, sonstiges Einkommen wie Verkäufe auf eBay).

Für die meisten Gruppen ist die Sparquote positiv. Sie können von ihrem laufenden Einkommen einen bestimmten Betrag zurücklegen: Sie sparen für Bedarfsnotfälle, legen die Ersparnisse letztlich am Kapitalmarkt an und generieren Vermögenseinkommen. Wie nicht anders zu erwarten, sparen Bezieher von hohen Einkommen einen höheren Anteil ihres Einkommens, auch wenn sie, in Euro gerechnet, ein Mehrfaches an Konsumgütern im Vergleich zu ärmeren Haushalten verbrauchen. Beispiel: Haushalte mit 8.000 Euro Einkommen verbrauchen 2,5 Mal soviel Heizenergie und warmes Wasser wie Haushalte mit nur 1.000 Euro Einkommen. Aber da ihr Einkommen acht Mal so hoch ist, zahlen sie nur 1,6 Prozent ihres Einkommens für diese Energie, die armen Haushalte dagegen 5 Prozent und mehr (Preise vor der Inflation).

Die monatliche Ersparnis in der höchsten Einkommensgruppe lag 2018 pro Haushalt bei 3.920 Euro, mehr als das 20-Fache der monatlichen Ersparnis von 185 Euro in der mittleren Haushaltsgruppe (2.600 bis 3.600 Euro). Dabei sind auch diese 185 Euro noch hoch im Vergleich zu den 5 beziehungsweise 71 Euro Sparfähigkeit pro Monat in der zweit- und drittärmsten Gruppe (beide zusammen immerhin ein Viertel aller Haushalte).

Entgegengesetzt zum reichen Ende der EVS-Statistik 2018 stehen die Haushalte mit weniger als 1.500 Euro monatlichem Einkommen, die ihre Konsumausgaben vom laufenden Einkommen nicht bezahlen konnten und die sich daher weiter verschuldeten. Woraus besteht diese Gruppe? Darüber gibt die EVS keine Auskunft. Aufgrund von Detailangaben in der umfangreichen Statistik kann man vermuten, dass diese Gruppe zu einem wesentlichen Anteil aus alten Menschen und Rentnern besteht, die nach und nach ihre Ersparnisse auflösen und/oder von einer privaten Rentenversicherung leben (in der Statistik ist das ein angespartes Kapitalvermögen, das sukzessive aufgezehrt wird – anders als die gesetzliche Umlagerente, die keinen Kapitalverzehr darstellt). Darüber hinaus Studenten, die von BAFöG-Krediten leben, Menschen, die (vorübergehend) Krankengeld oder Mutterschaftsgeld/Elterngeld bekommen und zusätzlich ihre Ersparnisse beanspruchen, ähnlich auch arbeitslos Gewordene. Rund 18 Prozent aller Haushalte, fast ein Fünftel, konnten also 2018 ihren Lebensunterhalt nicht voll aus den eigenen Einkünften bezahlen.

Arme Haushalte mehrfach durch Preissteigerung benachteiligt

Nun kommt die Inflation hinzu. Sie betrug im September 10 Prozent. Aber das ist der Mittelwert aus einer Vielzahl von Produkten mit sehr unterschiedlichen Preissteigerungen. Der Konsumgüterverbrauch in der EVS, und auch die Inflationsstatistik, ist in rund ein Dutzend Produktgruppen differenziert: Ausgaben für Nahrungsmittel, für Bekleidung, für das Bildungswesen. Aktuell liegt die Preissteigerung insbesondere bei Nahrungsmitteln (17,7 Prozent) und bei Wohnen und Energie (12,7 Prozent) weit überdurchschnittlich hoch, andererseits bei Bekleidung (3,4 Prozent) und Gesundheit (2,3 Prozent) unterdurchschnittlich. Bei Ausgaben für Verkehr sprang die Inflationsrate vom August zum September von 3,7 auf 14,0 Prozent, das Ergebnis des Endes von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket.
Reiche und arme Haushalte haben typischerweise eine recht unterschiedliche Konsumstruktur. Je ärmer sie sind, desto mehr müssen die Haushalte von ihren Ausgaben anteilig auf Nahrungsmittel und Wohnen verwenden. Umgekehrt steigen bei zunehmendem Einkommen die Ausgabenanteile für die vorhin genannten Produktgruppen mit relativ geringer Inflation. Man kann also als Folge der vom allgemeinen Durchschnitt abweichenden Konsumstruktur für die einzelnen Einkommensgruppen unterschiedliche Inflationsraten berechnen. Die ärmste Einkommensgruppe spürt eine Inflationsrate von 10,5 Prozent, die reichste dagegen von 9,5 Prozent. In der Grafik 1 ist das mit Ringen gekennzeichnet. Ein vergleichbares Ergebnis errechnet auch das Böckler-Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in seinem Inflationsmonitor: Nach ihm beträgt die Inflation (im September) 8,0 Prozent für einkommensstarke Singles und 11,4 Prozent für einkommensschwache vierköpfige Familien, eine riesige Benachteiligung von armen Haushalten.
Insgesamt stellt sich also heraus, dass die Armen, verglichen mit den Reichen, dreifach stärker unter der Inflation leiden:

Erstens ist ihr Einkommen viel stärker der Inflation unterworfen, weil sie einen viel größeren Anteil davon für Konsumgüter ausgeben müssen.

Zweitens ist die Inflationsrate auf ihre (anteilig) ohnehin schon viel höheren Konsumausgaben höher als bei den Reicheren.
Drittens wird ihre Sparquote auch deshalb noch geschmälert, weil sie pro Verbrauchseinheit oft viel höhere Preise als die reichen Vielverbraucher zahlen müssen.

isw1 - Massenarmut programmiert - Gaspreise, Inflation, Wirtschaftskrieg - Hintergrund
Grafik 1 (Foto: isw)

Möglicherweise hat ein Leser oder eine Leserin folgende Frage zu Grafik 1: Kann es sein, dass bei 60 Prozent der Haushalte (die vier unteren Gruppen) die Inflationsrate höher als die durchschnittliche von 10 Prozent liegt und nur bei 20 Prozent aller Haushalte (den beiden obersten Stufen) darunter liegt?

Aber ja, es liegt daran, dass die obersten 20 Prozent in grober Näherung genauso viel konsumieren wie die untersten 60 Prozent – und trotzdem noch mehr als 15 Mal soviel sparen können.

Inflation vernichtet Sparfähigkeit

Die Auswirkungen der Inflation auf die Sparquote (Ersparnis geteilt durch das verfügbare Einkommen) sind in Grafik 2 dargestellt. Hier ist zunächst dieselbe Treppenkurve wie in Grafik 1 aufgeführt, nämlich die Sparquote ohne Inflation, wie sie laut EVS 2018 bestand. Die zweite Treppenkurve stellt dann die veränderte Sparquote dar, wenn Umfang und Struktur der Konsumausgaben beibehalten würden, allerdings mit den inflationierten Preisen.

isw2 - Massenarmut programmiert - Gaspreise, Inflation, Wirtschaftskrieg - Hintergrund
Grafik 2 (Foto: isw)

Hier wird deutlich, dass die eingangs zitierte Warnung des Sparkassenpräsidenten, dass die Inflation 60 Prozent aller Haushalte in eine (steigende) Verschuldung führen würde, realistisch ist und nicht einer Panikmache geschuldet. 61 Prozent aller Haushalte (statt 18 Prozent ohne Inflation) liegen bei inflationierten Preisen deutlich im Ersparnisdefizit. Und deutlich wird auch: Die armen Haushalte sind sehr viel stärker betroffen. In der ärmsten Gruppe (Nettoeinkommen unter 1.500 Euro) sinkt die Sparquote – beziehungsweise steigt die Verschuldungsquote – um knapp 11 Prozentpunkte; in der reichsten Gruppe (mehr als 7.500 Euro Nettoeinkommen) sinkt sie um weniger als 5 Prozentpunkte. Diese Gruppe der Reichsten (und auch die benachbarten Gruppen) kann die Inflation mit einem Achselzucken hinnehmen: Die Ersparnis und die Kapitalanlagemöglichkeiten fallen halt ein bisschen geringer aus. Dagegen die unteren Gruppen, die ohnehin schon genau rechnen müssen, um aus ihrem Einkommen noch ein bisschen Notfallrücklagen bilden zu können: Sie stürzen durch die Inflation klar ins Einkommensdefizit – ihnen bleibt nur, ihren Konsumumfang zu verringern.

Lohnerhöhung als Ausgleich?

Für Gewerkschafter und für Linke ist naheliegend: Wir brauchen ein höheres Einkommen, um den Preisanstieg zu kompensieren.
Das Ergebnis der Berechnung einer 8-prozentigen Lohnerhöhung ist durchaus interessant: Für die ärmste Haushaltsgruppe bringt eine Lohnerhöhung nur eine geringe Verbesserung, obwohl ihre Einkommenserhöhung keiner oder nur einer geringen Steuerlast unterworfen ist. Den folgenden Gruppen bringt eine Gehaltserhöhung deutlich mehr. Die Erklärung dafür ist: In den unteren Gruppen ist der Anteil des Lohn- und Gehaltseinkommens am gesamten verfügbaren Einkommen sehr niedrig, in der untersten Gruppe weit unter 50 Prozent. Die Armen beziehen zu einem weit höheren Anteil als die höheren Gruppen Sekundäreinkommen: Renten und Unterstützungsgelder vom Krankengeld bis BAFöG. Erst in den obersten drei Gruppen ist das Gehaltseinkommen (ohne die anderen Einkommensbestandteile) höher als die Konsumausgaben, dann allerdings mit zunehmender Steuerlast befrachtet.

Die Sekundäreinkommen in den ärmeren Gruppen sind letztlich natürlich auch abhängig vom Gehaltsniveau. Allerdings wirken sich Lohnerhöhungen nur indirekt und zeitlich mehr oder weniger stark verzögert auf Renten, Sozialhilfe, BAFöG aus.

Als Fazit kann man hier drei Erkenntnisse festhalten:
Für die breite Masse der Haushalte sind Einkommenserhöhungen (Lohn und Gehalt) das unmittelbarste und wirksamste Mittel, um mit den Preissteigerungen Schritt zu halten.

Vor allem für das ärmste Fünftel der Haushalte reicht das nicht: Sie brauchen spezielle Stützungsprogramme, hier muss das, was wir mal Sozialstaat nannten, tätig werden.

Und schließlich: Angesichts dessen, dass die Inflation so klar ihren Ursprung in den Energiepreisen hat, dass die Energiekosten nicht nur mehr oder weniger so steigen, wie es die allgemeine Inflation vorgibt, sondern regelrecht explodieren, müssen zielgenaue Maßnahmen für diesen Punkt installiert werden wie insbesondere eine starke Preisvergünstigung für den elementaren Grundbedarf an Energie (aber nicht für 80 Prozent des Bedarfs von Villenbewohnern).

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"Massenarmut programmiert", UZ vom 16. Dezember 2022



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