Schriftsteller wagten den frühen Aufbruch in die Neuzeit

Neue Töne – neue Themen

Die Schwarze Pest war die verheerendste Pandemie der Neuzeit und forderte 75 bis 125 Millionen Todesopfer. Sie erreichte ihren Höhepunkt in Europa zwischen 1347 und 1351, nachdem sie von Asien über die Seidenstraße und auf italienischen Handelsschiffen gekommen war. Die Idee der Quarantäne hat ihren Ursprung im von der Pest befallenen Italien des 14. Jahrhunderts, als Schiffe, die aus infizierten Häfen in Venedig ankamen, 40 Tage lang vor der Küste warten mussten, bevor sie anlegen konnten. Das Wort Quarantäne leitet sich von dem Italienischen „quaranta giorni“ ab, 40 Tage.

Die italienischen Territorien waren die Wiege des Frühkapitalismus. Die Lombardei und die Toskana waren die am weitesten fortgeschrittenen Städte. Handel und Industrie entwickelten sich hier sehr stark im 13. Jahrhundert, begünstigt durch ihre Handelswege in den Orient. Die Gesellschaftsordnung des venezianischen Staates wurde durch seine wirtschaftlichen Interessen bestimmt und schloss den Adel mit ein; daher blieb seine Verfassung aristokratisch. In Florenz, der zweitmächtigsten Stadt Italiens, war dies anders. Florenz hatte seit 1293 eine Verfassung, die den Adel von der Regierung ausschloss und die Verwaltung ausschließlich den Patriziern übertrug. Ihr Rat ließ jedoch auch keine kleinen Handwerker oder einfachen Leute zu. Damals war Florenz mit seiner auf bürgerlich-demokratischen Prinzipien basierenden Verfassung einzigartig in Europa.

Dieser neue Fokus auf die Kaufleute, Handwerker und Patrizier brachte eine wachsende Bedeutung der Volkssprache mit sich. Dante (circa 1265 – 1321), Francesco Petrarca (1304 – 1374) und Giovanni Boccaccio (1313 – 1375) schrieben alle im florentinischen Dialekt.

Boccaccio schrieb „Das Dekameron“ und schenkte der Welt damit eines der bekanntesten und bis heute meistgelesenen Bücher. Einleitung und Rahmenhandlung lassen die Pest vor unseren Augen entstehen. Angesichts der gegenwärtigen Umstände verzichten wir auf grauenhafte Details und überlassen dies dem interessierten Leser selbst.

Die Idee einer Vielzahl von Geschichten innerhalb einer Rahmenhandlung war nicht ganz neu. Jahrhunderte zuvor war im Nahen Osten die Sammlung „Tausendundeine Nacht“ (Arabisch: alf layla wa layla) erschienen, deren früheste Manuskripte aus dem 9. Jahrhundert stammen. Diese spiegeln eine feudale Gesellschaft wider, doch tun sie dies mit so viel Lebendigkeit und Frechheit, wie dann auch Boccaccio seine Welt beschreiben wird. Der persische Dichter Hafis (1315 – 1390) hingegen schrieb satirische und Liebeslyrik, die bei Petrarca eine Parallele findet. Nebenbei sei angemerkt, dass Joseph von Hammer-Purgstalls erste vollständige Übersetzung ins Deutsche von 1812/13 von Hafis‘ „Diwan“ zu einer außerordentlich sensiblen Auseinandersetzung Goethes mit Hafis und der Persischen Kultur im „Westöstlichen Diwan“ führte.

Boccaccios Rahmenhandlung geht so: Zehn wohlhabende junge Leute verlassen Florenz, um der Pest zu entkommen, und ziehen in eine Landhausvilla, nicht ohne einige Bedienstete. Sie beschließen, dass eine oder einer von ihnen jeweils für einen Tag regieren und jeden Nachmittag zu einer festgelegten Zeit jeder eine Geschichte erzählen würde, die wechselnde Themen behandeln. Es entfaltet sich ein Panorama florentinischen Lebens des 14. Jahrhunderts. Viele der Geschichten persiflieren klerikale Wollust und Gier, die Abenteuer reisender Kaufleute – und ihrer Frauen daheim, die Spannungen zwischen der neuen wohlhabenden Handelsklasse und den Adelsfamilien. Nicht wenige der Geschichten sind explizit sexueller Natur. Doch obwohl dies zweifellos zur enormen Popularität des Buches beigetragen hat, wäre es falsch, das Buch auf sein sexuelles Thema zu reduzieren.

Tatsächlich wurde es zu einer reichen Quelle für Schriftsteller der Weltliteratur. Ein Beispiel ist die dritte Geschichte des ersten Tages. Lessing entdeckte sie und nutzte sie für „Nathan der Weise“. Dieses Stück über die Gleichwertigkeit aller Religionen und Kulturen war das erste, das nach dem Zweiten Weltkrieg auf vielen deutschen Bühnen aufgeführt wurde.

Doch am reichsten wurde das „Dekameron“ von Geoffrey Chaucer (circa 1340 – 1400) in seinen „Canterbury-Erzählungen“ aufgegriffen und weiterentwickelt. Seine wunderbaren Erzählungen, die zwischen 1387 und 1400 entstanden, nehmen von Boccaccio die Idee einer Rahmenhandlung auf – die Fahrt von London nach Canterbury mit dreißig Pilgern, die sich zum Zeitvertreib freche und lustige Geschichten erzählen. Im Unterschied zu Boccaccio kommen Chaucers Erzähler aus drei verschiedenen Gesellschaftsschichten (dem Adel, dem Klerus und dem einfachen Volk), allesamt mehr an weltlichen als an geistlichen Dingen interessiert. Hätte Chaucer sein Projekt abgeschlossen, gäbe es 120 Geschichten. Er konnte jedoch nur 24 davon beenden. Dennoch zeichnen die Erzählungen ein ähnlich lebendiges Bild von England im 14. Jahrhundert wie Boccaccios Werk von Florenz.

Wie Dante, Petrarca und Boccaccio schrieb Chaucer sein Meisterwerk in der Volkssprache. Es ist heute schwer nachzuvollziehen, was für einen neuen Aufbruch das bedeutete. Mehr als dreihundert Jahre lang, seit der normannischen Invasion von 1066, wurde in England vom Adel, von der Oberschicht, kein Englisch, sondern Französisch gesprochen. Als Volkssprache entwickelte sich die englische Sprache über den historisch sehr kurzen Zeitraum von 300 Jahren wie ein Lauffeuer zu Mittel­englisch, einer Form der Sprache, die wir mit einiger Mühe noch immer verstehen können.

Die „Canterbury Tales“ sind das erste große Werk der englischen Literatur, das die künstlerische Legitimität des volkstümlichen Mittelenglisch im Gegensatz zu Französisch oder Latein begründet. Genau zur gleichen Zeit übersetzte John Wycliffe, ein sehr früher Reformer, die Bibel ins volkstümliche Englisch (1382). Diese Herausforderung an das Lateinische als Sprache Gottes galt damals als kühner revolutionärer Akt und die Kirche verbot die Übersetzung. Der Zugang zur Bibel in der Volkssprache war der Schlüssel zum Bauernaufstand von 1381, zu dem einer der Führer, John Ball, in einer Predigt aufrief: „Als Adam grub und Eva spann, wer war dann der Edelmann? Von Anfang an waren alle Menschen von Natur aus gleich geschaffen.“ Die Volkssprache war entscheidend für sozialen Wandel. Sie zu benutzen bedeutete, sich mit dem Volk zu identifizieren, bedeutete, sich gegen eine elitäre und exklusive herrschende Klasse zu stellen, bedeutete, das Volk zu befähigen, die Ungerechtigkeit seiner Lage zu begreifen und damit eine Aussicht auf Veränderung zu geben. Diese Besinnung auf die Sprache des Volkes, die uns die Renaissance bringt, ist aufs Tiefste mit dem Kampf für eine neue Zeit verbunden.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Neue Töne – neue Themen", UZ vom 28. August 2020



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz aus.

    Vorherige

    Einzeln und frei – Nazim Hikmet

    Einfach und schwierig zugleich, wie die Welt

    Nächste