Wilhelm Hammann: Kommunist – Buchenwald-Häftling – Landrat

Nie wieder Rohrstock – Nie wieder Barras

In der Erinnerungspolitik der BRD sind Frauen und Männer aus der Arbeiterbewegung, insbesondere Kommunisten, weitgehend eliminiert. Umso bedeutender ist es, wenn solche Persönlichkeiten in regionaler Perspektive wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden. Ein Beispiel dafür ist der Groß-Gerauer Kommunist Wilhelm Hammann.

Hammann war Buchenwald-Häftling und rettete als Blockältester in dem KZ 159 Kindern das Leben. Dafür wird er in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Leider verstarb er viel zu früh in den 1950ern in Folge eines Verkehrsunfalls.

Hammann war eine bekannte kommunistische Persönlichkeit in Hessen. Als Lehrer hatte sich der KPD-Politiker mit fortschrittlichen Initiativen in der Schul- und Bildungspolitik und klaren Aussagen gegen die aufkommende NSDAP im Landtag zu Wort gemeldet.

Nachdem es in den ersten Jahren der BRD wegen seiner KPD-Mitgliedschaft ruhig um Wilhelm Hammann geworden war, entwickelten antifaschistische Kräfte seit Mitte der 1970er Jahre ein zunehmendes Inte­resse an seiner Person. Die DKP, die über viele Jahrzehnte im Kommunalparlament von Mörfelden-Walldorf als Fraktion vertreten war, nahm sich seiner an. Auch nachgeborene Antifaschisten begannen sich mit den Zeitzeugen zu beschäftigen. Im Zusammenhang mit einem Geschichtswettbewerb erforschte der damalige Realschullehrer Gert Plaatner in Kassel mit einer Schülergruppe nach Hinweisen von Emil Carlebach die Geschichte dieses ehemaligen Buchenwald-Häftlings. Plaatner publizierte eine erste Biographie in dem Taschenbuch „Schule im Dritten Reich“.

Ungefähr in dieser Zeit begann sich auch Bernd Heyl, damals Lehrer an einer Gesamtschule in Riedstadt, intensiver mit Hammann zu beschäftigen. Im Rahmen eines „Arbeitskreises zur Geschichte der Arbeiterbewegung Groß-Gerau“ unter dem Dach von „Arbeit und Leben“ vertiefte er ab Anfang der 1980er Jahr sein Inte­resse an ihm. Er beteiligte sich an Ehrungen für Hammann und konzipierte in dem Arbeitskreis eine erste Ausstellung, die in Schulen und öffentlichen Einrichtungen gezeigt wurde.

Seine berufliche und gewerkschaftliche Arbeit ließen ihm jedoch nicht die Zeit, sich intensiv mit dem Ziel einer Gesamtbiographie zu beschäftigen. Erst in Zeiten des beruflichen Ruhestandes kehrte er zu diesem Projekt zurück und legte im Frühjahr 2026 im Verlag brandes + apsel unter dem Titel „Wilhelm Hammann – Ein Gerechter unter den Völkern, Biographie eines hessischen Antifaschisten“ das Ergebnis seiner langjährigen Arbeit vor.

411002 - Nie wieder Rohrstock – Nie wieder Barras - Antifaschismus, brandes + apsel Verlag, KPD, Wilhelm Hammann - Theorie & Geschichte

In der Biographie gelingt es Heyl, die Persönlichkeit in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit so einzuarbeiten, dass die Prägung durch die Verhältnisse ebenso erkennbar wird wie der besondere Beitrag des Einzelnen. Das gilt zum Beispiel für den Abschnitt über Hammanns Tätigkeit als Landtagsabgeordneter. „Zerbrecht den Prügelstock“ (Seite 64) war eine Forderung des Kommunisten, die noch in den 1950er Jahren in vielen bundesdeutschen Schulen aktuell gewesen wäre. Da es zu Hammanns Rolle im KZ Buchenwald bereits eine größere Zahl von Veröffentlichungen gibt, konzentriert sich Heyl in diesem Kapitel auf die zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Ereignisse. Ein besonderes Gewicht legt er dann auf die Nachkriegsentwicklung, in der Hammann als Landrat und als streitbarer Vertreter für einen antifaschistisch-demokratischen Neuanfang, gegen Remilitarisierung und Westintegration hervortrat. So sprach Hammann im September 1949 auf einer Friedenskundgebung und verbreitete später auch Plakate mit der Losung „Nie wieder Barras!“, mit denen die KPD der Wiedereinführung der Wehrpflicht entgegentrat. Auch angesichts der aktuellen Entwicklung dürfte es für Nachgeborene von besonderem Inte­resse sein, wie sich die gesellschaftliche und politische Restauration der alten BRD in den 1950er Jahren vollzog.

Dass Hammanns gradlinige Haltung Respekt auch bei politisch Andersdenkenden fand, zeigt Heyl in dem kurzen Abschnitt „Er war ein feiner Mensch!“ (Seite 205), wo er die öffentliche Reaktion in der Region Groß-Gerau auf dessen Unfalltod nachzeichnete. Spannend ist das Kapitel „Erinnern und Gedenken“, in dem der Autor – in der gebotenen Kürze – die politischen Herausforderungen und Brüche in der Erinnerung an den antifaschistischen Lehrer präsentiert. Schon früh wurde an Hammann in der DDR erinnert. Natürlich hatte das mit seiner Rolle als „Retter der Kinder“ in Buchenwald zu tun. So erschien 1959 eine Artikelserie über ihn in der „Deutschen Lehrerzeitung“ der DDR. Im Ergebnis dieser Würdigung wurde der Polytechnischen Oberschule 55 in Erfurt der Ehrenname „Wilhelm Hammann“ verliehen. Dass dieser Name im Zuge der Abwicklung der DDR – trotz Widerstand in der Elternschaft – beseitigt wurde, sagt viel über die damalige Geschichtsrevision aus.

Solche Angriffe richteten sich auch – jedoch vergeblich – gegen die zivilgesellschaftlichen Initiativen zur Erinnerung im Kreis Groß-Gerau. Waren doch in diesen Gruppen DKP-Mitglieder, besonders zu nennen wäre Rudi Hechler, anerkannte Partner in der historischen Aufarbeitung. Beim öffentlichen Gedenken mussten dagegen die politisch Verantwortlichen oftmals „zum Jagen getragen werden“. Die Ehrung in Yad Vashem nahm man gerne zur Kenntnis, aber einen Kommunisten zu würdigen blieb dennoch kompliziert. Dass Beharrlichkeit jedoch am Ende auch erfolgreich sein kann, zeigt der Schluss des Kapitels, wo der Autor auf die 2024 errichtete Gedenkstele in Hammanns Geburtsort Biebesheim verweist, zu deren feierlichen Einweihung auch der CDU-Bürgermeister einen würdigenden Beitrag hielt.

Den Abschluss des Buches bildet die mehrseitige Selbstauskunft von Wilhelm Hammann, die dieser anlässlich seiner Internierung bei der US-Army in Dachau zu Papier gebracht hat. Seine Aufzeichnung endet mit der Aussage: „Meiner Ansicht nach ist die Tatsache, dass Kinder im Konzentrationslager festgehalten worden sind, vielleicht das grausamste Kapitel des Naziregimes.“ (Seite 260)

Ein in jeder Hinsicht lesenswertes Buch.

Bernd Heyl
Wilhelm Hammann – Ein Gerechter unter den Völkern. Biographie eines hessischen Antifaschisten
brandes + apsel Verlag, Frankfurt am Main, 276 Seiten, 29,90 Euro

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"Nie wieder Rohrstock – Nie wieder Barras", UZ vom 16. Oktober 2026



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