Die Zusammenarbeit von Weimarer Republik und So­wjet­union

„Russenbenzin“ für Deutschland

René Senenko

Vor vier Jahren drehte sich die deutsche Politik selbst den Gashahn zu. Bisheriger Endpunkt war die Sprengung der Nord-Stream-Erdgaspipelines im September 2022. Damit endete die Belieferung Deutschlands mit günstiger russischer Energie, von der die Verbraucher – vor allem aber die deutsche Industrie – profitierten.

Das ruft ein ähnliches Energieprojekt in Erinnerung, welches die So­wjet­union und Deutschland ab 1928 zum gegenseitigen Vorteil pflegten und das ähnlich abrupt im Jahr 1934 sein Ende fand.

Im Zuge der Industrialisierung des Landes importierte die sowjetische Seite aus den westlichen Ländern moderne Industrieanlagen, Agrargeräte und Schiffe. Devisen waren knapp und so erstrebte die So­wjet­union Handelsabkommen, die darauf ausgerichtet waren, das Importgut durch die Ausfuhr von Rohstoffen zu verrechnen (Kompensationsgeschäfte). Dafür reichte der Export von Schnittholz, Getreide und Pelzwaren nicht aus; der Handel mit Erdölprodukten musste gesteigert werden.

Zwar bezogen die westlichen Mineralölgesellschaften einen geringen Teil ihres Öls von den sowjetischen Ölfeldern in Aserbaidschan, doch wollte die So­wjet­union das Ölgeschäft selbst vermarkten. Das „Russenbenzin“ galt schließlich als günstig und qualitativ hochwertig. So gründete die UdSSR Ende 1927 in Berlin die „Deutsche Vertriebsgesellschaft für Russische Oel-Produkte A.-G.“ (Derop) und übernahm das bereits in Nord- und Mitteldeutschland bestehende Zapfstellennetz der Erdöl-Industrie AG Berlin (Eriag) mit dessen 50 Tankstellen. Das Aktienkapital war vollständig in sowjetischer Hand, die Unternehmensleitung bestand mehrheitlich aus Bürgern der So­wjet­union. Für die Arbeit an den Tankstellen wurden deutsche Staatsangehörige angestellt – darunter viele Kommunisten, die aus Betrieben und Behörden entlassen worden waren oder dort auf schwarzen Listen standen.

Der Ausbau des Derop-Tankstellennetzes verlief ab 1928 rasant. Der Geschäftsbericht von 1930 wies 18 Derop-Zweigstellen in größeren Städten, 108 Lager und 2.250 Tankstellen aus. Damit rangierte die Derop auf Platz sechs oder sieben der großen Anbieter auf dem deutschen Markt. Mehr als die Hälfte des importierten Öls aus der So­wjet­union wurde von anderen deutschen Vertriebsgesellschaften bezogen. Damit lag der sowjetische Anteil an der deutschen Benzineinfuhr im Jahr 1931 bereits bei 20,9 Prozent, bei Gasöl bei 18,9 Prozent und bei Schmieröl bei 23,4 Prozent. Die Derop hatte daran großen Anteil. Dabei hatte sie die Regionen Ostpreußen, Oberschlesien und Südbayern bis 1931 noch gar nicht erschlossen.

Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise rief einen krassen Kontrast hervor: In den kapitalistischen Ländern kam es zum massiven Rückgang der Produktion, Millionen Menschen wurden erwerbslos. In der So­wjet­union hingegen sorgte seit 1928 der Fünfjahresplan für einen gigantischen Aufbau der Energie- und Produktionskapazitäten. Täglich nahmen neue Fabriken ihre Produktion auf. Die kapitalistische Krise hatte zur Folge, dass die westlichen Länder trotz ihrer sowjetfeindlichen Politik nach Aufträgen aus der UdSSR gierten. Bezahlt wurde ebenfalls mit Erdöl. 1931 schrieb der US-Reporter und Pulitzer-Preisträger Hubert Renfro Knickerbocker: „Hätten Sie vermutet, dass Frankreich, von dem man annimmt, dass es einen tiefen Hass gegen die So­wjet­union hegt, die Kessel seiner Kriegsmarine mit Sowjetöl feuert und damit der größte Einzelkonsument dieses Öls ist? Und dass der zweitgrößte Einzelabnehmer von Sowjetöl die italienische Kriegsmarine ist?“

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Arbeiter pumpen russisches Öl aus einem Tankschiff in ein Lager (1928). (Foto: „Rotsport und Russenbenzin“, Olmo e. V., Hamburg 2026)

Auch nahm die So­wjet­union Zehntausende erwerbslose Facharbeiter und Ingenieure aus den Krisenländern unter Vertrag, die an den Industrieprojekten zum Einsatz kamen. Mit deren Hilfe konnten in Rekordzeit in den erdölverarbeitenden Standorten am Schwarzen Meer modernste Destillier- und Crackanlagen errichtet werden. Nur so konnten die Lieferverträge im Ölgeschäft realisiert werden. Das in Baku geförderte Erdöl wurde über eine mehr als 800 Kilometer lange Pipeline zum Schwarzen Meer gepumpt. Dort wurde es destilliert und gelangte als Kraftstoff und Schmieröl auf Tankschiffen nach Hamburg, von wo aus die Lager und Tankstellen der Derop im Deutschen Reich beliefert wurden.

Doch die Krise brachte für die So­wjet­union große Risiken mit sich. Der Rückgang des weltweiten Absatzes ließ die Preise für Öl und andere Rohstoffe auf dem Weltmarkt abstürzen. Sie fielen schneller als die Preise für die von der So­wjet­union bestellten Industrieerzeugnisse, Schiffe und Anlagen. Ausgleichen konnte die sowjetische Seite dieses Dilemma nur mit einer Steigerung der Öllieferungen. Bis 1933 stieg der Anteil des „Russenbenzins“ auf dem hart umkämpften Ölmarkt in Deutschland auf 25,4 Prozent. Die Derop hatte zwar mit Verlusten zu kämpfen, doch blieb das Ölgeschäft bei der Verwirklichung des Fünfjahresplans alternativlos.

Als in Deutschland 1933 die Nazis an die Macht geschoben wurden, gerieten die behördlichen und kommunalen Abnehmer von Derop-Kraftstoff unter Druck. SA-Leute überfielen Derop-Tankstellen oder tankten ohne zu bezahlen. Überfälle auf Wohnungen und Büros von Derop-Angestellten häuften sich. Die Derop-Umsätze stürzten ab. Bald stellte die Hitler-Regierung die sowjetische Seite vor die Wahl: Enteignung aller Derop-Einrichtungen oder Verkauf an ein deutsches Unternehmen. So entschied das Politbüro in Moskau am 10. März 1934, die Derop an den Benzolverband (B. V., Aral, Sitz in Bochum) zu veräußern. Damit ging ein Kapitel deutsch-sowjetischer Handelsbeziehungen zum gegenseitigen Vorteil zu Ende, das durch die sowjetischen Bestellungen dazu beigetragen hatte, Hunderttausenden Menschen in Deutschland Arbeit und Brot zu verschaffen. Der Benzolverband verdoppelte mit dem Erwerb die Zahl seiner Tankstellen.

Das Hamburger Kulturteam Olmo e. V. hat in seinem neuen Sammelband einen umfangreichen, reich illustrierten Beitrag der Derop gewidmet:
René Senenko (Hrsg.):
Rotsport und Russenbenzin. Hamburg und die letzten Jahre der Weimarer Republik
Edition Alster, 264 Seiten, 28 Euro
Erhältlich im UZ-Shop

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"„Russenbenzin“ für Deutschland", UZ vom 30. Oktober 2026



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