90 Jahre Internationale Brigaden

Mit 40.000 Internationalisten gegen den Faschismus

Am 11. September 1973 putschte in Chile faschistisches Militär die demokratisch gewählte Allende-Regierung nieder. Ich ging zu meinem Parteisekretär und sagte, dass ich mich freiwillig melden würde, wenn jetzt dort internationale Brigaden, wie damals 1936 in Spanien, aufgestellt werden würden. Der Genosse Oberleutnant tippte sich an die Stirn. „Du machst jetzt erst einmal Deine Dienstzeit bei der Volksmarine zuende. Das ist dein bester Einsatz für den Frieden.“

Der Staatsstreich in Chile wies durchaus Parallelen zu den Vorgängen Jahrzehnte zuvor in Spanien auf. Eine Volksfront – bestehend aus Sozialisten, Republikanern, Liberalen und Kommunisten – hatte bei Wahlen die Mehrheit errungen. In Chile die Unidad Popular, in Spanien die Frente Popular. Das reaktionäre Pack Spaniens versuchte, die demokratische Mehrheitsentscheidung zu revidieren, indem es der Spanischen Republik am 17. Juli 1936 den Krieg erklärte. Die Faschisten Europas – Hitlerdeutschland und Mussolinis Italien – unterstützten ihre spanischen Gesinnungsgenossen, während die sogenannten bürgerlichen Demokratien im Ausland die Arme verschränkten und zuschauten. Wobei: Ihre sogenannte „Nichteinmischung“ half den Putschisten. Die konnten nämlich dadurch unbehindert und im Verbund mit den Terrorstaaten des Kontinents ihr eigenes Volk niederkartätschen und die Republik meucheln.

In Barcelona sollte Ende Juli 1936 eine Volksolympiade stattfinden. Das war die Reaktion auf die Olympischen Spiele im faschistischen Berlin. Spanien boykottierte als einziges Land Hitlers Propagandaspiele. Etwa 6.000 Athleten waren bereits in der Stadt, als der Putsch begann, weshalb die Olimpíada Popular ausfiel. Aber: Viele Arbeitersportler und Besucher schlossen sich den freiwilligen antifaschistischen Milizen Kataloniens an, die sich am 21. Juli formierten. Am 10. Oktober wurde die republikanische Volksarmee gegründet, in der diese Milizen dann aufgingen.

Seit August sorgten viele Kommunistische Parteien für personelle Unterstützung der antifaschistischen Front in Spanien. Damit folgten sie dem Beschluss der Kommunistischen Internationale (Komintern), eine Internationale Brigade aufzustellen. Formell trat diese als XI. Internationale Brigade ins Leben. Befehligt wurde sie von Manfred (Moses) Stern als „General Kléber“. Stern hatte während des Weltkrieges in der österreichisch-ungarischen Armee gedient, sich als russischer Kriegsgefangener der Roten Armee angeschlossen, und schließlich als Kommandeur einer Partisaneneinheit gegen die Weißen gekämpft. Später baute er im Auftrag der Komintern in Deutschland den Militärpolitischen Apparat der KPD auf. Nach dem Besuch der sowjetischen Frunse-Militärakademie war er als Militärberater der KP Chinas tätig. Im September 1936 – inzwischen arbeitete er in Moskau für den Sekretär des Exekutivkomitees der Komintern, Otto Kuusinnen, einem Finnen – reiste er als Emilio Kléber und mit Auftrag nach Spanien.

Am 12. Oktober 1936 trafen die ersten 650 Freiwilligen, die dem Aufruf der Kommunistischen Parteien zur Verteidigung der Republik gefolgt waren, mit dem Dampfer in Alicante ein. Die XI. Brigade formierte sich im Laufe des Oktobers als erste. In den folgenden Monaten entstanden vier weitere Internationale Brigaden. Die XI., benannt nach dem inhaftierten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, bestand bald aus vier Bataillonen, denen vornehmlich deutsche, skandinavische, niederländische und österreichische Antifaschisten angehörten.

Im Laufe der folgenden zweieinhalb Jahre kämpften etwa vierzigtausend Internationalisten in Spanien gegen den internationalen Faschismus. Nahezu jeder Zweite verlor dabei sein Leben. An diese Freiwilligen erinnern viele Publikationen, darunter das soeben erschienene Buch des Deutsch-Amerikaners Victor Grossman („Madrid, du Wunderbare“), die vermutlich beste, lebendigste Übersicht, die es zum Spanienkrieg gibt. Doch in der heutigen Nachrichtenflut geht vieles unter, Ereignisse und Personen werden vergessen. Und damit eben auch Zusammenhänge und Hintergründe, was dazu führt, was der spanische Philosoph Jorge Santayana 1952 treffend formulierte: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Die Formierung der Internationalen Brigaden vor neunzig Jahren war ein Reflex auf den faschistischen Angriff auf den bürgerlich-demokratischen Staat, der zu neuen gesellschaftlichen Ufern aufbrechen wollte. Der Angriff erfolgte militärisch und frontal. Er kostete fast eine halbe Million Menschenleben und war, wie wir wissen, der Test für den großen Krieg, der unmittelbar nach der Zerschlagung der Spanischen Republik 1939 begann. Die deutsche Legion Condor hatte in Guernica geprobt, wie man aus der Luft eine Stadt zu Staub machte. Das praktizierte die faschistische Luftwaffe schon im Jahr darauf im britischen Coventry, und ab 1941 in der Sowjetunion.

So wird sich das nicht wiederholen. Die Mördertechnik hat sich entwickelt. Im Unterschied zum menschlichen Verstand. Offenkundig ist die Mehrheit der herrschenden Klasse hierzulande unfähig und unwillig, sich der Vergangenheit zu erinnern, und ist dabei, sie zu wiederholen. Sie putschen nicht – sie schleifen das Fundament des eigenen Staates. Sie brauchen Panzer allenfalls zum Steigern der Aktienkurse, ihre wirksamste Waffe ist das Wort. Damit macht man Menschen mundtot, denunziert und ignoriert Widerstand gegen Regierungspolitik, schafft Nebenkriegsschauplätze zur Ablenkung, erzeugt Stürme im Wasserglas. So bereiten sie den ganz großen Sturm vor. Sie behaupten, sie verteidigen die Demokratie – und bauen sie stetig ab. Alles schon mal da gewesen. Ich werde mich wohl wieder freiwillig zu den Internationalen Brigaden melden müssen.

Noch besser: Wir verhinderten den Grund, sie überhaupt bilden zu müssen!

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