Hein Wadle war Kommunist, Mitglied der illegalen KPD. Gemeinsam mit zehn seiner Genossen stand er auf der Liste der IG Metall bei der Howaldswerft, der größten Werft der Bundesrepublik, 12.800 Arbeiter. Acht von ihnen wurden in den Betriebsrat gewählt, Hein mit den meisten Stimmen. Er hatte als lokaler Spitzenkandidat der KPD bei den Bundestagswahlen 1953 kandidiert, erfolglos. Die Partei war an der speziell gegen sie eingeführten 5-Prozent-Hürde gescheitert. Nun hatten die Arbeiter ihn und seine Genossen in den Betriebsrat gewählt. Mehr als 4.400 wählten Hein, bei 9.000 abgegebenen Stimmen.
Springers Hetzblatt „Welt“ ätzte: „Wadle ist ein geschickter und kluger Agitator, der SED-Parteischulen in der Zone besucht hat. In der Meinung der Belegschaft ist er aber auch ein guter Kollege.“ Vielleicht hat Hein gedacht, dass bis auf die Worte „aber auch“ das so in seiner Kaderakte stehen könnte. Zwischen den beiden Wahlen stand der Kampf, der Hein vom Verlierer der Bundestagswahl zum Betriebsratsvorsitzenden machte, der Kampf, der die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände zum Einknicken und die Regierung zur Verbesserung der Lage der Arbeiter zwang.
Marshallplan, Militarisierung, Not
Nachdem der Nachkriegskonsens, festgehalten in den Potsdamer Beschlüssen, von den Westalliierten gebrochen war, gingen sie daran, Westdeutschland zu remilitarisieren. Sehr zur Freude des deutschen Monopolkapitals. Es wurde gebraucht als erneuter Rammbock gegen die Sowjetunion, gegen die volksdemokratischen Länder, gegen die DDR.
Um den massiven Kapitalmangel Westdeutschlands zu beheben und sich gleichzeitig die Kontrolle über die wichtigsten Bereiche der Ökonomie zu sichern, erarbeitete die US-Administration den Marshallplan, mit dem Dollarmilliarden in die europäische, hauptsächlich westdeutsche Wirtschaft gepumpt wurden. Die gerade wieder auferstandene westdeutsche Kapitalistenklasse baute mit Hochdruck und äußerst kapitalintensiv die Produktion wieder auf.
Die hohe technische Zusammensetzung des Kapitals erklärte sich zum einen aus einem Mangel an Arbeitern, zum anderen daraus, dass US-Maschinen teuer gekauft wurden, der Lohn der deutschen Arbeiter aber sehr niedrig war. Der deutsche Faschismus hatte die Errungenschaften der Novemberrevolution kassiert. Nur wenig war nach 1945 wiederhergestellt worden. Mit dem Betriebsverfassungsgesetz und der Einsetzung des Bundesarbeitsgerichts unter dem Vorsitz des Altnazis und Verfassers des faschistischen Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit, Hans Carl Nipperdey, war die Bundesrepublik weit hinter die erkämpften Rechte zurückgefallen. Darüber hinaus benötigten die Imperialisten für die Remilitarisierung Ruhe in den Betrieben.
Neue Kämpfe
In den Gewerkschaften hatten sich zwei Flügel herausgebildet. Für die dominante Richtung unter der Führung von Hans Böckler war die BRD „ihr Staat“. Richtig daran war, dass sie mehr Rechte hatten als unter Hitler und unter den Bedingungen der Besatzungszeit. Falsch daran war, sich damit zufriedenzugeben. Eine konsequente Umsetzung der Potsdamer Beschlüsse, auch im Westen, wäre nötig gewesen. Viel mehr in Richtung einer antifaschistisch-demokratischen Umwälzung wäre möglich gewesen. Etwa durch das Gesetz des Alliierten Kontrollrates Nummer 21 von 1946. Es nahm die Betriebsräte in die Pflicht, ihre Betriebe zu entnazifizieren und zu entmilitarisieren und ermöglichte damit mindestens eine Zurückdrängung der Macht der Monopole. Doch der integrationistische Flügel setzte auf Hinterzimmergespräche mit Adenauer.
Die zweite Richtung, für die Namen wie Otto Brenner, Willi Bleicher und auch Wadle standen, sah die Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften als Gegenmacht. Ihr Verhältnis zum Staat und dessen Gesetzen war ein durchdacht taktisches. Sie sahen im Betriebsverfassungsgesetz nicht die neutrale Grundlage betrieblicher Gewerkschaftsarbeit, sondern das Instrument ihres Gegners, des Kapitals und seines Staates. Sie übersahen auch nicht den mit Repression abgesicherten Zwang zur Sozialpartnerschaft, der dem Gesetz zugrunde lag. Diese schätzten sie richtig als Fortsetzung der Volksgemeinschaftsideologie der Faschisten unter den neuen, bürgerlich-demokratischen Bedingungen ein. Die KPD betonte, das Betriebsverfassungsgesetz sei die „Umsetzungsbestimmung“ der Remilitarisierung „in den Betrieben“.
Die neuen US-Maschinen mit erhöhtem Arbeitstakt, die schlechte Wohnsituation, sanitäre und Ernährungsprobleme der Nachkriegszeit setzten die Frage der Krankheit auf die Tagesordnung. Wie zu Kaisers Zeiten und unter dem Faschismus – und auch heute wieder – war die Frage von Krankheit oder Gesundheit individualisiert. Ein gesunder Geist, so hieß es, schaffe sich einen gesunden Körper. Das stand in Variationen in den Kaiserproklamationen, in „Mein Kampf“ und in den Verlautbarungen der Adenauer-Regierung. Und wer aktuell Merz zuhört, versteht ganz ähnliches. Die Arbeiterfamilien konnten sich Krankheit allgemein, vor allem die des Ernährers, schlicht nicht leisten.
Kampf um die Gesundheit
Im Jahr 1951 passiert auf der Hamburger Deutschen Werft ein Arbeitsunfall. Ein Arbeiter wird während der Nachtschicht von einem Splitter im Auge verletzt. Einen Betriebsarzt gibt es um diese Uhrzeit nicht. Der Kollege verliert sein Augenlicht. Die Betriebszeitung der KPD greift den Fall auf und vergleicht die Situation mit den Werften in der DDR: Polikliniken sind in der Nähe und an die Großbetriebe angegliedert, ärztliche Notdienste sichern die Versorgung der Kollegen genauso wie die der Stadtviertel um die Großbetriebe herum. Die Genossen rechnen aus, um wieviel höher die Chancen zur Erhaltung des Augenlichts des Kollegen gewesen wären, wenn an der Gesundheit nicht gespart würde, sondern die Arbeiter medizinisch versorgt werden könnten. In solchen Aktionen zeigt die KPD: Gesundheit ist keine individuelle Frage, es ist wesentlich eine der gesellschaftlichen Organisation.
Auch in der Gewerkschaft war diese Erkenntnis weiter verbreitet als heutzutage. Selbst diejenigen, die die BRD als ihren Staat sehen, erkennen die Notwendigkeit des Kampfes um die Gesundheit an. Aber die Vorläufer des Tarifvertragsgesetzes, das Betriebsverfassungsgesetz und weitere Adenauersche Gesetze bremsten den Reformeifer: Gewerkschaften sollten nicht in den Betrieben um Gesetze kämpfen, sondern durften beim Kabinett betteln.
Kampfform wählen
In der Frage der Gesundheit setzten sich Mitte der 1950er Jahre die kämpferischen Teile der Gewerkschaften durch und erarbeiteten eine entsprechende Strategie: Ein Gesetz kann nicht direkt erkämpft werden. Aber wenn die stärksten Bataillone der Arbeitsbewegung eine Forderung in ihren Betrieben durchsetzen, wird dieser Fortschritt zum Wettbewerbsnachteil. Das Kapital muss also entweder die stärksten Bataillone erneut herausfordern oder das erkämpfte Tarifrecht zum allgemeinen Recht machen. Damit wurde die Bettelei durch den Kampf ersetzt. Dazu mussten freilich die Unternehmen, in denen gekämpft werden sollte, für die Ziele des Imperialismus bedeutend genug sein. In den Zeiten der Remilitarisierung traf das auf die Werften eindeutig zu.
Im Oktober 1956 ging es los. Die Metallarbeiter Schleswig-Holsteins wollten die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für die Arbeiter erkämpfen. Ein Recht, das bisher nur für die Angestellten galt. Am 11. und 12. Oktober 1956 stimmten 77,5 Prozent der Metallarbeiter für den unbefristeten Streik. Die IG Metall setzte auf Schwerpunktstreiks. Die stärksten Bataillone, das waren die Werftarbeiter in Kiel, Lübeck, Flensburg, Rendsburg, Elmshorn und Lauenburg. Danach kamen Betriebe in Hamburg-Bergedorf und Neumünster an die Reihe. Mehr als 34.000 Arbeiter in 38 Betrieben führten den Kampf.
Streikfront aufbauen
Das Klassenbewusstsein war damals sehr viel ausgeprägter, als wir uns das heute vorstellen können. Wenn die Arbeiter streikten, waren die Betriebe dicht. Von den über 12.000 der Kieler Howaldtswerft fanden sich ganze 16 Streikbrecher.
Mit „Mitarbeiterbriefen“ wollte die Kapitalseite die Belegschaften wieder in den Betrieb locken. Besonders zielten diese Versuche auf Frauen, um sie aus der Streikfront zu brechen. Doch gerade die Frauen in Kriegs- und Nachkriegszeit hatten Erfahrungen in Produktion, gewerkschaftlicher Organisation und Klassenkampf gemacht. Das AEG Schaltgerätewerk in Neumünster mit seiner überwiegend weiblichen Belegschaft etwa stand – geschlossen vor den Werkstoren. In der „Frankfurter Neuen Presse“ erklärte ein Kapitalvertreter: „Die in manchen Herzen gehegte Hoffnung trog, die Frauen würden in der Vorweihnachtszeit ihren kampfwilligen Männern den Dolch in den Rücken stoßen.“ Die Frauen erklärten selbstbewusst, während sie sich als Streikposten eintragen ließen: „Wir können das genauso gut wie die Männer.“
Während der Streik in den „Kieler Nachrichten“ totgeschwiegen wurde, berichteten die Zeitungen der DDR. Betriebsbelegschaften sandten Solidaritätserklärungen, einige zitierten die bestehende Arbeitsgesetzgebung der DDR. Der Kampf der Metaller in der BRD ließ die Arbeiter der DDR ihre Errungenschaften besser erkennen. Belegschaften im In- und Ausland unterstützten die IG Metall. Zu Weihnachten 1956 überreichte der Ortsausschuss Kiel 12.600 Kindern der Streikenden Weihnachtsgeschenke. Kleidung, Kinderspielzeug und Pakete kamen auch aus der DDR. Künstler aus Hamburg zogen in den Norden und traten kostenlos in den Streikzelten auf.
Vom Streik zum Gesetz
Am 14. Februar 1957 endete der Streik. Die Wut und die Kampfeslust der Arbeiter waren geweckt. Die IG Metall benötigte vier Urabstimmungen, um die Annahme des Tarifergebnisses durchzubekommen. Ende Juni erließ Adenauers Regierung das „Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfall“. Sechs Wochen lang musste die Kapitalseite die Differenz zwischen dem Krankengeld und 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts zahlen. Die Adenauer-Regierung nahm damit die vorausgesehene Rolle ein, den Wettbewerbsnachteil der Metallunternehmer auszugleichen.
Der Streik lehrt, dass Gesetze, vor allem die Arbeitsgesetzgebung, Ergebnisse von Klassenkämpfen sind. Fortschritte sind Ergebnis von bewusst geführten, offensiven Kämpfen von unten. Nicht die Bettelei der Böckler brachte die Lohnfortzahlung, sondern der Kampf der Hein Wadles auf den Werften. Willi Bleicher brachte das später auf den Punkt: Autonome Gewerkschaftspolitik müsse „auf die eigene Kraft vertrauen“.
Er lehrt, dass diese Kämpfe einen strategischen Kompass benötigen, der die Kapitalinteressen auch im Einzelbetrieb mit denen des Imperialismus abgleicht – also vor allem die Frage von Krieg und Frieden stellt.
Und er lehrt, dass die Kommunisten dann die führende Kraft dieser Kämpfe sein können, die Schlagkraft dieser Bewegungen sichern können, wenn sie weltanschaulich prinzipiell und taktisch flexibel sind. Wenn die in den Betrieben verankerten Kader dazu von der Partei ausgebildet werden, „geschickte und kluge Agitatoren“ sind, die „die SED-Parteischulen in der Zone“ besucht haben, auch wenn wir dafür heute nach Leverkusen fahren.








