Die Kulturhauptstadt Galway verschiebt alles – bis wann auch immer

Odysseus in Irland

Ulrich Straeter

Die Stadt Galway ist eine der beiden Kulturhauptstädte Europas im Jahr 2020, die andere ist Rijeka in Kroatien. Ja, Irland! Ja, Galway an der Westküste, am Atlantik. Eine geschichtsträchtige Stadt, nicht nur, weil man im Mittelalter Handelskontakte mit Spanien pflegte.

Es heißt, die Einwohner genössen das Leben. Und die Besucher mit ihnen. In der Mitte des Wild Atlantic Way – wie es in der Werbung heißt – gelegen, ist die Stadt berühmt für Kreativität und eine lebendige Atmosphäre. Von Musik (natürlich!) über Pferderennen bis zur Literatur und bis zu den Austern: hier wisse man zu feiern. Und man könne die Stadt gut zu Fuß durchstreifen. Das geht immer noch, aber die anderen Angebote? Spielt sich noch etwas ab im Kulturhauptstadtjahr, das vom Virus nicht unberührt bleiben kann? Zunächst ist das Schlimmste passiert, was in Irland passieren kann, also auch in Galway: Alle Pubs wurden geschlossen. Das trifft in erster Linie Arbeiter und Angestellte, die hier nicht nur ihr Feierabendbier trinken, sondern mittags oder abends ein kleines Essen einnehmen können.

Die Zahl der offiziell bestätigten Fälle in der Republik ist auf fast 170 gestiegen, davon über 20 in Galway. Schon der Start ins Kulturhauptstadtjahr, der wegen des gälischen Kalenders erst im Februar stattfand, fiel fast dem irischen Wetter zum Opfer; später kam noch ein Sturm vom für die Touristen hochgelobten Atlantik dazu, der sich von seiner rauen Seite zeigte. Von wegen Galway, das Barcelona Irlands! Und nun sorgt Corona dafür, dass weiterhin so einiges durcheinanderkommt. Öffentliche Einrichtungen sind zum Teil geschlossen, die Bevölkerung wird aufgerufen, Ansammlungen, also auch Veranstaltungen, zu meiden, soweit sie nicht eh abgesagt sind. Zurzeit sieht es traurig aus für die irische Kulturhauptstadt. Spazierengehen am Meer darf man allerdings noch. Die Gegenwart sieht also nicht gut aus, was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Wenden wir daher unseren Blick zurück, in die Vergangenheit.

Wir haben natürlich Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ gelesen. Auch den berühmten Roman „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ vom nicht minder berühmten Flann O’Brien, der als Nachfolger des äußerst berühmten James Joyce gilt, der in seinem gleichfalls berühmten Roman „Ulysses“ (Odysseus) denselben durch die irische Hauptstadt Dublin irren lässt. Damit sind wir schon in medias res, denn es könnte doch der alte Schwerenöter, Tunichtgut und Taugenichts Odysseus, auch der Listige genannt, durchaus in Irland gewesen sein. Das Mittelmeer ist viel zu klein, um zehn Jahre lang darin herumirren zu können. Warum sollte er nicht durch die Säulen des Herakles (heute: Gibraltar) durchgesegelt sein, wenn sein großer Vorfahre, nach dem diese Meeresenge benannt ist, bereits lange vor ihm dort war. Ab in den Okeanos! wird sich Odysseus gesagt habe – und ab nach Norden.

Inzwischen gibt es Übersetzungen, die ihn nach Skandinavien oder in die Ostsee sich verirren lassen. Dabei haben die damals wenig geirrt, sie waren eher auf der Suche nach Bodenschätzen (Ressourcen, sagen wir heute). Auch der Kampf um Troja ging nicht um die schöne Helena, sondern eher um das „Goldene Vlies“, um die Bodenschätze an den Ufern des Schwarzen Meeres. Und darum ging es wohl auch in Irland und England, wo es Blei und Zinn zu holen gab, was auch später nicht nur die Römer getan haben.

Schon früher habe ich behauptet, Odysseus sei in Irland gewesen, allein deshalb, weil eine Insel nach Achilles benannt worden ist (Achill Island), einem bekannten Kampfgefährten des Odysseus. Was tun nämlich segelnde Eroberer? Sie benennen alles nach ihren Leuten! Und außerdem bemerkte schon Kolumbus bei einem Besuch Galways, er habe Bemerkenswertes festgestellt. Na also! Und als wir den Schriftsteller Jürgen Lodemann in Galway besucht haben, konnten wir ganz in der Nähe das Geburtshaus von Nora Barnacle, der Lebensgefährten des James Joyce, besichtigen. Lauter Beweise! Ganz abgesehen vom Wohnhaus des berühmt-berüchtigten, aber unglückseligen Richters Lynch, das in Galway noch existiert.

Also nichts wie hin zur quirligen und lebendigen Kulturhauptstadt!

Wer aber zunächst nicht hinkommt oder zurzeit besser nicht hinfährt, nimmt mit dem Kapitel „Nora, Lynch und Lodemann“ aus unserem Irlandbuch „In Irland“ vorlieb. Denn Nora taucht in dem Roman Lodemanns „Nora und die Gewalt- und Liebessachen“ auf, wo die britische Queen Elisabeth II. bei einem Staatsbesuch in Deutschland in der Nähe des Gasthauses „Heimliche Liebe“ auf den Hügeln um Essen entführt werden soll!

„Let the Magic in“ heißt das Kulturhauptstadt-Motto. Das dürfte äußerst irisch sein, und so haben wir es auch erlebt und beschrieben, denn es passieren Dinge, die es gar nicht gibt. Außer in Irland! In Galway lebte ihrerzeit diese trotzige, kleine, unabhängige Kröte, diese Piratin, diese Grace O’Malley, die damals der englischen Queen Elisabeth I. das Leben schwer machte. Und ihren Männern, denen sie nach gälischem Recht ab und zu den Laufpass gab. Das Kapitel heißt „Die Krähen von Rockfleet Castle“. Noch ein Grund, das Buch mal zu lesen, nebst Zeichnung des Castles.

„Er schwamm, bis ihn eine furchtbare Erschöpfung überkam. Er kroch an Land und küsste die lebensrettende Erde“, so sollte die Schauspielerin Maxine Peake aus der viel gepriesenen neuen Übersetzung der Odyssee der britischen Altertumsforscherin Emily Wilson am Strand von Killahoey lesen. Da haben wir es. Also ordentlich viel „Craig“: Guinness, Spaß und mehr!
Vielleicht bald wieder. Die Iren sind Kummer gewohnt. It could be worse!


Ulrich Straeter
„In Irland – Reise-Erzählungen“
Nachwort: Jürgen Lodemann
360 Seiten, 19,80 Euro, jetzt aus Solidarität 10,- Euro einschl. Versandkosten.
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straeter-kunst@t-online.de

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"Odysseus in Irland", UZ vom 27. März 2020



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