Eine West-Linke, die einen Schritt nach vorn machte

Reflektierte Erinnerung

Die DKP verabschiedete 1989 auf einem Parteitag eine Solidaritätserklärung für Ingrid Strobl und forderte ihre Haftentlassung. Die Journalistin und frühere „Emma“-Redakteurin war am 9. Juni des gleichen Jahres vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Nach einer Revisionsverhandlung vor dem Bundesgerichtshof wurde der Fall an die Vorinstanz zurückverwiesen, die auf drei Jahre erkannte und die Reststrafe auf Bewährung aussetzte.

Am 28. Oktober 1986 hatten die „Revolutionären Zellen“, eine Gruppierung (man nannte das damals einen „Zusammenhang“) innerhalb der Autonomen Bewegung, einen Sprengstoffanschlag auf das Kölner Verwaltungsgebäude der Lufthansa verübt. Sie wollten damit auf dubiose Geschäftsfelder der Tochtergesellschaft „Condor“ aufmerksam machen: Abschiebungsflüge sowie sogenannte „Bumsbomber“, mit denen deutsche Männer zu Prostituierten in Südostasien transportiert wurden. Durch einen Wecker wurde ein Zeitzünder so eingestellt, dass die Explosion exakt zwischen zwei Kontrollgängen des Wachpersonals erfolgte, so dass Menschen nicht zu Schaden kamen. Ingrid Strobel ist vorgeworfen worden, diese Uhr gekauft zu haben. Vor Gericht äußerte sie sich nicht dazu, sondern hielt in ihrer Prozesserklärung ein Plädoyer gegen Rassismus und Sexismus und stellte ihr politisches Engagement in eine antifaschistische Tradition.

Fast dreißig Jahre später hat sie nun ein Buch veröffentlicht, in dem sie einerseits ihre damaligen Hafterfahrungen schildert, andererseits einen eigenen Lernprozess darstellt.

In den achtziger Jahren sei sie verzweifelt darüber gewesen, dass die grauenhaften Zustände, gegen die sie damals angeschrieben hatte, dadurch nicht beseitigt wurden. Sie habe deshalb mit den Revolutionären Zellen sympathisiert. „Im Prozess und angesichts der Briefe von ‚Emma‘-Leserinnen, die mich unterstützten, weil sie von meiner Unschuld zutiefst überzeugt waren, kam ich mir manchmal wie eine Heuchlerin vor. Ich hatte gewusst, wofür ich den Wecker kaufte. Und ich fand den Anschlag, für den er dann verwendet wurde, ziemlich gut.“

Heute relativiert sie dieses Urteil. „Gebracht hat der Anschlag nichts. Es wurde danach kein Flüchtling weniger abgeschoben.“ Eine Freundin, die ebenso empört war wie sie über Rassismus und Sexismus, sei einen anderen Weg gegangen: „Sie war aktiv im Kirchenasyl, beriet Flüchtlinge, schuf Strukturen, in denen illegale Flüchtlinge überleben und sogar ihre Kinder zur Schule schicken konnten.“ Auch jetzt noch gebe es solche Aktivitäten, die die Verfasserin für sinnvoller hält als ihren Weckerkauf.

In der Haft schloss sie die Arbeit an ihrem Buch „Sag nie, du gehst den letzten Weg. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung“ ab, das 1989 erschien. Es ist heute ein Standardwerk. 1998 folgte „Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939–1945“. Der Akzent liegt jetzt nicht mehr nur auf den bewaffneten Aktionen, sondern auch auf deren ziviler Einbettung, zum Beispiel der Rettung von Kindern. Jetzt wird der humane Kern des Widerstands herausgearbeitet, auch verdrängte Furcht eingestanden. Und es war Chaika Grossman, eine überlebende bewaffnete Kämpferin der Untergrundarmee von Bialystok im Nordosten Polens, die der Verfasserin diese Einsicht vermittelte.

Das änderte auch das Selbstverständnis von Ingrid Strobl. Immer hatte sie gegen das Patriarchat und für dessen Opfer gekämpft. Im Knast lernte sie einige der Ärmsten der Armen kennen: Junkie-Frauen, die wegen Beschaffungskriminalität einsaßen, andere, die von ihren Zuhältern zur Komplizenschaft gezwungen wurden, eine Mitgefangene, die ihren Kerl umbrachte, weil der ihre Tochter missbraucht hatte. Sie versucht zu helfen und erlebt, welch schwerer Kampf das ist.

Der Blick auf das Gefängnispersonal hat sich verändert. Die Aufseherinnen wurden als „Schlussen“ und „Wachteln“ bezeichnet. Jetzt erinnert sich die Autorin daran, wie die Direktorin der Haftanstalt in München-Neudeck ihr regelwidrig eine Weihnachtsnachricht ihrer Eltern weitergab. Als eine Wärterin ihr Post mit ihrer Gewerkschaftszeitung aushändigt, lächelt sie sie an und sagt: „Da sind wir auch drin.“ Gemeint waren sie und ihre Kolleginnen.

Über das individuelle Erleben hinaus ist dieses ehrliche Buch ein Dokument zur Geschichte jener Alterskohorte von West-Linken, die circa 1968 politisiert, anfangs der siebziger Jahre radikalisiert, während deren zweiter Hälfte ernüchtert wurden und 1989 den historischen Rahmen, innerhalb dessen sie agierten – unabhängig von ihrer Fraktionszugehörigkeit – in Trümmer gehen sahen. Danach verfolgten sie verschiedene Wege. Ingrid Strobl findet die Verhältnisse ebenso unerträglich wie damals, ging keinen Millimeter nach rechts in Richtung Mitte, wohl aber kräftige Schritte nach vorn.


Ingrid Strobl, Vermessene Zeit. Der Wecker, der Knast und ich.
Köln, Edition Nautilus 2020. 192 Seiten, 18,- Euro.

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"Reflektierte Erinnerung", UZ vom 15. Mai 2020



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