Ellen Brombachers bewegendes Familienbild

Keine „Erinnerungen“ im üblichen Sinne

Ellen Brombachers Erinnerungen „Deutsch-jüdisches Familienbild. Meine Kindheitsmuster und Prägungen“, sind im Verlag Neues Leben erschienen. Es sind keine „Erinnerungen“ im üblichen Sinne, die Ellen niedergeschrieben hat. Sie unterscheiden sich von vielen anderen dadurch, dass sie nur wenig über sich selbst, aber vor allem über die Schicksale der Eltern wie anderer aus den Familien von Mutter und Vater in der Zeit des Faschismus berichtet und durch viele erschütternde Briefe und – soweit möglich – amtliche Dokumente belegt.

Ellen Brombacher – geboren 1947 in Westerholt – erzählt dabei nur in einem vorangestellten, ausführlichen Interview, das Frank Schumann mit ihr führte, und an einigen anderen Stellen etwas über ihren eigenen Lebensweg: So von ihren Lehrern an der Paul-Gerhardt-Schule in Westerholt, von denen einige schon in der Nazi-Zeit ihren Beruf ausgeübt hatten. Einer war sogar in der Waffen-SS. Im Unterricht kamen die Opfer des Faschismus nicht vor, aber die in fremder Erde begrabenen Soldaten, die für das „Vaterland“ ihr Leben verloren hätten. Im Klassenraum hing eine Landkarte Deutschlands in den Grenzen von 1937. 1959 kam ihre Mutter mit ihr in die DDR. In der DDR war Ellen später in der FDJ und der SED hauptamtlich tätig, studierte nebenbei Russistik. In den 1980er Jahren war sie für die SED in Berlin für Kultur zuständig. Ellen war bis 1990 Volkskammerabgeordnete, erlebte die Solidarität einfacher Frauen, als ihr als Küchenhilfe in einer Kindertagesstätte im Berliner Bezirk Mitte 1991 „als Gefahr für die demokratisch umgestaltete Verwaltung“ gekündigt wurde. Später arbeitete sie unter anderem im Verein „Kultur ist plural“ und viele Jahre in der gemeinnützigen GmbH „BQG-Ankunft“. Sie ist bis heute Mitglied im Bundessprecherrat der Kommunistischen Plattform (KPF) in der Partei „Die Linke“: „Der Kampf heute ist ein zunehmend schwererer – gerade in der jüngsten Zeit. Aber er muss geführt werden. Wir können dem Kapital die Erde nicht widerstandslos überlassen.“

Selten haben mich Erinnerungen so berührt. Wir beide wurden durch unsere deutsch-jüdischen, kommunistischen Elternhäuser tief beeinflusst und geprägt. Die Geschichte ihrer Familie bewegt mich: „Mindestens vierzig Mitglieder aus der Familie meiner Mutter überlebten die Shoa nicht. Von den wenigsten ist bekannt, wo sie umkamen. Die deutsche Gründlichkeit hält bei ihnen allen nur eines exakt fest: den Deportationstermin.“ Meine Großeltern und die jüngere Schwester meiner Mutter haben überlebt, weil sie von tapferen Menschen versteckt wurden. 2018 wurde für die Ermordeten aus der Familie Meyerstein und anderen jüdischen Familien in ihrer Heimat Bremke bei Göttingen eine Gedenktafel angebracht.

Ellens Mutter Brunhilde Meyerstein, eine jüdische Kommunistin, entkam den Nazis, kämpfte im belgischen Widerstand. Ihr Vater, Ernst Harter, saß während der Zeit des Faschismus im Zuchthaus, war im KZ Sachsenhausen, überlebte Mauthausen. Einer seiner Brüder, Franz Harter, wurde in Sachsenhausen ermordet. Nach der Befreiung kehrte Ernst Harter nach Hause, nach Westerholt im Ruhrgebiet, zurück und arbeitete für die KPD. Nach dem KPD-Verbot 1956 musste er – auch weil er aus gesundheitlichen Gründen einer weitere Haft vielleicht nicht überstanden hätte – die BRD verlassen, seine Frau und Ellen folgten ihm drei Jahre später in die DDR.

Die Erinnerungen bewegen mich vor allem auch, weil Ellen und ich uns seit etwa dreißig Jahren kennen – aus politischen Gesprächskreisen, vielen Veranstaltungen wie auch UZ-Pressefesten und Aktionen, gemeinsame Erlebnissen wie Diskussionen, aus der lange Jahre währenden Zusammenarbeit für die KPF beziehungsweise die DKP bei der Vorbereitung und Durchführung der alljährlichen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration – und befreundet sind. Zudem, weil in ihren Erinnerungen und Dokumenten, die in dieses Buch aufgenommen wurden, auch an Genossinnen und Genossenn (der KPD, SED wie DKP) erinnert wird, die ich in andere Zusammenhängen erlebt habe und die auch bei mir einen tiefen Eindruck hinterließen. So unter anderem Franz Dahlem, Marianne und Robert Konze, Lore und Heinz Junge.

Reinhard Junge hat das Nachwort geschrieben. In den Anhang wurde eine „Studie über Rechtsextremismus oder die Fortsetzung der Totalitarismusdoktrin mit anderen Mitteln“ von 1998 (Autoren Ellen Brombacher, Heinz Marohn, Gerald Schwember), ein Artikel von Ellen Brombacher, der 2009 im „ND“ erschien („Das Schweigen aber … Es ist keine Alternative“) sowie ein Beitrag von Detlef Joseph („Von ‚Jude sein’ und ‚missachtetem Jüdischsein’“) aufgenommen.


Ellen Brombacher
Deutsch-jüdisches Familienbild
Meine Kindheitsmuster und Prägungen
Verlag Neues Leben, 238 Seiten
mit zahlreichen Dokumenten und Fotos, 18 Euro
Erhältlich unter uzshop.de


Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Keine „Erinnerungen“ im üblichen Sinne", UZ vom 4. November 2022



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