Heinz Stehr hat seine Autobiografie vorgelegt

Vom Lehrling zum Parteivorsitzenden

Dass ich heute Mitglied der DKP bin, verdanke ich den Osnabrücker Genossen, Gregor Gysi und Heinz Stehr. Als Anfangzwanzigjährige machten wir in Bramsche Wahlkampf für die PDS und bekamen dabei Unterstützung von der DKP. Auch Gysi kam zu einem Wahlkampfauftritt: Entstieg seinem Audi, hielt seine Rede und entschwand ins Auto. Schön war, dass er unsere Erzrivalen von der Jungen Union als dumme Jungs stehen ließ, ärgerlich, dass er sich keine Minute für die damals wohl jüngste PDS-Gruppe in Niedersachsen nahm. Wenig später lernten wir den damaligen Vorsitzenden der DKP kennen. Heinz Stehr war interessiert, fragte nach, überraschte durch Nähe und Vertrautheit. Wahrscheinlich die zentralen Eigenschaften, die ihn dazu befähigten, die DKP vor dem Zusammenbruch nach der Konterrevolution zu bewahren. In seiner Autobiografie gesteht Heinz, dass er mehr wollte. Vielleicht war das dann einfach zu viel für den Kampfabschnitt. Das mag auch die Ursache dafür sein, dass dieser Abschnitt sehr beschreibend bleibt. Heinz berichtet über seine Auseinandersetzungen mit Gysi, reflektiert die eigene Rolle auch mit dem historischen Abstand wenig. So wirkt seine Beschreibung der Parteiauseinandersetzung rund um den 20. Parteitag der DKP eher gekränkt als politisch. Lesenswert ist der Band dennoch, da Heinz, der vor Kurzem 80 Jahre alt geworden ist, aus eigenem Erleben ein Stück der anderen deutschen Geschichte erzählt. Wir drucken an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Autors einen – redaktionell leicht bearbeiteten – Textauszug über Heinz’ Ausbildungszeit.

1962 konnte ich die Realschule mit der Mittleren Reife beenden. Paul Lüdtke, unser Klassenlehrer, meinte dazu: „Erzähl später niemandem, dass du deine Mittlere Reife bei mir gemacht hast!“ Meine Leistungen waren aus seiner Sicht nicht überzeugend. Macht nichts. Als Sohn stadtbekannter Kommunisten war ich jedenfalls stolz darauf und danke noch heute allen Mitschülern, die immer solidarisch, manchmal auch helfend, zu diesem Erfolg beigetragen haben. Dass wir uns als Klassengemeinschaft bis heute regelmäßig treffen, bringt ein gewachsenes Gruppengefühl zum Ausdruck. Übrigens erhalte ich bis heute die Aufgabe, diese Treffen zu organisieren, mehr als 60 Jahre nach Abschluss der Matthias-Claudius-Schule in Pinneberg.

Eigentlich wollte ich gleich nach der Schule zur See fahren, mein Traumberuf war schon immer Seemann, bestenfalls Kapitän, das hatte sich seit der Kindheit nicht geändert. Nach vielen überzeugenden Diskussionen mit meinen Eltern fiel der Hammer: Seefahrt ja, aber vorher einen Beruf erlernen, am besten in einem Großbetrieb, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Außerdem schützte ein Großbetrieb vor mancher Willkür, die in Kleinbetrieben gegenüber Lehrlingen üblich war. Das Resultat der Bemühungen hieß Schiffsmaschinenschlosser auf der Hamburger Howaldts­werft (HDW).

Die dreieinhalb Jahre waren in vielerlei Hinsicht eine Lehrzeit. Mein handwerkliches Geschick und Können wurden bis zu einem gewissen Grad entwickelt. Neues Wissen und Arbeiten in einer großen Gemeinschaft von mehr als 100 Lehrlingen im selben Ausbildungsjahr waren toll. Eine neue Welt erschloss sich und die Abschlussprüfung gelang befriedigend. Gute Leistungen stimulierten meine Selbstsicherheit, was in dem Alter ziemlich wichtig war. Lehrwerkstatt, Hammer- und Kesselschmiede, Schiffbau, Werkzeugmacherei, Schnürboden, Kupferschmiede, Bordmontage, Neubau und Reparatur – das waren einige Stationen mit vielen Gesellen, neuen Kontakten und Herausforderungen. Immer mit dem sehnsuchtsvollen Blick auf die Schiffe oder sogar mit Arbeiten an Bord und Kontakt zu Kollegen, die „gefahren“ sind – das war stark. Ich vervollkommnete mein Plattdeutsch, drehte meine Zigaretten selber, trug einen Elbsegler, hatte einen Zampel (einfacher Rucksack aus Segeltuch) für die Frühstücksbrote und was man sonst so brauchte, um seine Hafen-Zugehörigkeit nach außen zu tragen.

In dieser Zeit festigte sich auch mein politisches Profil. Schon 1960 war ich als 14-Jähriger Mitglied der Deutschen Friedensunion (DFU) geworden, die von politischen Widersachern als „Die Freunde Ulbrichts“ verunglimpft wurde. Ich begann damit, mich an Ostermärschen und politischen Aktionen zu beteiligen.

1962 wurde ich Mitglied der illegalen HDW-Betriebsgruppe der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Im Juni war es soweit. Toni Petersen, der legendäre ehemalige Betriebsratsvorsitzende der HDW, nahm mich auf. Dazu waren zwei Bürgen notwendig und es wurde eine Schallplatte mit einer Rede des KPD-Vorsitzenden Max Reimann an neue Mitglieder abgespielt. Ich bekam als Mitgliedsbuch den Band „50 Jahre Arbeiterjugendbewegung“, darin stand mein Eintrittsdatum. Es war ein bewegender Vorgang. Toni erläuterte, was es heißt, Kommunist auf der Werft zu sein. Von allen Genossinnen und Genossen konnten Fragen an mich gestellt werden. Nachdem ich meine Gründe dargelegt hatte, warum ich Mitglied werden wollte, fiel die Aufnahme einstimmig aus. Toni (er hatte in der Regel eine erloschene Zigarre im Mundwinkel) gab mir das schon bekannte Motto mit auf den Weg: Du musst erst mal lernen, lernen und nochmals lernen, wie Lenin es schon von der Jugend forderte – also eine erfolgreiche Ausbildung musste erst mal sein. Danach kam die Politik, die Inte­ressenvertretung der Lehrlinge. Der Kampf um das „Teewasser“ (die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen) wurde diskutiert und die Parteiarbeit wurde konkret für mich, zum Beispiel durch das Verteilen der illegalen Betriebszeitung auf bestimmten Klos, „denn dort wird am meisten gelesen“ (Originalton Toni).

Illegales Arbeiten verlangt hohe Disziplin. Dazu gehören absolute Pünktlichkeit, Verschwiegenheit, Verlässlichkeit, umsichtiges Handeln und Beachtung der Regeln der Konspiration. Wir tagten immer in unterschiedlichen Wohnungen und zu unterschiedlichen Zeiten und mussten darauf achten, nicht observiert zu werden.

Im Betrieb stritten wir als Lehrlingsvertretung für eine qualifiziertere Ausbildung, für zukunftsorientiertere Ausbildungssysteme und für eine Mitbestimmung bei allen Themen, welche die Ausbildung betrafen. „Die alte Oma Gewerbeordnung“ aus dem 19. Jahrhundert musste durch ein neues Berufsbildungsgesetz abgelöst werden. Wir stritten für höhere Lehrlingslöhne, organisierten Diskussionen zu Lohnrunden und prangerten schlechte Ausbildungsverhältnisse an. Auf Betriebs-, Vertrauensleute- und Lehrlingsversammlungen diskutierten und formulierten wir unsere Forderungen und beratschlagten Schritte zu deren Durchsetzung.

Erfahrene Kommunistinnen und Kommunisten, die vor uns Jugendvertreter oder Betriebsräte waren, berieten uns dabei. Jetzt waren wir die Jugendvertreter, die alle der Industriegewerkschaft Metall im Deutschen Gewerkschaftsbund (IG Metall) angehörten. Davor hatten wir schon in der illegalen KPD eine „Kreisjugendkommission Werften“ gebildet, die auf einigen Großwerften in Hamburg sehr erfolgreich arbeitete. Wir bildeten eine erste IG-Metall-Betriebsjugendgruppe HDW, die viele Initiativen für den Betrieb und die Freizeit entwickelte. Die IG Metall hatte eine sehr starke Basis unter uns Lehrlingen.

Das missfiel nicht nur der Geschäftsleitung des Betriebs, der Politischen Polizei und dem Verfassungsschutz, sondern zunehmend auch einigen in der SPD und der IG Metall. Unser Intimgegner wurde Erhard Prehm, IG-Metall-Sekretär mit einer Vergangenheit in der Legion Condor, der faschistischen Legion, die von der deutschen Wehrmacht abkommandiert worden war, um Franco in Spanien im Bürgerkrieg gegen die Republik zu unterstützen. Er galt als „Kommunistenfresser“, wie manche es ausdrückten. Prehm versuchte etliche Male, uns als Lehrlingsvertretung zu diskreditieren, die IG-Metall-Betriebsjugendgruppe gegen uns zu missbrauchen und uns zu behindern, wo er konnte. Aber er konnte sich nicht durchsetzen, unser Einfluss nahm zu, auch weil uns bei den Wahlen zur Jugendvertretung ein starkes Vertrauen ausgedrückt wurde.

Diese Erfolge wurden ein wertvolles Fundament für mein politisches Leben. Sie machten uns selbstsicherer im Betrieb und in der großen Außerparlamentarischen Opposition.

Heinz Stehr
Der rote Faden
Aus dem Leben und Wirken des ehemaligen DKP-Vorsitzenden Heinz Stehr
tredition 2026, 220 Seiten, 20 Euro
Erhältlich unter uzshop.de

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"Vom Lehrling zum Parteivorsitzenden", UZ vom 15. Mai 2026



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