Kim Jong-un besucht Wladimir Putin

Revitalisierung der Solidarität?

Natürlich konnte man von den westlichen Kriegsmedien keine sachliche Berichterstattung erwarten. „Zusammenarbeit der Diktatoren“ (ZDF) war da noch eine der zurückhaltenden Zuschreibungen. Der „Despoten-Deal“ („Spiegel“), „Ziemlich beste Schurken“ („taz“) oder das „Duo des Grauens“ („Zeit“) entsprachen da schon eher dem Kriegszeitgeist in deutschen Redaktionsstuben.

Für die Begegnung des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), Kim Jong-un, im Kosmodrom Wostotschny gibt es gewichtige historische, geopolitische und geoökonomische Gründe – und natürlich auch militärstrategische. Beide Staaten, genauer: ihre kommunistischen Bewegungen, verbindet eine lange Geschichte, die bis in die Zeit des gemeinsamen Kampfes gegen die brutale japanische Okkupation Ostasiens, gegen die kaum weniger brutale US-geführte Invasion 1950 bis 1953 und gegen die blutige Herrschaft der US-Marionette Syngman Rhee zurückreicht. Das US-Strategic Air Command (SAC), das im Zweiten Weltkrieg vor allem zivile Ziele – die Städte Deutschlands und Japans – ausradiert hatte, bombte auch Korea so lange „in die Steinzeit“ (SAC-Commander Curtis LeMay) zurück, bis buchstäblich keine Ziele mehr übrig blieben. Zwei bis drei Millionen Koreaner starben. Das alles ist in der DVRK nicht vergessen, wenn Kim sich demonstrativ hinter Russlands militärische Spezialoperation stellt und Putin eine Einladung nach Pjöngjang annimmt. Ende Juli wurde dort Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu gefeiert wie ein Rockstar.

Die russische Führung arbeitet intensiv nicht nur an der Erweiterung der BRICS-Kooperation, sondern auch an der Vergrößerung der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft (EAEU). Darin haben sich die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien, Belarus, Kasachstan, Kirgisistan und Russland zusammengeschlossen. Eine Erweiterung der EAEU in Richtung Korea mit dem Bau von Verkehrs- und Energieinfrastruktur wäre sowohl für die DVRK als auch für Südkorea hochattraktiv. Beispielsweise würde ein Anschluss einer (noch zu bauenden) transkoreanischen Eisenbahnlinie an die Transsibirische Eisenbahn den direkten Zugang der koreanischen Staaten zum großen eurasischen Markt ermöglichen. Die DVRK verfügt dazu über erhebliche Bodenschätze wie Eisenerz, Kohle, Magnesit, Wolfram und Zink, was bei Überwindung der massiven US-Sanktionen den Aufbau entsprechender Industrien realisierbar machen würde. Hier sind enorme Entwicklungspotenziale möglich.

Selbstredend ist das alles ohne die Unterstützung durch Peking nicht vorstellbar. Russland, China und die DVRK stoßen im Fernen Osten nicht nur geografisch zusammen. Dort berühren – im positiven Fall: verbinden – sich auch ihre Interessen. Eine volle Einbeziehung der DVRK in die EAEU und später auch in die Shanghai Cooperation Organisation (SCO) scheint sich anzubahnen. Pekings Interesse besteht darin, die zunehmende Bereitschaft Seouls, sich in militärische Abenteuer um Taiwan einzulassen, deutlich zu dämpfen. In diesem Kontext dürfte auch der militärische Aspekt der russisch-nordkoreanischen Zusammenarbeit zu suchen sein. Die überraschend schnelle Entwicklung nordkoreanischer Feststoff-Hwasong-18-Interkontinentalraketen (ICBM) hat in westlichen Medien eine Debatte über russische Hilfe oder die Lieferung von hochmodernen russischen Topol-M ICBMs in die DVRK ausgelöst. Der von einer mobilen Plattform abzuschießenden Hwasong-18 werden, analog der Topol-M, eine Nettotragfähigkeit von 1,2 bis 1,5 Tonnen und eine Reichweite von 15.000 Kilometern zugeschrieben. Das dürfte für die Sprengkraft von etwa einer Megatonne TNT in einem Einzel- oder Mehrfachgefechtskopf reichen, was rund 80 Hiroshima-Bomben entspricht. Damit wäre das gesamte Gebiet der USA erreichbar.

Kim bei Putin, Nicolás Maduro ganze sechs Tage bei Xi Jinping. Ebenso wie in Afrika revitalisieren die Führungen Chinas und Russlands auch in Asien und Lateinamerika ihre antikolonialen und antihegemonialen Beziehungen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow besuchte im April Caracas, Havanna und Managua. 2014 hatte Putin bei seinem Staatsbesuch in Havanna versprochen, auf die Rückzahlung von 90 Prozent der Kredite an Kuba in Höhe von 35 Milliarden US-Dollar zu verzichten. Xi und Maduro schlossen eine „strategische Partnerschaft“, die vor allem Fossilenergie für China und politische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung sowie eine baldige BRICS-Perspektive für Venezuela bedeutet. Aus der Sicht der Westpropaganda formiert sich so etwas wie ein finsterer Buhmann-Block. Wir leben längst in Zeiten des Zweiten Kalten Krieges – diesmal vor allem gegen die Hauptmächte der boomenden antihegemonialen Organisationen.

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"Revitalisierung der Solidarität?", UZ vom 22. September 2023



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