Zu Rüdiger Görners Buch „Romantik. Ein europäisches Ereignis“

Revolutionäre Traditionen und Selbstfindung

Der Begriff „Romantik“ oder „romantisch“ wird vielfältig und undifferenziert im Alltag verwendet. Aufmerksamkeit verdient das Denunziatorische des Einfältigen und Rückständigen, mit dem die Begriffe oft verbunden werden. Wenige machen sich über ihre Bedeutung und Herkunft Gedanken, dadurch kommt es zu diesen merkwürdigen Akzenten. Romantische Literatur von Uhland bis Mörike, Musik von Liszt bis Wagner, Kunst von C. D. Friedrich bis Moritz von Schwindt – stellvertretend für Hunderte von Werken – sind präsent. Gefährlich wird es, wenn Schriftstellern wie Christoph Hein, Christa Wolf, Heiner Müller und anderen unterstellt wird, sie hätten am 4. November 1989 „die Tradition der Romantik-‚Rehabilitation‘ in der DDR als Weg zur ideologischen Beseitigung des Marxismus-Leninismus“ gefeiert. Danach schlössen sich romantische Kunst und Marxismus aus.

Rüdiger Görners „Romantik“ ist ein Buch, das am Thema interessierten Lesern ohne Einschränkung empfohlen werden kann, eine ausgewogene Darstellung. Es kommt hinzu, dass Stil und Methode den Leser in ihren Bann ziehen: Sie sind wohltuend verständlich, angemessen empathisch und frei von Schwulst, Fremdworten und nutzlosen Begriffsansammlungen, die Wissen suggerieren sollen, aber Verwirrung stiften. Der Verfasser wusste, dass Klarheit gerade bei diesem Thema wichtig war, da sich um „Romantik“ vieles angesammelt hat, das nicht zum Verständnis beigetragen, sondern selbst Spekulationen ausgelöst hat.

Der Titel „Romantik. Ein europäisches Ereignis“ wird begründet durch Roman und Lied, die die Romantik zum Ereignis gemacht hätten. Das Programm wird sorgfältig durchgeführt, enthält aber auch Polemik: Görner belegt das „europäische Ereignis“ mit Beziehungen, Themen und Gruppierungen, mit europäischen Namen wie Manzoni, Victor Hugo und George Sand, Scott, Puschkin und vielen anderen, sieht in E. T. A. Hoffmann eine herausragende deutsche Persönlichkeit – der „neben Heine weltweit bekannteste deutsche Romantiker“ – und in der skandinavischen eine besonders „reiche romantische Literatur“. Des berühmten Literaturwissenschaftlers Hans Mayer Namensliste in seinem Vortrag auf der Konferenz von 1962, über die noch zu sprechen ist, nimmt sich wie ein Merkzettel zu Görners Buch aus: Von Chateaubriand über Hugo, Lamartine, Puschkin, Lermontow, Mickiewicz bis zu deutschen Dichtern. Beim romantischen Gedicht führt Görner „quer durch die nationalen Kulturen“. Wenn es um romantische Prosa geht, stellt er vier Autoren nebeneinander als „exemplarische Sonderfälle“: Novalis, E. T. A. Hoffmann, Hans Christian Andersen und Alexander Puschkin.

Der erste Satz des Buches lautet „Europäischer gestimmt war man nie als in der (frühen) Romantik.“ Damit stellt er sich gegen „Romantik. Eine deutsche Affäre“ (2007) Rüdiger Safranskis, der seinen Titel von Eichendorff bezog. Görner hat eine Anmerkung für dieses „verfehlte Konzept“ übrig. Bedeutendes und Erinnernswertes ist bei Görner angesagt, nicht das Fatale einer „Affäre“, für die Safranski auch noch Novalis benutzte: Er habe die „beste Definition des Romantischen“ geboten, indem er „dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn“ gegeben habe. Görner verstand Novalis im gleichen Zusammenhang anders: Romantisieren sei ihm ein „universales ästhetisches Prinzip“ gewesen, das „in erster Linie: die Musikalisierung des Empfindens“ bedeutet habe.

Görner setzte den Eröffnungssatz fort: „… Romantik, diese Fortsetzung der Aufklärung mit anderen Mitteln und Themen.“ Er spielt, mehrfach, an auf die bekannte Überschrift in Clausewitz‘ „Vom Kriege“: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Safranski hatte das verwandelt in: „Romantik ist … eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.“ Görner dagegen sucht in der Romantik das Gegenteil, die Fortsetzung der Aufklärung, den „Schatten der Französischen Revolution“, in dem die Romantiker „die quasi radikale Gemeinschaft“ probten, und fragt nach dem Ende der Romantik „mit dem Schalt- und Revolutionsjahr 1848“. Mit diesem Ansatz fand er zur europäischen Sicht auf die Romantik.

Aber nicht nur die zeichnet das Buch aus: Es trennt die Kunst nicht von der Wissenschaft. Gleichberechtigt werden nebeneinander betrachtet Dichtung und Musik, Ballett als besondere Kunstform der Romantik, Maler und Zeichner, Wissenschaftler mit ihren Versuchen der „Dekodierung natürlicher Vorgänge“. Namenslisten von Wissenschaftlern weisen über das Buch hinaus, deuten auch an, wie Grenzen zwischen Wissenschaften, aber auch zwischen Wissenschaft und Kunst verschwammen. Einzelne Werke wie Goethes „Faust“, ähnlich folgenreich auch der aus dem Dänischen stammende „Erlkönig“, lösten die Entstehung eines Ensembles thematisch vergleichbarer Werke in verschiedenen Künsten der Romantik aus, wie Görner berichtet. Es geht ihm um die Zusammengehörigkeit europäischer Entwicklung, nicht um deutsche Begrenzung, die nicht möglich ist, weil nationale Vorgänge miteinander verflochten sind. Zudem ist die Romantik keine zufällige und peinliche Affäre, sondern ein Ereignis in historischer Entwicklung.

Geschichtsschreibung, nicht Zufälligkeit bestimmte Görner; das brachte Unterschiede im internationalen Prozess zu Tage. Dadurch wurde die Romantik auch politisch bestimmbar. Besonders hebt Görner die Polenlieder um 1830 hervor, an denen Romantiker wesentlich beteiligt waren, wobei er nicht alle nennt: Es fehlen von Platen und Julius Mosen, der in seiner Frühphase romantische Versatzstücke fleißig nutzte. Die politische Grundlage der Romantik bekommt bei Görner einen Wert, der bisher weitgehend vernachlässigt wurde. Dafür mag die Romantik-Konferenz 1962 unter der Leitung Hans Mayers in Leipzig gesorgt haben, die bis heute vernachlässigt worden ist und Görner unbekannt geblieben sein dürfte, aber das Romantik-Bild von DDR-Schriftstellern, etwa Anna Seghers‘, geprägt hat. Die Romantik wurde als eine „Bewegung des gesellschaftlichen Fortschritts“ gesehen und nach ihren Beziehungen zu den Revolutionen gefragt, der Französischen Revolution von 1789, der von 1830 und der von 1848. Görner berief sich auf Thomas Mann, der die deutsche Romantik als „die revolutionärste und radikalste Bewegung des deutschen Geistes“ bezeichnet hatte. Von der Romantik-Konferenz 1962 ging eine folgenreiche Anregung der Literatur, teils auch der Literaturwissenschaft aus, gegen die Peter Hacks‘ einseitig-individualistischer Angriff auf die Romantik („Zur Romantik“), der in Wirklichkeit seit den siebziger Jahren dauerhaft dem Werk Heiner Müllers galt, übergangen werden kann.

Görners Buch sieht in der Romantik außerdem „die erste wirkliche Stunde der Frau im der Neuzeit“ – und vieles damals Selbstverständliche will heute erst wieder erobert werden. Auch hier gibt das Buch internationale Namenslisten von der Dichterin Günderrode über Byrons Tochter, die Mathematikerin Ada Lovelace, zu Madame de Staël, George Sand, Caroline Schelling, Mary Shelley, der Droste-Hülshoff und vielen anderen. Auch nur annähernd die Anregungen des Buches auszuschöpfen ist kaum möglich. Vielleicht seine wichtigste Funktion ist, in Zeiten des Klimawandels und der Energieprobleme auf Warnungen aus der Romantik hinzuweisen. Um die Warnungen nicht zu übersehen, zitiert Görner sie ausführlich, hier Friedrich Schlegel: „… dann werden euch alle eure kleinen Blitzableiter nicht mehr helfen.“


Rüdiger Görner
Romantik
Ein europäisches Ereignis

Ditzingen: Reclam 2021, 384 S., 26,– Euro


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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Revolutionäre Traditionen und Selbstfindung", UZ vom 23. September 2022



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