Rede von Elias, Schüler aus Essen, auf der Schulstreik-Demonstration am 8. Mai in Essen

Streik ist die Devise!

Elias, SDAJ Essen

Die Schulstreik-Bewegung hat sich bewusst dafür entschieden, ihren dritten Streiktag auf den 8. Mai zu legen. Viele Rednerinnen und Redner zeigten auf Schulstreik-Demonstrationen in ganz Deutschland historische Parallelen zwischen den Kriegsvorbereitungen der Bundesregierung heute und denen der Faschisten ab 1933 auf. Wir dokumentieren die Rede von Elias, Schüler aus Essen, in voller Länge:

„Aber es war kein Wachtraum, es war keine Einbildung, ein lebender Toter stand mir gegenüber. Hinter ihm waren im nebligen Dunkel Dutzende anderer Schattenwesen zu erahnen, lebende Skelette. Die Luft roch unerträglich nach Exkrementen und verbranntem Fleisch. Ich bekam Angst, mich anzustecken, und war versucht, wegzulaufen. Und ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Es war uns klar, dass etwas Schreckliches an diesem Ort lag.“

Das waren die Worte eines Soldaten der Roten Armee, der im Januar vor 81 Jahren Auschwitz befreite. Das waren seine Worte, nachdem er in seinem Heimatland, der Sowjetunion, selbst vier Jahre alle erdenklichen Gräuel des Krieges erlebt hatte. Nachdem tausende Dörfer und Städte niedergebrannt, nachdem 14 Millionen Zivilisten massakriert worden waren. Nachdem die Stadt Leningrad zwei Jahre belagert und die Hälfte der Menschen dort, über eine Million, zu Tode gehungert worden war. Die hemmungslose Gewalt des deutschen Faschismus, der ganz Europa in Flammen setzte, der aus Ackern und Wäldern Massengräber machte und dafür noch Millionen in diesem Land begeisterte, ist uns, damals wie heute, das Entsetzlichste, das Feindlichste.

Von diesem deutschen Faschismus, der aus Menschen lebende Tote machte, der jede seiner Gräueltaten noch selber übertrumpfte – von diesem Faschismus befreiten uns am 8. Mai vor 81 Jahren die Alliierten, allen voran die Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee. Ich würde sagen, das wäre doch ein Anlass zum Feiern. Doch wieso sind wir dann hier? Wieso müssen wir heute, am 8. Mai, wieder kämpfen gegen die Militarisierung, den Krieg – gegen die Wehrpflicht?

Weil in diesem Land immer noch diejenigen das Sagen haben, die, damals wie heute, von Krieg und Faschismus profitieren. Das sind, damals wie heute, deutsche Konzerne wie Thyssenkrupp und Siemens, die Waffen und Panzer für Hitler herstellten, die in KZ eigene Zwangsarbeiterlager betrieben. Konzerne wie Bayer und BASF, die damals unter dem Namen IG Farben tausende Zwangsarbeiter zu Tode knechteten und der SS das Gas für die Konzentrationslager lieferten. Konzerne wie die Deutsche Bank, die das Geld bereitstellten und vom Krieg profitierten. Es waren diese deutschen Kapitalisten, die für ihre Profite, für Einflusssphären und Marktanteile Millionen Menschen ermordeten. Und es sind diese deutschen Kapitalisten, die uns heute wieder „kriegstüchtig“ machen wollen, die nach noch größeren Profiten streben, und die unmissverständlich klar machen, dass sie dazu bereit sind, dafür über unsere Leichen zu gehen.

Damals musste die deutsche Armee innerhalb von vier Jahren einsatzfähig und die Wirtschaft kriegsfähig sein. Das schrieb Hitler 1936. Heute sagt uns Pistorius, dass die Gesellschaft bis 2029 kriegstüchtig sein muss. Dafür sehen wir bereits seit längerer Zeit, wie nicht nur die Wehrpflicht wiedereingeführt wird, sondern wie alle Errungenschaften der Arbeiterklasse angegriffen werden. Sei es der Acht-Stunden-Tag, sei es, dass wir keinen Lohn mehr bekommen sollen, wenn wir krank werden, sei es, überhaupt einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen. Wer keine reichen Eltern hat, kann sich ein Leben kaum noch leisten. Und jetzt sollen wir auch noch zum Kriegsdienst verpflichtet und in den Schützengraben gezwungen werden! Wir sagen damals wie heute: Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht!

Vielleicht habt ihr das ja auch gelesen: Für Friedrich Merz sollen die nächsten Jahre das „Zeitalter der Großmachtpolitik“ werden. Nicht die Jahre unserer Abiturfeiern, nicht unserer Führerscheine, nicht unserer Ausbildungs- und Studienjahre, nicht unserer ersten eigenen Wohnungen, nicht unserer Geburtstagsfeiern, nicht unserer Zukunft. Sondern Jahre der Perspektivlosigkeit, Armut, Krieg und Gewalt, damit Deutschland in diesem Zeitalter bloß Großmacht bleiben und noch mehr Einfluss erlangen kann. Und gleichzeitig hat die Bundesregierung angekündigt, dass die Regelung, dass man das Land nicht länger als drei Monate ohne Genehmigung verlassen darf, nur ausgesetzt wurde. Wenn die Wehrpflicht verpflichtend wird, tritt auch diese Regel in Kraft. Warum und wofür das alles gemacht wird, das zeigen die völkerrechtswidrigen Angriffskriege gegen Iran und Venezuela: Um Öl, um Handelswege wie die Straße vor Hormus, um Einflusssphären, um Profit. Denn damals wie heute drängt der Kapitalismus zu Krieg. Aber das machen wir nicht mit!

Friedrich Merz, das ist nicht das „Zeitalter der Großmachtpolitik“! Das ist das Zeitalter des Widerstands! Das ist das Zeitalter der Schulstreiks! Wir sagen: Streik ist die Devise, wir sterben nicht für eure Kriege!

Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler, liebe Unterstützende der Schulstreiks,

vor 81 Jahren wurden wir von Krieg und Faschismus befreit. Wir wurden befreit. Und heute soll wieder Krieg geführt werden. Darauf kann unsere Antwort nur sein, Widerstand zu leisten!

Lasst uns die Bundeswehr stören, wenn sie an unsere Schulen kommt. Lasst uns bundeswehrfreie Schulen erkämpfen und Streikkomitees an unseren Schulen gründen. Lasst uns die Zusammenhänge zwischen Einschüchterungsversuchen und der Militarisierung klar benennen. Lasst uns der Kriegspolitik der Herrschenden in den Rücken fallen. Lasst uns weiter gegen die Wehrpflicht kämpfen, gegen den „Veteranentag“ auf die Straße gehen, und den nächsten Streik im Herbst vorbereiten!

Denn es werden nicht die Kinder von Rheinmetallchef Papperger, Merz oder Pistorius sein, die in die Schützengräben ziehen und verenden werden. Das Sterben, das sollen wir übernehmen. Wir erklären heute gemeinsam: Wir werden diesen Krieg nicht führen! Lasst uns in Stein meißeln, was in diesem Land gerade in Frage gestellt wird, damals wie heute: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus! Lasst uns gemeinsam sagen: Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht!

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