Der KI-Boom geht im Kapitalismus auf Kosten der Beschäftigten

Strom- und Jobfresser

Dennis Broe, People’s World. Gekürzte Fassung. Übersetzung und Bearbeitung: UZ

Vor nur drei Monaten war bezüglich „Künstlicher Intelliganz“ noch die Rede von übermäßigen Ausgaben und einer potenziellen Blase, die bald platzen werde, doch nun heißt es, dass die Ausgaben für KI die Blase mittlerweile sogar überholt haben, und die „Big 6“ der KI-Branche argumentieren, sie seien – genau wie die Banken und Investmenthäuser während der Finanzblase von 2008 – „too big to fail“, also „systemrelevant“.

Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Blase tatsächlich überwunden ist. Stattdessen überschwemmen die Ausgaben den Markt geradezu, wie zum Beispiel bei Amazon, einem der „Big 6“ – und einem der reichsten Unternehmen der Welt –, das in diesem Jahr mehr für die KI-Entwicklung ausgeben wird als es insgesamt einnimmt. In dieser Flut der Marktkapitalisierung geht die Tatsache unter, dass drei der „Big 6“ – Amazon, Google und Microsoft – bei einer kürzlich durchgeführten Bewertung insgesamt 900 Milliarden Dollar an Marktwert verloren haben. Dass sie an einem Zusammenbruch vorbeigeschrammt sind, wird durch den diesjährigen Anstieg der Ausgaben um 60 Prozent gegenüber den 410 Milliarden US-Dollar des Vorjahres überspielt. Die Idee dahinter ist, den Markt schlichtweg mit der schieren Wucht und Kraft dieser Explosion zu überwältigen und dadurch alle Skeptiker davon zu überzeugen, dass die KI-Revolution unvermeidlich ist.

Dazu trägt auch bei, dass es gerade die KI-Investitionen sind – darunter die bevorstehenden Börsengänge von Meta, SpaceX von Elon Musk, Anthropic und OpenAI –, die die US-Wirtschaft vor einer Rezession bewahren.

Woher kommt das Geld der „Big 6“, mit dem sie diese Investitionen tätigen? Ein Teil davon stammt aus Einsparungen in anderen Unternehmensbereichen: Amazon, Meta, Microsoft/OpenAI und Oracle haben Dividenden gekürzt, Kredite aufgenommen und KI dafür eingesetzt, Arbeitsplätze zu streichen. Der potenzielle Verlust von Arbeitsplätzen ist eine der größten Befürchtungen im Zusammenhang mit der „KI-Revolution“, und die KI-Giganten zeigen anderen Unternehmen und Branchen gerade, wie rücksichtslos und „effizient“ man mit KI Stellenabbau betreiben kann.

Amazon-Chef Jeff Bezos kündigte an, 300 Milliarden US-Dollar in KI zu investieren, und gleichzeitig baute Amazon bei der „Washington Post“ 300 Stellen ab. Die Amazon-Lager heißen in den USA „Fulfillment Centers“, also „(Auftrags-)Erfüllungszentren“, aber ein treffenderer Name wird bald „Arbeitslosenzentren“ sein. Bezos kauft kleine Produktionsunternehmen auf, die er – genauso wie seine Amazon-Lager – mithilfe von KI automatisieren will, um ihre Profite gewaltig zu steigern. Der Oracle-Chef Larry Ellison entließ per E-Mail etwa 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was dem Unternehmen zwischen 8 und 10 Milliarden Dollar einbrachte, und Meta, der Konzern von Mark Zuckerberg, baute dieses Jahr im Rahmen einer Umstrukturierung 8.000 Stellen ab.

Die „Financial Times“ bezeichnete die Milliarden, die in den Ausbau der KI fließen, als „die größten Investitionen der Geschichte in Friedenszeiten“. Der Ökonom Michael Hudson hat allerdings darauf hingewiesen, dass wir uns in Wirklichkeit in Kriegszeiten befinden: Der Iran-Krieg, der gravierende wirtschaftliche Auswirkungen auf ganz Asien, Afrika und Lateinamerika hat und der in den USA zu einer drastischen Steigerung der Benzinpreise führte, bringt uns laut Hudson einem Dritten Weltkrieg näher.

Die Kriege in der Ukraine, im Iran und im Libanon werden aus der Luft geführt, mit Drohnen und Aufklärungsflugzeugen, die von KI gesteuert werden. Der Krieg in der Ukraine, bei dem die NATO und der Westen nach wie vor behaupten, lediglich in beratender Funktion tätig zu sein, könnte ohne den Einsatz der Starlink-Satelliten von Elon Musk nicht geführt werden. Palantir-Software, die für das Pentagon-Projekt „Maven“ programmiert wurde, analysiert Daten für den Kriegseinsatz und zur Unterstützung der gesamten „Kill Chain“, wie sie das nennen, der „Tötungskette“, also zum Aufspüren und Angreifen eines Zieles innerhalb von Sekunden. Dabei wird ChatGPT von OpenAI zur Auswahl der Ziele eingesetzt. KI-Halluzinationen können hier tödliche Folgen haben. Die US-Regierung behauptete beispielsweise, dass der Angriff auf die Grundschule in Minab im Süden des Iran, bei dem 120 Schülerinnen getötet wurden, durch eine fehlerhafte KI-Zielauswahl verursacht wurde.

Quantencomputertechnologie, die eine höhere Recheneffizienz ermöglicht, gilt als Schlüssel zu den autonomen Waffen der Zukunft. Ein kürzlich erschienener Artikel der „Financial Times“ über die Entwicklung dieser Technologie ist in durch und durch kriegerischem Ton gehalten und trägt den Titel „Chips sind die neuen Atombomben“, denn es findet gerade ein Übergang von der zivilen Nutzung von KI zum Einsatz in den Kriegen statt, die zur Aufrechterhaltung des schwindenden US-Imperiums notwendig sind.

Edwin Heathcoat, ein Rezensent bei der „Financial Times“, betrachtet die Architektur von Technologiezentren und hebt den Kontrast zwischen dem eleganten Design der Hauptsitze der Technologieunternehmen – oft als „Campus“ bezeichnet, was an ein ruhiges, von Wäldern umgebenes Zentrum des Lernens und der Forschung in New England erinnert und ein Leben „in der Cloud“ suggeriert – und der Hässlichkeit der Rechenzentren hervor.

Diese Anlagen, die so viel Strom fressen, dass sich die Stromrechnungen der Wohnbevölkerung in ihrer Umgebung verdoppeln oder vervierfachen, geben zudem ein derart lautes Brummen von sich, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Gebäuden Gehörschutz tragen müssen. Die riesigen Kühlsysteme produzieren eine gewaltige Abwärme, die keinem gesellschaftlichen Zweck dient, und die Anlagen selbst verursachen CO2-Emissionen, die die Reduktionen durch den Einsatz von Solaranlagen und Elektroautos wieder einholen. Das ultimative Symbol für diese gefährliche Energieverschwendung ist, dass Microsoft das AKW Three Mile Island bei Harrisburg in Pennsylvania aufkaufte, wo 1978 die schlimmste Atomkatastrophe in der Geschichte der USA stattgefunden hatte. Amazon will mit dem Atommeiler wieder Strom erzeugen, um seine KI zu betreiben.

Manche sagen, dass die KI-Gegner an die Ludditen erinnern, die Maschinenstürmerbewegung in England, die gegen das Fabriksystem kämpfte; dass KI nun einmal da sei und dass wir uns eben darauf einstellen müssen. Anders betrachtet ist aber nicht die KI das Problem, sondern das wirtschaftliche, politische und kulturelle System, in dessen Rahmen sie entwickelt wurde und weiterentwickelt wird. In China, wo das technologische Wachstum so weit wie möglich von der Regierung zum Wohle aller geplant und gesteuert wird – anstatt maximalen Profit für einige wenige Tech-Mogule zu erzielen –, sieht KI ganz anders aus, und die Menschen in China stehen dieser Entwicklung im Allgemeinen positiv gegenüber.

KI wird dort mit deutlich geringeren Kosten und in einem offenen System entwickelt, das allen zur Nutzung offensteht – ein Segen für andere Entwickler im Globalen Süden.

Die Regierung spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung der Tendenz zur Automatisierung und zum Arbeitsplatzverlust: Bei jeder Einführung muss dargelegt werden, wie viele Arbeitsplätze ersetzt werden und wie diese Beschäftigten weiterbeschäftigt oder umgeschult werden. Es gibt eine Bremse gegen Massenarbeitslosigkeit, die bei uns im Kapitalismus ein Problem ist, das – so wie die Deregulierung und die Spekulationsblase – einfach unter den Teppich gekehrt wird.

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Strom- und Jobfresser", UZ vom 26. Juni 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Flagge.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit