Was uns fehlt ist Zeit

Ein Kommentar von Oliver Wagner

Es ist absurd: Trotz einer beschleunigten Entwicklung der Produktivkräfte müssen die Lohnabhängigen immer mehr von ihrer Lebenskraft und Lebenszeit zur Absicherung ihrer sozialen Existenz aufwenden. Daher ist es höchste Zeit für eine Kampagne zur allgemeinen Verkürzung der Wochen- und Jahresarbeitszeit.

Erste Kämpfe um die Verkürzung der Arbeitszeit wurden bereits von der Mitte des 14. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts geführt, als sich die Arbeiter gegen Zwangsgesetze zur Verlängerung des Arbeitstages zur Wehr setzten. Doch erst als sie zu Beginn der Industrialisierung begannen, ihre Zersplitterung durch die Gründung von Gewerkschaften aufzuheben, änderte sich etwas. Die Verkürzung der Arbeitszeit wurde zum Mittelpunkt des gewerkschaftlichen Kampfes. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts heißt es in Kongressbeschlüssen deutscher Gewerkschaften, Arbeitsniederlegungen zum Zweck der Verkürzung der Arbeitszeit hätten Vorrang. Im Statut des Deutschen Metallarbeiterverbandes von 1891 wird sogar der Verbandszweck mit folgendem, an erster Stelle stehendem Passus konkretisiert: „Möglichste Beschränkung der Arbeitszeit, Beseitigung der Sonntagsarbeit, der Überstunden und der Akkordarbeit, unter Zugrundelegung eines Lohnes, welcher für die Befriedigung der Bedürfnisse der Arbeiter und deren Familien ausreichend ist.“

Es waren die englischen Arbeiter, die sich 41 Jahre zuvor als erste den Normalarbeitstag erkämpften. 1850 wurde er durch das als „10-Stunden-Bill“ bekanntgewordene Fabrikgesetz gesetzlich festgelegt. Im ersten Band seines Hauptwerks „Das Kapital“ beschreibt Karl Marx den „Kampf um die Schranken des Arbeitstags“, schildert die damals vorliegenden Erfahrungen aus England, Frankreich und den USA und kommt zu dem Schluss:

„Die Geschichte der Reglung des Arbeitstags in einigen Produktionsweisen, in andren der noch fortdauernde Kampf um diese Reglung, beweisen handgreiflich, dass der vereinzelte Arbeiter, der Arbeiter als ‚freier‘ Verkäufer seiner Arbeitskraft, auf gewisser Reifestufe der kapitalistischen Produktion, widerstandslos unterliegt. Die Schöpfung eines Normalarbeitstags ist daher das Produkt eines langwierigen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwischen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse.“

Marx empfiehlt den Arbeitern deshalb, sich zusammenzurotten und als Klasse ein Staatsgesetz zu erzwingen – „ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen.“

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"Was uns fehlt ist Zeit", UZ vom 18. September 2015



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