Rede des Antifa-Jugendcamps in Stukenbrock

Wir streiken für Kolja

Am Samstag haben sich hunderte Antifaschistinnen und Antifaschisten in Stukenbrock bei Gütersloh zur jährlichen Gedenkveranstaltung „Blumen für Stukenbrock“ getroffen. Sie erinnerten an die 65.000 Menschen, die im Stalag 326 ermordet wurden – vor allem Menschen aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, sowjetische Kriegsgefangene, aber auch aus Polen, Frankreich, dem früheren Jugoslawien und Italien. Neben Petra Erler, einst Beraterin des DDR-Außenministers Markus Meckel und Staatssekretärin a. D., und Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation, sprach Kevi für das Antifa-Jugendcamp, organisiert von der SDAJ. Wir veröffentlichen im Folgenden Kevis bewegende Rede:

Mein Name ist Kevi, ich bin Schülerin aus Bochum und habe dort die letzten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht mitorganisiert. Ich habe heute die Ehre, für das Antifa-Camp zu sprechen.

65.000 Menschen haben an diesem Ort ihr Leben verloren, weil sie gegen Faschismus und für den Frieden Widerstand geleistet haben. Sie wurden hier unter menschenunwürdigen Zuständen zur Arbeit gezwungen, ausgehungert und gefoltert. 65.000 Menschen sollten als kostenlose und rechtlose Arbeitskräfte in den Krupp-Werken, in der Bergbau-Industrie und auf Bauernhöfen hier in Ost-Westfalen mit ihrem Schweiß und ihren Tränen für Profite großer Konzerne in Millionenhöhe bezahlen.

Kolja – ermordet in Stalag 326

Unter den ganzen leidenden Menschen waren auch viele Kinder. Eins dieser Kinder war Kolja – ein kleiner sowjetischer Junge, ein Kind, hier im Arbeitsgefangenenlager 326. Kolja brachte durch sein Lachen Freude an einen freudlosen Ort. Er trug im Strahlen seiner Augen Hoffnung dorthin, wo es nicht viel Hoffnung gab. Obwohl die Gefangenen Widerstand leisteten und alles daran setzten, seine Zeit im Lager erträglicher zu machen, verblasste dieses Strahlen. Er erkrankte, und seine himmelblauen Augen waren immer mehr von Trauer und Hunger gefüllt. Er träumte davon, Flieger oder Bäcker zu werden. Er träumte davon, zu lachen und glücklich zu sein. Doch dieser Traum wurde ihm verwehrt. Trotz allen Versuchen seiner Mitgefangenen starb Kolja noch vor der Selbstbefreiung. Er starb in Gefangenschaft.

Kolja durfte nur 11 Jahre alt werden. Der deutsche Faschismus ließ ihn nicht älter werden. Sein kleiner Körper wurde, wie die vieler Kinder, in einen Papiersack gesteckt und in eine Grube geworfen.

Aktiv gegen Wehrpflicht

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Kevi, SDAJ Bochum (Foto: DKP Dortmund)

Aber das soll mir jetzt genommen werden. Die Bundesregierung führt die Wehrpflicht wieder ein. Wer nicht direkt zum Bund will, soll zum Zivildienst gezwungen werden. Dort, wo wir sowieso schon keine Perspektive haben, weil Ausbildungsplätze fehlen, unsere Schulen marode sind und wir jeden Cent dreimal umdrehen müssen, sollen wir jetzt auch noch an die Front geschickt werden. Wir sollen gezwungen werden, auf unsere Geschwister auf der anderen Seite zu schießen, weil sie das „Pech“ hatten, auf der „falschen“ Seite der Grenze geboren zu sein.

Diese ist nur eine von 10.000 Geschichten, die hier passiert sind. Kolja hat den Krieg bekämpft und wurde hier von ihm ermordet. Als ich diese Geschichte vor einem Jahr auf diesem Friedhof zum ersten Mal hören durfte, ist mir bewusst geworden, dass auch ich kämpfen muss, weil Krieg und Faschismus keine Gefahr der Vergangenheit sind. Dass diese Gefahr nach wie vor droht, und wir es sind, die sie verhindern müssen. Anders als Kolja durfte ich älter als 11 Jahre werden. Ich bin 16, ich bin Schülerin, und werde mir meinen Beruf hoffentlich selbst aussuchen dürfen.

Das ist offensichtlich nicht in unserem Interesse. Wir werden nicht von diesen Kriegen profitieren. Die stetig steigende und vorantreibende Militarisierung liegt nur im Interesse der Reichen und Herrschenden. Es geht nicht um uns, es ging nie um uns! Es sind Rheinmetall und VW, die durch Waffen und unseren Tod Milliarden verdienen werden und es schon tun. Es sind große Konzerne, die sich wie schon 1939 danach sehen, dass Deutschland wieder zur Weltmacht wird. Dafür brauchen sie „die größte konventionelle Armee Europas“, wie Pistorius sagt. Dafür braucht es die Wehrpflicht, für die wir, die arbeitende und lernende Jugend, unser Leben geben sollen.

Repression gegen Schulstreiks

Die Bundesregierung macht uns vor, Russland würde bald in Berlin stehen, und die ganze Aufrüstung diene allein der Verteidigung „unserer“ Demokratie, „unserer“ Freiheiten. „Wir“ müssten uns vor der „Bedrohung aus dem Osten“, vor Russland und China wehren, die jederzeit angreifen könnten. Dabei geht die Eskalation und Kriegsvorbereitung hier vonstatten, und wir spüren die Folgen.

Ich und viele andere haben verstanden, dass wir uns gegen den Krieg organisieren müssen. Wir haben die Bewegung Schulstreik gegen Wehrpflicht in Leben gerufen. Anfangs waren wir noch sehr wenige, doch durch unsere Arbeit an unseren Schulen konnten wir unseren Mitschülerinnen und Mitschüler überzeugen, obwohl uns Steine in den Weg gelegt wurden und werden. Doch von welchen Steinen rede ich? Viele Schülerinnen und Schüler werden unter Druck gesetzt, sie bekommen schlechtere Noten, werden in den Schulen an den Streiktagen eingesperrt oder direkt von der Schulleitung angesprochen.

Unter anderem auch ich. Meine Eltern bekamen einen Brief, in dem es hieß, ich sei „Extremistin“. Ich sei eine Gefahr für die Schule und das alles nur, weil ich mich gegen Krieg und für Frieden einsetze. Bei mir war es nur die Schule, doch andere Schülerinnen und Schüler wurden sogar vom „Verfassungsschutz“ angesprochen. Sie wurden zur Streikbewegung ausgefragt, und es wurde versucht, sie einzuschüchtern. Gleichzeitig wird jetzt schon angefangen, Jugendliche zur Musterung einzuladen. Entgegen der Ankündigung, erst nächstes Jahr mit den verpflichtenden Musterungen anzufangen, werden jetzt schon Schüler einbestellt. Schüler, die explizit angegeben haben, kein Interesse an der Wehrpflicht zu haben, müssen sich in „Karrierecentern“ einfinden. Dass die Musterungen dabei nur der erste Schritt sind, ist offensichtlich. Der deutsche Staat macht deutlich, wie weit zu gehen er bereit ist, um seine Kriegspläne durchzusetzen.

Wir streiken für Kolja

Wir waren ganze dreimal innerhalb von sechs Monaten streiken und mit über 50.000 Schülerinnen und Schülern auf der Straße gegen Krieg und Militarisierung. Trotz Repression und Hoffnungslosigkeit, entgegen der ganzen Steine, die uns in den Weg gelegt werden. Denn wir streiken nicht, weil wir keine Lust auf Schule haben. Wir streiken nicht, um einen Tag frei zu haben. Wir streiken nicht, weil wir faul sind oder was uns sonst noch alles vorgeworfen wird.

Wir streiken, weil wir gesehen haben, wohin Wehrpflicht und Aufrüstung führen. Wir streiken, weil wir nicht in den Krieg geschickt werden wollen. Wir streiken, damit nie wieder ein Kind wie Kolja das Strahlen seiner Augen verliert. Und dafür brauchen wir eure Hilfe. Wir brauchen euch, euch Eltern, Großeltern, Lehrerinnen und Lehrer, Gewerkschafter und Friedensaktivisten. Im Namen aller Jugendlichen möchte ich euch um eure Hilfe bitten. Ich möchte euch darum bitten, mit uns zu auf die Straße zu gehen, mit uns zu kämpfen beim nächsten Schulstreik am 25. September und bei den bundesweiten Friedensdemonstrationen am 3. Oktober in Stuttgart und Berlin.
Ich möchte euch darum bitten, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Wir sind die Jugend des Hochverrats

Der Gegner ist uns vielleicht überlegen. Wir stehen einem System gegenüber, das bereit ist, sein Profitstreben mit allem zu verteidigen: mit Hetze, mit Repression, mit Waffengewalt. Aber wenn die Gefangen von Stukenbrock selbst im Angesicht des Schreckens der Kriegsgefangenschaft ihre Hoffnung nicht verloren haben, weiter gekämpft haben, weil sie an eine Welt des Friedens und der Freiheit glaubten – dann können auch wir diesen Kampf führen. So ist Stukenbrock für uns nicht nur eine Mahnung, nicht nur ein Auftrag, sondern auch ein Beweis dafür, dass selbst in der dunkelsten Stunde Hoffnung liegt. Und diese Hoffnung entsteht, wenn wir uns die Hand reichen, wenn wir uns zusammenschließen, wenn wir uns organisieren und gemeinsam kämpfen.

Wir müssen uns klar machen, dass jeder einzelne von uns zum Sandkorn in der Kriegsmaschinerie der Herrschenden werden muss. Wir müssen uns klar machen, dass wir es sind, die diesen Krieg verhindern müssen. Und wir werden den Herrschenden klar machen, dass wir alles daran setzen werden, egal, was sie uns entgegenstellen. Denn damals wie heute gilt: Unsere Zukunft liegt nicht im Schützengraben! Wir sind die Jugend des Hochverrats!

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