Ein Besuch der Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet“

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Im letzten September wurde die Ausstellung im Ruhrmuseum Essen eröffnet, dann kamen sehr schnell die Verfügungen der Landesregierung, und das Museum war – wie alle anderen auch – geschlossen. Nun darf man rein, mit den mittlerweile bekannten Einschränkungen wie namentliche Anmeldung, ein „Zeitfenster-Ticket“ für 150 Minuten Besuchszeit und natürlich mit Maske und Abstand. Wie lange das so möglich sein wird, ist beim Abfassen dieses Textes nicht absehbar, ein neuer Lockdown ist nicht auszuschließen. Vorsorglich hat das Museum die Ausstellung bis zum 3. Oktober 2021 verlängert, vielleicht in weiser Voraussicht.

Der Titel der Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet – Die andere Metropole“ klingt nicht nur selbstbewusst, sondern so, wie Politiker und Marketingmenschen das Ruhrgebiet gerne wahrgenommen wissen wollen. Schon der Titel gibt Anlass, mindestens zwei Fragen zu stellen: Warum genau 100 Jahre, was war denn 1920 das mögliche Ereignis, um auf diese runde Zahl zu kommen? Ein bürokratischer Verwaltungsakt muss dafür herhalten, die Preußische Landesversammlung erließ ein Gesetz zur „Errichtung eines Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk“, um nach den heftigen Ruhrkämpfen, der Zerschlagung der Roten Ruhr Armee mit über 1.500 Toten wieder eine gewünschte Ruhe und Ordnung in die Region zu bringen. Das Interesse der Kohle- und Stahlkonzerne, ein erneutes Aufflammen der Klassenkämpfe am besten dadurch zu verhindern, dass schlagkräftige, durchsetzungsfähige Organisationsformen entwickelt werden, war das Gebot der Stunde. Die Landschaft zwischen Rhein und Ruhr, zwischen Wupper und Lippe ist uraltes Siedlungsgebiet, die wichtigsten Zentren waren jahrhundertelang in Kirchenbesitz, die Industrialisierung war bereits um 1830 weit fortgeschritten. Das Etikett „Metropole“, das seit 25 Jahren wie ein Mantra in die Diskussion kam, führte in die nächste Irre. Der griechische Begriff „mitropolis“ bedeutete so viel wie „Mutterstadt“, das klärt die Herkunft des Wortes, aber nicht die Definition. Bis heute ist der Begriff nicht eindeutig, in manchen Weltregionen sind 1 Million Einwohner schon ausreichend, andernorts braucht es schon 10 Millionen Einwohner. So hilft man sich mit Beschreibungen, dass die Metropole den wirtschaftlichen, politischen, historischen und kulturellen Mittelpunkt eines Landes oder einer Region bildet. Aber die Fürsprecher des Ruhrgebietes erklären halt direkt die ganze Region mit zumindest 34 Großstädten, die eng oder lose miteinander verbunden sind, zur „anderen Metropole“.

Auf dem Weg zur Arbeit (links) und Anwerbebroschüre (rechts); (Foto: Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv Dortmund)

Diese Fragen klären sich auch nicht, der Rundgang durch die sieben Abteilungen fördert viele Einzelstücke zutage, erlaubt manche Einsicht, aber am Ende bleiben die Fragen ungeklärt und neue Fragen tun sich auf. Die Ausstellung ist gestaltet nach dem Wunsch, die eigentliche „Unordnung“ der Region in all ihren gesellschaftlichen Facetten zu konterkarieren mit der idealistischen Forderung nach „Struktur, Ordnung und Orientierung“. Diese alte sozialdemokratische Vorstellung, man müsse die gesellschaftlichen Widersprüche nur hübsch verpacken, für alles eine Schublade finden, die nach Bedarf geöffnet oder geschlossen wird, scheint die Ausstellungsmacher motiviert zu haben. Es sind klare Sichtachsen, kubische Grundformen als Podeste, die einer Stadtlandschaft des Ruhrgebietes zwischen eng und breit, dunkel und hell ähneln sollen. Ein einheitlicher gelber Farbton durchzieht die gesamte Ausstellung, auch wird einheitlich mit einer Schrifttype gearbeitet, die wir alle aus dem Straßenverkehr kennen, sachlich und ohne jegliche Phantasie.

Ein Blick auf die sieben Abteilungen, die den Besucher erwarten, irritiert: Genannt werden Politik, Industrie, Verwaltung, Infrastruktur, Verkehr, Sport- und Großveranstaltungen und – wie immer am Schluss – Kultur und Wissenschaft. Man fragt sich: „Leben auch Menschen dort, wo ist das soziale Leben zu finden, wie kommen die Menschen zurecht?“ Diese bange Frage begleitet den Besucher durch alle Räume, schon die Auswahl der Fotografien, der Dokumente, der Schaugegenstände ist fast immer ohne Menschen, und wenn, dann sind es große Haufen. Frauen und Kinder kommen nicht vor, ebenso wenig migrantische Menschen (nur kurz als „Gastarbeiter“). Irgendwo in der Ausstellung fabuliert jemand was vom „Schmelztiegel“, aber davon ist nichts zu sehen, es sei denn, damit sei der Abstich am Hochofen gemeint.

Der Reihe nach: Bei „Politik“ verstehen die Kuratoren, dass es eine Konfliktregion gewesen sei, wie die Zeit nach 1918/19 verhandelt wird, ist schlimm. Nicht, dass die KPD vergessen wurde, nicht, dass die faschistischen Freikorps wie ein Spuk erschienen und wieder verschwanden, nein, die ach so segensreiche Arbeit der bürgerlichen Parteien von Zentrum bis SPD im Verbund mit den klugen, vorausschauenden Konzernherren verhalf zu „sozialem Frieden“, der auch durch die ebenfalls ausgesparte Zeit von 1933 bis 1945 nur kurz unterbrochen wurde. Von Rüstungsbetrieben und Zwangsarbeit wird verschämt berichtet, Arisierungen und Deportationen haben wohl stattgefunden, aber Genaues weiß man nicht. Die Protestbewegungen der 1960er bis 1980er Jahre finden Erwähnung, aber auch hier – dank kluger sozialdemokratischer Einhegung – die Gesellschaft nicht allzu sehr erschüttert. Bei „Industrie“ findet der interessierte Besucher hübsche Bilder von Zechenanlagen, Fördertürmen im Gegenlicht und Dokumenten über Konzernverschmelzungen. Einen Einblick in die Denkweise der Macher findet sich in der Beschreibung der „RAG“. Dort heißt es, sie sei ein international tätiger, diversifizierter Konzern … an dessen Ende nicht das schlichte Aus des Bergbaus stand, sondern eine „Festigung des Industriestandortes Ruhrgebiet durch Kapitalbindung.“ So kann man die Vernichtung zehntausender Arbeitsplätze, die nur zeitglich begrenzte „Abfederung“ und die Kapitalverwertung durch Übernahme von Unternehmen in Afrika und Asien auch beschönigen. Eher langweilig sind die Bereiche zu Infrastruktur und Verkehr, hier wird der Besucher abgespeist mit vielen bunten Grafiken und Bildchen über Autobahnausbau, Wasserwege (Industrieabwässer am Rande), schöne Stauseen und dann als Highlight die Entwicklung von Karstadt, Aldi und Deichmann. Dass gerade diese, von den Lokalpolitikern geförderte, Form der Versorgung die Innenstädte immer weiter kaputtmachte, findet keine Erwähnung, ebenso die zu besten Bedingungen bereitgestellten Industriebrachen für die Shopping-Malls und Eventbauten. „Kultur und Wissenschaft“ feiert natürlich die wenigen Leuchttürme wie die Folkwang-Hochschule in Essen-Werden und die große Zahl der Hochschulen, die aber bei jedem Ranking (Exzellenz-Auszeichnung) keine Beachtung finden. Selbst die Ruhrfestspiele in Recklinghausen finden nur in der Kritik Anerkennung, sie hätten Staub angesetzt, verständlich sei der Rückzug des DGB aus der aktiven Beteiligung.

Man mag den Ausstellungsmachern weder Fleiß noch Akribie bei ihrem Zusammentragen der Exponate vorwerfen, aber der im Ruhrgebiet wohnende Besucher wird seine oder die seiner Eltern und Großeltern erfahrene Lebenswirklichkeit nicht finden und „auswärtigen“ Besuchern wird ein Bild der Region vermittelt, das mehr Lücken und Mängel aufweist als Erkenntnisgewinn. Zu vermuten ist, dass die Planung und Realisierung dieser Ausstellung vor dem Hintergrund der – mittlerweile – vergeblichen Olympiabewerbung der Metropolenfreunde stattfand, Konzeption und Darstellung (auch im opulenten Ausstellungskatalog) sollten als freundliche Begleitung dienen.

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"Zwischen Anspruch und Wirklichkeit", UZ vom 26. März 2021



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