Neue Medikamente, alte Widersprüche: Eine Hausärztin berichtet

Impfen im Kapitalismus

Seit knapp zwei Wochen dürfen Hausärzte gegen Covid-19 impfen, jedoch fehlt es nicht nur an Impfstoff. UZ sprach dazu mit Angelika Richter-Manecke. Sie betreibt gemeinsam mit ihrem Mann eine Hausarztpraxis im hessischen Hanau.

UZ: In deiner Praxis konntet ihr noch nicht beginnen, Patienten zu impfen. Warum nicht?

Angelika Richter-Manecke: Weil wir keinen Impfstoff hatten. Jede Praxis muss über ihre Hausapotheke wöchentlich den Impfstoff bestellen, diese gibt die Bestellungen an den Großhandel weiter und in der Theorie wird dann der für die Praxen vorhandene Impfstoff auf diese aufgeteilt. Offensichtlich war so wenig da, dass wir leer ausgingen. Für diese Woche haben wir 30 Impfdosen zugesagt bekommen. Welche Art von Impfstoff wir bekommen, können wir uns nicht aussuchen.

UZ: Mit dem Impfen ist ein großer Arbeitsaufwand verbunden?

Angelika Richter-Manecke: Impfen gehört ja eigentlich zu unserem ganz normalen Praxisbetrieb. Die Impfung gegen Covid-19 ist eine logistische Aufgabe, weil das Serum nicht lange gelagert werden kann. Bei der Impfreihenfolge sind wir, wie die Impfzentren, an eine Priorisierung nach Alter, Vorerkrankungen und beruflicher Tätigkeit gebunden. Aufklären, Dokumentation, Impfen, nach der Impfung mindestens 15 Minuten Nachbeobachtung, tägliche Weiterleitung der Daten – das kostet viel Zeit.

Das logistische Hauptproblem für uns ist, dass wir, da unsere Räumlichkeiten begrenzt sind, eine extra Impfsprechstunde machen müssen, sonst können wir die Abstandsregeln nicht einhalten.

UZ: Sind die Impfzentren eine bessere Lösung?

Angelika Richter-Manecke: Natürlich halte ich das Impfen in der Praxis für sinnvoll, weil wir die Patienten besser kennen. Wenn zum Beispiel ein Patient für den AstraZeneca-Impfstoff in Frage käme, kenne ich die Vorgeschichte und weiß, ob er schon einmal Thrombosen oder eine Lungenembolie hatte. Dann kann ich sagen: Das impfe ich ihm nicht.

Und ein Hausarzt hat eher die Möglichkeit, jemanden zu motivieren, sich impfen zu lassen. Es gibt Patienten, die sehr skeptisch sind – was man verstehen kann. Denen kann man im Gespräch manche Angst nehmen, das kannst du in der Hausarztpraxis viel besser leisten. Ins Impfzentrum gehen die, die sich für die Impfung entschieden haben und die die Möglichkeit und Fähigkeit haben, sich online um einen Termin zu bemühen.

UZ: Sind die Impfstoffe ausreichend erprobt?

Angelika Richter-Manecke: Normalerweise vermeiden wir es in unserer Praxis, neu eingeführte Medikamente zu verschreiben – meine Patienten sind keine Versuchskaninchen. Jetzt ist es natürlich nicht möglich, nur Impfstoffe zu nehmen, die gut erprobt sind – mit dieser Haltung würden wir viele Tote in Kauf nehmen.

Aber eine Hauptforderung in diesem Zusammenhang muss die lückenlose Freigabe aller Ergebnisse der Studien sein, die ja parallel zum Impfen weiterlaufen.

Hinter der Impfstoffdiskussion stecken auch wirtschaftliche Interessen, da geht es um Milliarden Euro. Mich hat es schon ein bisschen skeptisch gemacht, dass über den AstraZeneca-Impfstoff gerade dann neue Probleme bekannt wurden, als in Marburg das große neue BioNTech-Werk eingeweiht wurde. Deshalb ist es so wichtig, dass unabhängige Wissenschaftler die Studienergebnisse überprüfen können. Nach den jetzigen Hinweisen, die es zum AstraZeneca-Impfstoff gibt, kann ich keine Patienten damit impfen, die unter 60 sind oder ein erhöhtes Risiko für Thrombosen haben.

UZ: Man bekommt den Eindruck, dass die Impfkampagne chaotisch abläuft. Wie schätzt du das ein?

Angelika Richter-Manecke: Diesen Eindruck kann man schon haben. Im Dezember war das Hanauer Impfzentrum startklar, aber die hochbetagten Patienten mussten nach Frankfurt in die Festhalle, viele Patienten sind seit Monaten zum Impfen angemeldet und haben seit der Anmeldung keinerlei weitere Rückmeldung, wann sie denn endlich dran sind. Im Impfzentrum läuft es dann aber wohl gut organisiert. Der Impfbeginn in der Arztpraxis ist allerdings tatsächlich leicht chaotisch. Ich weiß nicht, wie viel Impfstoff kommen wird, muss die Patienten kurzfristig einbestellen.

UZ: Was geht vor: Datenschutz oder Infektionsschutz?

Angelika Richter-Manecke: Bei der Corona-Warn-App, die keiner benutzt? Ich habe die App nicht an. Ich will kein Bewegungsprofil oder so etwas an irgendjemanden geben. Wir sind darauf auch von Patienten nicht angesprochen worden. Unter meinen Patienten gab es niemanden, bei dem wir auf Grund einer Warnung der App einen Test gemacht haben.

UZ: Wäre eine App nicht nützlich, um Kontakte nachverfolgen zu können?

Angelika Richter-Manecke: Natürlich, aber sie könnte auch furchtbar missbraucht werden. Das ist doch das Problem: Wir leben im Kapitalismus, Gesundheitsdaten wecken so viele Begehrlichkeiten. Oder denken wir an die Listen, in die man sich im Restaurant eintragen musste: Darauf konnte die Polizei ganz legal zugreifen, angeblich um Straftäter zu verfolgen. Manche Sachen sind vielleicht für sich genommen sinnvoll, aber in diesem Gesellschaftssystem willst du das nicht. Die Regierung nutzt die Pandemie zum Demokratieabbau – auch beim Versammlungsrecht.

UZ: Der Virologe Hendrick Streeck hat vor Ausgangssperren gewarnt – sie könnten dazu führen, dass ärmere Menschen in engen Wohnungen sich häufiger infizieren.

Angelika Richter-Manecke: Das würde ich so unterschreiben. Im Dezember gab es hier im Kreis Ausgangssperren, da wurde massiv kontrolliert, man dachte, die seien auf der Suche nach Schwerverbrechern. Solche Maßnahmen halte ich für Quatsch – als wäre das Virus vor allem nachts aktiv, aber in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Schulen und am Arbeitsplatz anscheinend weniger. Soll hier die Bevölkerung an solche krassen Eingriffe gewöhnt werden? Erst letzte Woche ist hier eine neue lokale Ausgangssperre vom Gericht gekippt worden.

UZ: Auch die Lockdown-Maßnahmen haben für manche Menschen gesundheitliche Folgen. Wie wirkt sich die Pandemie auf deine Patienten aus?

Angelika Richter-Manecke: Vereinsamung. Vermehrte Ängste. Überforderung mit Kindern, die ständig daheim sind. Wir sind auch Suchtmediziner, haben Methadonpatienten. Die so wichtige psychosoziale Begleitung durch die Beratungsstelle findet nur noch in Notfällen telefonisch statt. Es kommt zu vermehrten Rückfällen, zu verstärktem Suchtdruck.

Gerade unter den Älteren, die nicht mehr vor die Tür gehen, um sich nicht anzustecken, gibt es eine zunehmende Vereinsamung. Andere Patienten sind in Kurzarbeit und haben finanzielle Probleme.

UZ: Was müsste passieren, um die Pandemie zu bekämpfen?

Angelika Richter-Manecke: Testen, testen, testen – das ist schon richtig, aber es hätte viel früher passieren müssen. Ein unzuverlässiger Test ist eben besser als keiner, weil du damit Infektionsketten unterbrechen kannst. Als DKP haben wir schon vor Monaten mehr Tests in Kliniken und Pflegeheimen gefordert – auch zum Schutz der dort Arbeitenden. Ich habe viele Patienten, die sich im Krankenhaus angesteckt haben, einige haben das nicht überlebt.

Und: Die Patente der Impfstoffe freigeben, so dass ausreichend produziert und schnell weltweit durchgeimpft werden kann.



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