Das Leben in der Apartheid aus Sicht einer Jugendlichen

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Das Ende des Jahres steht vor der Tür und mit ihm die leicht merkwürdig anmutenden Rituale der christlichen Welt: Kindergeburtstag mit Gans, Tannenbaum im Wohnzimmer, nicht näher definiertem Mann in Rot oder wahlweise Kind im Nachthemd. Aber – egal wie merkwürdig das Drumherum bei näherer Betrachtung wirkt – gegen einige Weihnachtsrituale haben wir nichts: Gutes Essen, guter Wein, Geschenke … Nur – was soll es sein, verpackt unterm Baum? An dieser Stelle stellen wir in den kommenden Wochen Bücher vor, die Großeltern, Freunde, Tanten und andere Menschen den Heranwachsenden in ihrem Leben schenken können. Von Vor- bis Selber-Lesen, aber immer zum Selber-Denken. Und nicht unbedingt nur für Heranwachsende.

Adele Joubert ist 16 Jahre alt und darauf bedacht, nirgendwo anzuecken. Stets freundlich, stets lächelnd, stets die Regeln befolgend. Zu Hause gehört zu diesen Regeln, den Vater durch Freundlichkeit davon zu überzeugen, immer wieder zu Besuch zu kommen. Denn Adele, ihr kleiner Bruder Rian und ihre Mutter sind die Zweitfamilie des Vaters. Der lebt mit seiner „anderen Familie“ in Südafrika. Und er ist weiß. Es ist 1965 in Swasiland und Adele, ihre Mutter und ihr Bruder sind „Mischlinge“.

Im Januar ist für Adele wieder Schulbeginn in der Keziah Christian Academy, einem Internat für „Mischlinge“, geleitet von einem christlichen US-Amerikaner, der glaubt, dass gute Worte und Gebete gegen die schlimmsten Auswüchse der Apartheid helfen. Bereits im Bus auf dem Weg zur Schule muss Adele zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie ihren Platz in der Gruppe der privilegierten Mädchen eingebüßt hat. Es gibt eine Neue, deren Vater besitzt einen Supermarkt und ist eindeutig eine bessere Partie für ihre Freundinnen. Unter den Internatsschülerinnen wird nicht nach Hautfarbe diskriminiert, sondern nach Armut und nach Müttern. Sind die verheiratet, verwitwet oder haben sie etwa wechselnde Partnerschaften?

Adele muss nicht nur aus Sicht der Freundinnen Platz für das neue Mädchen aus reichem Hause machen, die Hausmutter sieht es ähnlich, schließlich bezahlt der supermarktbesitzende Vater viel Schulgeld. Und so muss Adele in die Kammer der toten Lorraine ziehen, in der es spuken soll. Ausgerechnet mit Lottie, der Querulantin, die Lehrern wie Mitschülern Widerworte gibt und auch vor Schlägereien nicht zurückschreckt. Zum Glück hat sie Jane Eyre, um mit ihr ins nasse England zu fliehen. Doch schnell muss Adele feststellen, dass es nicht hilft, sich in Literatur zu verstecken.

Der Autorin Malla Nunn hat mit „Ist die Erde hart“ ein Buch für Jugendliche und junge Erwachsene vorgelegt, das eindringlich den Alltag von Menschen beschreibt, die in der Apartheid mit der „falschen“ Hautfarbe geboren sind. Bildstark zeigt sie die Armut und Lebensverhältnisse und den Druck, dem sich Mädchen wie Adele beugen müssen, um zu überleben.

Nunn hat in dem Roman die Lebensgeschichte ihrer Mutter und Tante verarbeitet und schafft es, Drama und Konflikte mit einem hintergründigen Humor zu schildern, der den Geschehnissen nicht die Eindringlichkeit, aber einen Teil der Schärfe nimmt. So etwa, wenn sie den Zusammenstoß zwischen den Mädchen, dem hilflosen weißen Schuldirektor, der die Mechanismen und Regeln des südlichen Afrika in der Apartheid nicht versteht, und dem rassistischen weißen Farmer beschreibt. Man folgt der Begegnung mit angehaltenem Atem und bewundert Adele, die dem US-Amerikaner nur die Hälfte des Afrikaans übersetzt, um eine schlimmere Konfrontation zu vermeiden, schüttelt den Kopf über dessen Dummheit und schluckt, als Nunn die Begegnung in die richtige Perspektive setzt: „Wir aus dem südlichen Afrika kennen Menschen vom Typ Bosman. Wir begegnen ihnen an Straßensperren der Polizei, in Geschäften und in ihren Vorgärten, wo sie Wache stehen, um ihr persönliches Reich vor den neidischen Blicken der Eingeborenen und Halbeingeborenen zu schützen, die nur davon Träumen, ihnen alles zu nehmen, was sie haben. Sie sind besessen, sagt Mutter, von weißem Ruin und schwarzer Rache.“

Nunn hat ein eindrückliches Buch geschrieben, aber auch eines über Mut, Entschlossenheit und Zukunftsträume, und sie erzählt die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft. Lottie und Adele lernen voneinander und wachsen schließlich, jede auf ihre Art, über sich hinaus. Denn, so das titelgebende afrikanische Sprichwort, ist die Erde hart, tanzen die Frauen. Malla Nunn paart in ihrem ersten Jugendbuch Erkenntnisgewinn mit einem großen Lesevergnügen – auch für nicht mehr ganz so junge Erwachsene.


Malla Nunn
Ist die Erde hart
Deutsch von Else Laudan
Ariadne Literaturbibliothek,
304 Seiten, 24 Euro
Erhältlich unter uzshop.de


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Auf der Suche nach Gerechtigkeit", UZ vom 25. November 2022



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