Partisanen im Toten Gebirge

Florian Osuch

In allen Ländern Europas, die von den Faschisten überfallen oder besetzt worden waren, agierten antifaschistische Widerstandsgruppen. Vor allem in Jugoslawien, in Polen, in Griechenland, Frankreich sowie in Weißrussland, der Ukraine und anderen Teilen der So­wjet­union schlossen sich tausende, teils zehntausende, den unterschiedlichen Partisanengruppen an. Österreich nahm eine besondere Rolle ein. Das Land war im März 1938 ins Deutsche Reich eingegliedert worden. Ein Großteil der Bevölkerung bejubelte den sogenannten „Anschluss“. Im Süden der „Ostmark“, wie das Land fortan auch genannt wurde, gab es kleine Partisanengruppen der slowenischen Minderheit. Weniger bekannt ist, dass auch im Salzkammergut, im Gebiet zwischen Steiermark, Salzburg und Oberösterreich, antifaschistische Widerstandsnetzwerke aktiv waren.

Rote Hochburg

Das Salzkammergut ist heute vor allem für den Tourismus bekannt, jahrhundertelang war es auch eine Arbeiterregion. Insbesondere Bergbau wurde dort betrieben. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet dort antifaschistische Widerstandsbewegungen entstanden. Nach dem „Anschluss“ Österreichs leistete die KPÖ im Salzkammergut früh organisierten Widerstand – die Partei war schon 1933 vom austrofaschistischen Regime unter Engelbert Dollfuß verboten worden. Die KPÖ rief zur Wiederherstellung eines unabhängigen Österreich auf. Im Ausseer Land bildete sich ab 1940 eine Widerstandsgruppe. In Bad Ischl organisierte vor allem der Kommunistische Jugendverband die Verbreitung von Flugblättern. Trotz wiederholter Verhaftungswellen durch die Gestapo blieb die Bewegung aktiv und konnte ihre Strukturen immer wieder erneuern.

Das Salzkammergut war auch in das System der Konzentrationslager eingebunden. Am Rand von Ebensee entstand 1943 eines der größten Außenlager des KZ Mauthausen. Rund 27.000 Häftlinge aus ganz Europa durchliefen das Lager; etwa 8.500 von ihnen fanden dort den Tod. Die Häftlinge mussten unter katastrophalen Bedingungen Stollensysteme in den Berg schlagen, um dort unterirdische Rüstungsfabriken zu errichten.

Sepp Plieseis kehrt zurück

Am östlichen Rand des Salzkammerguts bei Hallein befand sich ein Außenlager des KZ Dachau. Aus diesem Lager konnte 1943 Sepp Plieseis fliehen – ein Ereignis, das den Charakter der gesamten Widerstandsbewegung veränderte. Keine Person verkörpert den antifaschistischen Widerstand im Salzkammergut so wie Josef „Sepp“ Plieseis (1913 – 1966). Er war in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen und wurde früh politisch aktiv. Zunächst bei den sozialdemokratischen „Kinderfreunden“, dann in der Sozialistischen Arbeiterjugend, 1934 trat er der KPÖ bei. 1937 zog Plieseis als einer von mehreren Kommunisten aus dem Salzkammergut nach Spanien, um dort in den Internationalen Brigaden gegen den Franco-Faschismus zu kämpfen. Nach der Niederlage der Republik wurde er zunächst in Frankreich, dann im KZ Dachau interniert. Durch die Unterstützung der illegalen Lagerorganisation gelang ihm eine Überstellung in das Außenlager bei Hallein – ihm gelang die Flucht und er kehrte in seine Heimat zurück. Plieseis nahm sofort Kontakt zu seinen Genossinnen und Genossen auf. So schlossen sich verschiedene Netzwerke zu einer einheitlichen Bewegung im oberen Salzkammergut zusammen. Sepp Plieseis war bis Kriegsende der wichtigste Organisator dieser Bewegung. Nach 1945 wurde er Gemeinderat für die KPÖ in Bad Ischl und war im KZ-Verband tätig.

Starke Frauen im Widerstand

Insbesondere Frauen waren im Salzkammergut im Widerstand als Kurierinnen tätig, besorgten Quartiere für Untergetauchte und Lebensmittel. Ab April 1944 hielten sich die ersten politisch Verfolgten in einem Versteck im Toten Gebirge verborgen, das sie „Igel“ nannten. Das weitgehend unzugängliche Karsthochgebirge erwies sich als idealer Rückzugsraum.

Im Frühjahr 1945 hielten sich bis zu 40 Personen im „Igel“ auf. Das Leben im Versteck war herausfordernd: Unzureichende Ernährung, ständige Furcht vor Entdeckung und das Zusammenleben auf engem Raum führten zu Spannungen. Die Männer im „Igel“ mussten zum Großteil vom Tal aus mit Lebensmitteln versorgt werden. Insgesamt halfen zwischen 500 und 600 Menschen die Ernährungsgrundlage der Gebirgspartisanen zu sichern – ein unsichtbares Band der Solidarität, das quer durch das Ausseerland verlief.

Kurierdienste und Versorgung

Die historische Rolle der Frauen im Widerstand des Salzkammergutes wurde lange Zeit aus der Geschichtsschreibung ausgespart. Die Aufgaben der Frauen erstreckten sich von der Organisation von Fluchten über die Überbringung von Nachrichten bis zur Versorgung. Die Historikerin Elisabeth Reichardt wies in den 1980er Jahren darauf hin, dass Sepp Plieseis‘ autobiografische Darstellungen teilweise erheblich von den Erzählungen der Frauen abwichen, die sie interviewt hatte. Plieseis habe Handlungen der Frauen entweder weggelassen oder Männern zugeschrieben.

Theresia „Resi“ Pesendorfer (1902 – 1989) aus Bad Ischl war das vielleicht wichtigste weibliche Verbindungsglied im regionalen Netzwerk. Später schilderte sie ihre Widerstandstätigkeit in eigenen Worten: „Die Zeit vom Herbst bis ins Frühjahr 1944/45 war am schlimmsten, es hat uns viel Nervenkraft gekostet. Die ganze Zeit bestand meine Aufgabe darin, Kurierdienste zu tun, nach Goisern, Ebensee, Hallein, Bad Aussee.“ Ihre Mitstreiterin Marianne Feldhammer (1909 – 1996) aus Bad Aussee sicherte die Versorgung der Männer im „Igel“. Agnes Primocic (1905 – 2007) aus Hallein war in der KPÖ und als Betriebsrätin tätig. Sie organisierte die Flucht von KZ-Häftlingen und saß deshalb einige Zeit im Gefängnis. Im hohen Alter berichtete Primocic als Zeitzeugin und war Ehrenobfrau des KZ-Verbandes.

Raubkunst gerettet

Eines der bekanntesten Kapitel des Widerstands im Salzkammergut betrifft die Rettung von geraubten Kunstschätzen. Ab 1943 diente das Salzbergwerk in Altausseer See als größte geheime Einlagerungsstätte für Raubkunst aus dem gesamten von den Nazis besetzten Europa. Die trockenen und klimatisch konstanten Bedingungen im Berg wurden als ideal für die Lagerung empfindlicher Kunstwerke bewertet. Tausende teils unschätzbar wertvolle Gemälde sowie weitere Kunstwerke waren aus Museen, Privatsammlungen und jüdischem Besitz in den besetzten Ländern geplündert worden. Die Nazis planten in Linz das sogenannte „Führermuseum“ als größte Kunstsammlung der Welt. Als das Kriegsende näherrückte, sollten die Schätze vernichtet werden. Bergwerksarbeiter und Angehörige des Widerstands sabotierten die Sprengung und retteten damit das kulturelle Erbe Europas vor der Vernichtung.

„Ich habe nur meine Pflicht getan“

Film über die Partisanen im Salzkammergut und Literatur
* „Ich hab’ nur meine Pflicht getan!“ – Widerstand im Salzkammergut 1938 – 1945. Zeitzeug:innen erzählen, Film von Max Stelzhammer (1988), kostenlos unter: kurzlinks.de/Ebensee
* Christian Topf: „Auf den Spuren der Partisanen. Zeitgeschichtliche Wanderungen im Salzkammergut“, LiT-Verlag, 208 Seiten, 11,80 Euro
* Gerald Lehner u. a. (Herausgeber): „Im Schatten von Hitlers ‚Alpenfestung‘, Reiseführer durch die braune Topografie“, Czernin-Verlag, 344 Seiten, 25 Euro

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Free Willy

Die Musikgruppe Free Willy aus Österreich kommt mit ihren antifaschistischen Liedern zu den UZ-Friedenstagen, die vom 28. bis 30. August in Berlin stattfinden. Benannt haben sie sich zu Ehren der „Willy-Fred“ genannten Partisanengruppe um Sepp Plieseis.

Über sich schreibt die Gruppe: „Unsere (Klassen-)Klänge sind manchmal harmonisch, manchmal disharmonisch und schräg. In jedem Fall aber real – so wie die Klassenkämpfe. Die Kämpfe um eine friedvolle Welt, für Gleichberechtigung und freie Entfaltung aller, um einen respektvollen Umgang mit der Umwelt – diese Energie begleitet den Pfad unserer Musik. Zwischen Folk, Rock und unplugged GenreMix ist unser Motto aber stets: Revolution ist tanzbar! Was das Herz kann, können auch Beine und Arme. So gesehen sind wir alle Willy – Band und Publikum. Konzertabende sind Befreiungsabende – vielleicht auch Aktivierungsabende.“

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"Partisanen im Toten Gebirge", UZ vom 10. Juli 2026



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