Wissenschaftliche Angestellte wehren sich gegen Schönfärberei

Ausbeutung schöngeredet

#ichbinhanna – unter diesem Hashtag posten wissenschaftliche Angestellte auf Twitter ihre Erfahrungen und vor allem Leidensgeschichten mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz, kurz WissZeitVG.

Weil viele mit diesem Gesetz nichts anfangen können, hat sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) überlegt ein, Erklärungsvideo auf Kleinkinderniveau zu machen, wahrscheinlich, damit auch jeder Politiker das Modell versteht.

In dem Video geht es darum, dass es total super ist, wenn Hanna insgesamt zwölf Jahre befristet in der Wissenschaft beschäftigt sein darf, sechs Jahre bis zur Promotion und sechs Jahre danach. Das ist super, weil so immer neue Leute in die Forschung und wir (wer auch immer das sein mag) voll viel Innovation bekommen. Wenn alle, die wollen, einfach eine feste Stelle an der Uni hätten, würde das System ja verstopfen oder Deutschland wäre nicht mehr innovativ.

Dass das Dünnsinn ist und das Video unter aller Sau, hat jetzt auch das BMBF erkannt und es, als #ichbinhanna durch die Decke ging, von ihrer Homepage genommen. Unter ichbinhanna.wordpress.com ist es im Webarchiv aber noch anzusehen.

Was bedeutet das WissZeitVG wirklich für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler? Keine planbare Zukunft, absolute Abhängigkeit vom Institut und vom betreuenden Professor. Ein großer Teil der Arbeitszeit geht dafür drauf, sich um die nächste Finanzierung zu kümmern.

Nach zwölf Jahren ist dann Schluss, einige wenige haben es geschafft, eine der raren Professuren zu ergattern, meist durch Beziehungen und Protektionismus. Die anderen können gucken, wo sie bleiben. Das bedeutet dann auf gewisse Art und Weise ein Berufsverbot.
Viele Berichte unter dem Hashtag beschreiben die vor allem psychische Belastung, die durch diese Praxis entsteht. Ein gemeinsames solidarisches Arbeiten und Eintreten für gemeinsame Rechte kommt vielen nicht in den Sinn. Eine gewollte und tiefe Spaltung zwischen Befristeten und Unbefristeten.

Schon lange versuchen die Gewerkschaften ver.di, GEW und das „Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft“, Kampagnen für Dauerstellen für Daueraufgaben durchzuführen. Wenn sich aber die Betroffenen nicht zu organisieren beginnen und anfangen, die Solidarität der Unbefristeten einzufordern, bleibt es bei Appellen an die Politik.

Das BMBF sieht, wie seine Erklärung zu #ichbinhanna zeigt, auch weiterhin keinen Handlungsbedarf. Das Arbeitsministerium unter Hubertus Heil (SPD) hat eine Überprüfung des WissZeitVG angekündigt. Spielt aber keine Rolle, da die SPD nach den Bundestagswahlen eh nicht mehr in der Regierung ist.

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"Ausbeutung schöngeredet", UZ vom 25. Juni 2021



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