Auf der Suche nach dem „differenzierten Bild“ zu Ernst Thälmann

Bildersturm

Der Historiker Ronald Friedmann hat 2025 unter dem Titel „Wenn Moskau das so will …“ im Berliner Trafo-Verlag eine Biografie des Hamburger Arbeiterführers Ernst Thälmann vorgelegt. Dieser stand von 1925 bis 1933 an der Spitze der KPD. Nach elf Jahren im faschistischen Kerker wurde er 1944 auf Befehl Adolf Hitlers hinterrücks ermordet.

Friedmann gehört der Historischen Kommission der Partei „Die Linke“ an und hat mit seiner Arbeit wohlwollende Resonanz gefunden. In der Zeitschrift ak („analyse & kritik“) freute man sich unter dem Titel „Nichts davon ist wahr“ über das große Aufräumen mit den zahllosen Heldenlegenden, unter denen die Geschichtsschreibung der DDR den „wahren Thälmann“ begraben habe. Ebenso fand die Rosa-Luxemburg-Stiftung lobende Worte. Die Mitgliederzeitschrift der VVN-BdA, „antifa“, bescheinigte Friedmann, ein „differenziertes Bild“ von Thälmanns Leben und Wirken erarbeitet zu haben.

Wie schaut es nun aus, dieses „differenzierte Bild“? Friedmann attestiert Thälmann, weder „charakterlich noch intellektuell“ den Aufgaben gewachsen gewesen zu sein, welche mit der Führung der KPD verbunden waren. Einer Partei, die letztlich „prinzipiell politikunfähig“ gewesen sei. Sein Resümee hat es in sich: „In der politischen Biografie Ernst Thälmanns gab es bis zum März 1933 kein einziges Geschehen, das eine wie auch immer geartete besondere Ehrung oder Würdigung gerechtfertigt hätte.“ Lediglich seine Haltung während der anschließenden Haft verdiene einen gewissen Respekt. Thälmann erscheint in Friedmanns Darstellung als stumpfsinniger Apparatschik, dessen auffallendste Wesenszüge Bildungsferne, Dummheit, Skrupellosigkeit und Großtuerei waren. Und natürlich war er als Ehemann und Vater ein Totalausfall – alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. Dieser Rundumschlag erscheint dem Rezensenten der „antifa“ als „differenziertes Bild“. Vielleicht sollte man ihn fragen, ob er versehentlich ein anderes Buch gelesen hat.

Friedmann nimmt es Thälmann vor allem übel, die von „Moskau“ verordnete „Bolschewisierung“ der Mitgliedsparteien der Kommunistischen Internationale (KI) in Deutschland vollzogen und damit die innerparteiliche Demokratie in der KPD zerstört zu haben. Die KPD sei auf diesem Wege zum willenlosen Werkzeug Stalins herabgesunken. Dementsprechend habe Thälmann auch dessen Vorgabe umgesetzt, die SPD als „sozialfaschistisch“ zu bekämpfen, anstatt mit ihr gemeinsam Front gegen die Nazis zu machen.

Bei der von Friedmann scharf verurteilten Bolschewisierung handelte es sich um eine umfassende Neustrukturierung und -orientierung. Sie brachte sinnvolle Veränderungen, wie etwa die Umstellung der Grundorganisationen von Wohngebiets- auf Betriebsgruppen, richtete sich aber auch gegen ultralinkes Sektierertum. Friedmann macht daraus einen Sündenfall. Liest man aber die „Thesen über die Bolschewisierung“ der Komintern-Führung von 1925, stellt man fest, dass es hier eben nicht um die Vernichtung der innerparteilichen Demokratie ging. Das gerade Gegenteil war der Fall. Was dann dazu führte, dass nach der Bolschewisierung und unter Thälmanns Führung die KPD zur Massenpartei wurde.

Die von Thälmann geleitete Parteiführung ergriff die Initiative, mit dem Roten Frontkämpferbund (RFB) und der Antifaschistischen Aktion große überparteiliche Organisationen zu bilden, die sich dem heraufziehenden Faschismus in den Weg stellten. Aber beide werden von Friedmann als von vorn herein gescheiterte Pleite-Unternehmungen abgetan.

Natürlich ergaben sich aus der Sozialfaschismusthese gerade für diese Massenorganisationen ernste Probleme. In der kommunistischen Bewegung wurde das diskutiert. Zu Recht wurde diese Orientierung auf dem 7. Weltkongress der KI als Fehler verworfen. Und dennoch war sie mehr als die Absurdität, als welche Friedmann sie beschreibt. Es sei erinnert an die zahlreichen Massaker, welche die als Freikorps bekannten früh-faschistischen Mörderbanden (schon damals oft mit Hakenkreuz am Stahlhelm) unter der Ägide des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert und seines Bluthunds Noske nicht nur an kommunistischen Arbeitern verübten. Wie hätte die KPD nach Friedmanns Meinung mit diesen blutigen Erfahrungen umgehen sollen? Mit einem schlichten „Schwamm drüber“? Dennoch war es der RFB, der auch sozialdemokratische Mitglieder aufnahm. Ebenso wandte sich die Antifaschistische Aktion explizit an die Anhängerschaft der SPD, deren Führung aber keine größere Sorge hatte, als ihre Mitglieder mittels Unvereinbarkeitsverordnungen vor derart „schlechtem Umgang“ zu bewahren. Passend dazu schlug sie auch den Aufruf der KPD zum gemeinsamen Generalstreik nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler in den Wind.

Kommunistinnen und Kommunisten in der Tradition Thälmanns haben keinen Grund zu Abwehrreflexen, wenn von seinen Fehlern und Schwächen gesprochen wird. Aber gegen das „differenzierte Bild“ des zeitgeistbeflissenen Herrn Friedmann werden wir Thälmann verteidigen.

Eine lesenswerte Biografie Ernst Thälmanns auf der Grundlage nach 1990 zugänglicher Dokumente legten Eberhard Czichon und Heinz Marohn 2010 vor. „Thälmann – Ein Report“ ist antiquarisch erhältlich im UZ-Shop. Dort gibt es auch den Sammelband „Aber ich glaube an den Triumph der Wahrheit“, der zum 125. Geburtstag Thälmanns erschien.

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"Bildersturm", UZ vom 3. Juli 2026



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