Die Olympischen Spiele 1936 und der Mythos von Langemarck

Wird die Glocke wieder läuten?

Es war im Jahr 1931, als das Internationale Olympische Komitee beschloss, die Sommerspiele der XI. Olympiade an Berlin zu vergeben. Dadurch hatte Deutschland das Recht erhalten, sowohl die Sommerspiele als auch die Winterspiele 1936 auszurichten. Letztere fanden im gleichen Jahr in Garmisch-Partenkirchen statt.

Der nationalsozialistische Staat nutzte diese Spiele bekanntlich für eine massive Propaganda- und „Charmeoffensive“. Außerdem gelang es den nationalsozialistischen Machthabern, viele Aspekte der Spiele in Berlin mit politischer Bedeutung aufzuladen. Die Architektur des Olympiageländes in Berlin und die beiden Olympiafilme der Regisseurin Leni Riefenstahl („Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“) sind Ausdruck und Darstellung dieser politischen Dimension. Ein nicht zu unterschätzendes Element ist die Langemarckhalle mit Glockenturm und Olympiaglocke. Sie steht auf dem Berliner Olympiagelände und taucht auch in den Olympiafilmen von Riefenstahl prominent auf.

Doch wer oder was ist überhaupt Langemarck? Langemarck, eigentlich Langemark, ist eine kleine, nicht besonders spektakuläre belgische Ortschaft mit heute circa 5.000 Einwohnern. Im November 1914 berichtete ein Kommuniqué der deutschen Obersten Heeresleitung aber „Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie. Etwa 2.000 Mann französischer Linieninfanterie wurden gefangengenommen und sechs Maschinengewehre erbeutet.“ Aus dieser kurzen Meldung, die sicherlich schon damals mit dem Ziel formuliert wurde, sie propagandistisch zu nutzen, konstruierte man im Laufe des Ersten Weltkriegs einen Mythos, der die Elemente deutschen Nationalismus, Jugend und Opfertod wirkmächtig kombinierte. In der Zwischenkriegszeit wurde der Kult um „Langemarck“ immer weiter auf- und ausgebaut. Denkmäler wurden errichtet, nationalistische Studentengruppen organisierten Langemarck-Feiern und die Zahl der Langemarck-Straßen in Deutschland nahm sprunghaft zu. Im Zweiten Weltkrieg wurde dann sogar eine flämische „SS-Freiwilligen-Grenadier-Division Langemarck“ ins Leben gerufen.

In dieser Tradition steht auch die für die Olympischen Spiele in Berlin errichtete Langemarckhalle mit aufgesetztem Glockenturm. Die dort platzierte Olympiaglocke mit den Inschriften „Olympische Spiele 1936“ und „Ich rufe die Jugend der Welt“ sowie Hakenkreuzen ist unschwer zu interpretieren. Die nach Berlin gerufene Jugend der Welt soll des „Opfertodes“ der deutschen Jugend im Ersten Weltkrieg gedenken. Die Glocke über der Langemarckhalle ist somit sowohl eine Ruferin zum Gottesdienst als auch Tauf- und Totenglocke.

Diese Elemente werden in den Riefenstahl-Filmen bereits in der Eröffnungssequenz aufgegriffen. Immer wieder wird die läutende Olympiaglocke eingeblendet, im Gegenschnitt mit dem vollbesetzten Olympiastadion aus der Vogelperspektive, im Gegenschnitt mit der gezeichneten Silhouette des Deutschen Reiches mit dem entsprechenden Schriftzug, im Gegenschnitt mit Hitler im Olympiastadion. Auch hier ist die Interpretation kein Hexenwerk: Volk, Reich und Führer. Immer begleitet von der Langemarckhalle.

Diese steht nach wie vor auf dem Berliner Olympiagelände. Nachdem britische Pioniere den Glockenturm 1947 gesprengt hatten, wurde er in den 1960er Jahren wieder aufgebaut und mit einer neuen Glocke ausgestattet – diesmal ohne Hakenkreuze, aber immer noch mit dem Schriftzug „Ich rufe die Jugend der Welt“ versehen. Die alte – beschädigte – Glocke steht inzwischen vor dem Stadion auf dem Boden.

Und nun stellt sich die überaus berechtigte Frage, ob 100 (104 oder 108?) Jahre später durch das Läuten der Glocke von der Langemarckhalle aus wieder die Jugend der Welt nach Berlin gerufen werden soll.

Wer noch Hinweise braucht, in welche Tradition sich eine unkritische Austragung heiterer Spiele auf dem Olympiagelände in Berlin im Jahr 2036 (oder 2040 oder 2044) stellen würde, findet sie zuhauf: Der 1943 in der Langemarckhalle beigesetzte „NS-Reichssportführer“ Hans von Tschammer und Osten machte die Bedeutung der Berliner Olympiaglocke in der Mythologie der Nationalsozialisten deutlich:

„Sie (die Glocke) wird zum ewigen Mahner an den Opfertod unserer Helden und an die Verpflichtung all derer, die durch das Opfer der Gefallenen überleben. (…) Wir wollen im Klang unserer Glocke hören das feierliche Taufgeläut unserer ewig jungen, Stahl gewordenen Volkskraft.“

Der in Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit und BRD überaus einflussreiche Sportfunktionär Carl Diem, der außerdem noch eine wichtige Rolle bei der „Erfindung“ des olympischen Fackellaufs im Jahr 1936 von Griechenland nach Berlin spielte, hielt auf dem Olympiagelände eine bemerkenswerte Rede. Noch am 18. März 1945 appellierte er eindringlich an Mitglieder der Hitlerjugend, Stadt und Olympiagelände gegen die vorrückende Rote Armee zu verteidigen. In einer „flammenden Rede“ rief er die Kinder und Jugendlichen zu einem „finalen Opfergang für den Führer und das Vaterland“ auf. Ganz im Geiste von Langemarck, könnte man hinzufügen.

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"Wird die Glocke wieder läuten?", UZ vom 31. Juli 2026



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