Die Olympischen Spiele 1936 und die Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs

Sommermärchen unter Hakenkreuzen

Helmut Manz

Der 1. August 1936 war ein historischer Tag. An diesem Tag legte das Allgemeine Heeresamt eine Denkschrift vor, die die Weichen für den Zweiten Weltkrieg stellte. Dieses historische Ereignis steht bis heute im Schatten eines anderen, das am gleichen Tag alle Augen auf sich zog: die Eröffnung der XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin. Im randvoll besetzten Olympiastadion lauschten 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauer andächtig der von Richard Strauss eigens für die Eröffnungszeremonie komponierten Olympia-Hymne:

„Völker! Seid des Volkes Gäste, / kommt durchs offne Tor herein! / Friede sei dem Völkerfeste! Ehre / soll der Kampfspruch sein. / Junge Kraft will Mut beweisen, / heißes Spiel Olympia! / Deinen Glanz in Taten preisen, / reines Ziel: Olympia.“

Der olympische Frieden schien ungestört. Anders als 1916, als die VI. Olympischen Spiele in Berlin stattfinden sollten. Daraus wurde nichts, weil der vom kaiserlichen Kriegsrat am 8. Dezember 1912 im Berliner Stadtschloss für den Sommer 1914 geplante Krieg nicht wie vorgesehen zum Weihnachtsfest 1914 siegreich beendet werden konnte.

Die Geschichte sollte sich 1936 nicht wiederholen. Die Olympischen Spiele in Berlin wurden zum spektakulären „Fest der Völker“, das der gleichnamige Riefenstahl-Film bis heute wider- und vorspiegelt. Nur auf die XII. Olympischen Sommerspiele 1940, die auch am 1. August 1936 feierlich in Berlin an Tokio vergeben wurden, konnte das Allgemeine Heeresamt keine Rücksicht nehmen. Die vom Chef des Allgemeinen Heeresamtes Friedrich Fromm an diesem denkwürdigen Tag vorgelegte Denkschrift sah nämlich vor, dass die Wehrmacht bis 1940 nicht nur voll einsatzbereit sein solle, sondern dann auch unverzüglich zum Einsatz kommen müsse.

Diese letzte Konsequenz hatte vor Fromm noch kein Aufrüstungsplaner gezogen. Alle sahen nur das Problem, das Fromm durch die Flucht in den Krieg beseitigen wollte. Das Problem war ein ins Gigantische wachsender Waffenberg, dem die bis 1940 maximal aufgestockte Wehrmacht in den Folgejahren nicht mehr gewachsen sein konnte. Das ehrgeizige Aufrüstungsziel einer bis 1940 voll einsatzbereiten Wehrmacht war nur zu erreichen, wenn die Rüstungsindustrie gewaltige Überkapazitäten aufbaute. Dazu war die Industrie aber nur bereit, wenn die Wehrmacht durch wahnwitzige Mindestabnahmemengen deren langfristige Auslastung garantierte. Ab 1940 hätte die Waffenbeschaffung den Bedarf der Wehrmacht weit überstiegen. Schon 1942 hätte der ungeheure Waffenberg mehr gekostet als der Unterhalt des gesamten Heeres. Kein Planer wollte der „Zauberlehrling“ sein, der diese irrsinnige Rüstungsdynamik in Gang setzte – keiner außer Fromm mit seiner Kriegs-Denkschrift. Was würde „der Meister“, der Führer, wohl sagen, wenn er von seinem olympischen Einsatz an den Schreibtisch zurückkehrte?

Hitler gab während der Olympischen Spiele den „Weltgastgeber“ und den mit den deutschen Sportlern mitfiebernden „Volksgenossen“. Nicht nur er hatte Grund zum Jubeln. Beim Medaillenspiegel belegte das Deutsche Reich mit seiner bis auf die „halbjüdische“ Florettfechterin Helene Mayer vollständig „arisierten“ Mannschaft mit Abstand den ersten Platz vor dem großen Favoriten USA. Auch die Teilnahme von 49 Nationen war ein bis dato bei noch keiner Olympiade erreichter Rekord.

Die Olympischen Spiele 1936 waren ein überwältigender Propagandaerfolg des NS-Regimes. Vom 1. bis zum 16. August wurde dem In- und Ausland ein Sommermärchen unter Hakenkreuzen geboten, das weder das durchwachsene Wetter trüben konnte noch der schwarze Star der Spiele, der US-Athlet Jesse Owens, der allein vier Goldmedaillen gewann. Nicht einmal der Einmarsch des „Erbfeindes“ erregte Unmut. Im Gegenteil: Die französischen Sportler wurden bei der Eröffnungszeremonie mit frenetischem Beifall begrüßt. Das Publikum reagierte damit auf die unerwartete Begrüßungsgeste der Franzosen – einen seitwärts ausgestreckten rechten Arm. Dabei handelte es sich um den sogenannten „olympischen Gruß“, der für den Hitlergruß gehalten wurde.

Das Berlin jener Tage schien die Hauptstadt der Willkommenskultur zu sein. Das einladende Stadtbild war von allem gesäubert worden, was im Ausland Argwohn hätte erregen können. Die Schaufenster waren prall gefüllt. Nichts und niemand sollte von Armut und „Asozialität“ zeugen. Für Sicherheit und Sauberkeit sorgten überall anzutreffende uniformierte „Freunde und Helfer“ von Staat und Partei. Diese sollten keineswegs einschüchternd wirken, sondern sich wie hilfsbereite und auskunftsfreudige Fremdenführer verhalten. Insbesondere die SS war dafür extra geschult worden.

Geradezu grotesk war das eifrige Bemühen, den allgegenwärtigen Antisemitismus unsichtbar zu machen. „Juden unerwünscht“-Schilder wurden entfernt, Streichers „Stürmer“ zensiert und die HJ mit einem eigenen Lied vertröstet: „Nach der Olympiade / schlagen wir die Juden zu Marmelade!“ Nicht zu vergessen ist eine Menschengruppe, die auch die gefürchtete Auslandspresse nicht vermisste: Sinti und Roma. Sie wurden vor den Spielen in einem für sie errichteten Lager in Berlin-Marzahn interniert, das sie auch nach den Spielen nicht mehr verlassen durften. Marzahn wurde für sie zur Vorhölle von Auschwitz.

311302 b Olympia36 Riefenstahl - Sommermärchen unter Hakenkreuzen - 1936, Berlin, Faschistische Propaganda, Olympische Spiele, XI. Olympische Sommerspiele in Berlin - Theorie & Geschichte
Filmemacherin Leni Riefenstahl stellte ihr Können in den Dienst der Nazi-Propaganda (Berlin, August 1936). (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1988-106-29 / CC BY-SA 3.0 / Bearb.: UZ)

Wer konnte das ahnen? Was konnte man damals – im Sommer 1936 – schon wissen? „Man“ konnte so viel wissen wie Heinrich Mann, der in seiner Rede zur Eröffnung der „Konferenz zur Verteidigung der olympischen Idee“ am 6. Juni 1936 in Paris das wahre Gesicht des NS-Regimes noch einmal vor Augen führte: „Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung, ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und den freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“

Heinrich Mann war nur ein Sprachrohr der breiten internationalen Gegenöffentlichkeit, die diejenigen, die es wissen wollten, wissen ließ, dass die Nazis die noch an das demokratische Deutschland vergebenen Spiele für ihre Zwecke missbrauchen würden. Keine Olympiade war im Vorfeld so umstritten wie diese. Die Boykottbewegung gegen die Nazi-Spiele war die größte, die die Welt bis dahin gesehen hatte. Sie war eine ernsthafte Gefahr sowohl für die Spiele selbst als auch die Teilnahme solch prestigeträchtiger Nationen wie der USA.

Letztlich boykottierten jedoch nur die So­wjet­union und Spanien das Hakenkreuz-Spektakel. In den liberalen Demokratien hatte sich die Gleichgültigkeit – sowie die heimliche und unheimliche Bewunderung für das faschistische Modell – durchgesetzt. Die antifaschistische Bewegung bündelte ihre Kräfte für eine Gegenolympiade: die „Volksolympiade“, die mit rund 6.000 Sportlern aus 22 Ländern vom 19. bis zum 26. Juli 1936 in Barcelona stattfinden sollte. Doch am Tag der Eröffnungszeremonie putschte das faschistische Militär. Statt der Spiele begann der Krieg in Spanien.

In Berlin begann nach dem Sommermärchen wieder der feldgraue Vorkriegsalltag. Die Wehrmacht übernahm das olympische Dorf, um es seiner schon beim Bau bedachten Anschlussverwendung als Kasernengelände zuzuführen. Auch Hitler verschwendete keine Zeit damit, sich auf seinen Propaganda-Lorbeeren auszuruhen. Er dachte an eine eigene Denkschrift. Ende August stellte er sie auf dem Obersalzberg fertig. Ein Exemplar übergab er dort am 2. September Hermann Göring. Die „Denkschrift über die Aufgaben eines Vierjahresplans“ endete mit zwei Führerbefehlen: „I. Die deutsche Armee muss in 4 Jahren einsatzfähig sein. II. Die deutsche Wirtschaft muss in 4 Jahren kriegsfähig sein.“

Der erste Führerbefehl gab Fromm freie Hand. Für Hitler konnte die deutsche Rüstungsindustrie überhaupt nicht zu viel und zu schnell produzieren. Er dachte bereits an den Sieg nach dem Krieg. Die „Erweiterung des Lebensraumes“ war seine „endgültige Lösung“ für sein angeblich „überbevölkert(es)“ Land. Es sollte zu seinem Eroberungsglück gezwungen sein. Ebendort, wo Hitler die künftige „Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes“ sah, erblickte er einen ungeheuren bolschewistischen „Angriffswille(n)“, dessen „militärische Machtmittel“ sich „in rapider Schnelligkeit von Jahr zu Jahr“ steigerten. Das Hirngespinst eines bevorstehenden Angriffs der So­wjet­union und eines „Sieges des Bolschewismus“, der zur „Ausrottung des deutschen Volkes“ führen würde, war Hitlers Totschlagargument gegen alle Bedenken, Skrupel und Einwände.

Der zweite Führerbefehl machte den „unvermeidlichen“ Krieg endgültig zur selbsterfüllenden Prophezeiung, denn der ohne Rücksicht auf Verluste und Versorgungsengpässe hochgezogene militärisch-industrielle Komplex machte den Staatsbankrott nur noch zu einer Frage der Zeit. Hitler nahm das in Kauf in der Hoffnung, dass das Reich schneller kriegsfähig als zahlungsunfähig sein würde. Anfang 1938 – kurz vor der profitablen Annexion Österreichs – war der Staatsbankrott schon so nah, dass Goebbels für sich in seinem Tagebuch die Durchhalteparole ausgab: „Aber an Schulden ist noch nie ein Volk zugrunde gegangen. Wohl aber am Mangel an Waffen.“ Wohin die Überproduktion von Waffen geführt hat, ist bekannt.

Heute werden wieder Weichen gestellt. Am 21. Mai 2026 beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus mit SPD-CDU-AfD-Zweidrittelmehrheit die Bewerbung Berlins für die Olympischen Spiele 2044, 2040 – und 2036. Dass Berlin dann noch existiert, ist keineswegs selbstverständlich, denn die Bundeswehr hat mit ihrer „ersten Militärstrategie in der Geschichte der Bundesrepublik“, die Verteidigungsminister Boris Pistorius und Generalinspekteur Carsten Breuer am 22. April 2026 dem Bundestag und der Öffentlichkeit vorstellten, die Weichen für einen Krieg gegen Russland ab 2029 oder „früher“ gestellt. Der Ort der denkwürdigen Pressekonferenz war der Berliner Bendlerblock, der zweite Dienstsitz des Verteidigungsministeriums – und der historische Sitz des Allgemeinen Heeresamtes.

Die zum größten Teil geheime Militärstrategie basiert auf der Vorsehung des federführenden Generalinspekteurs. Breuer scheint über eine ganz besondere Glaskugel zu verfügen, die ihm zeigt, dass die russische Armee im Jahr 2029 so stark sein wird, dass sie die heute auch ohne die USA militärisch haushoch überlegene NATO angreifen kann. Die europäischen NATO-Verbündeten und die USA sehen diese Angriffsgefahr zwar ausdrücklich nicht, aber in Berlin lässt man sich davon nicht beirren. Der deutsche Anspruch auf die „militärische Führungsrolle in Europa“ wirft seine Schatten voraus.

Bis 2029 soll die Bundeswehr jedenfalls in die Lage versetzt werden, einen russischen „Frontalangriff“ mehr oder weniger allein zurückzuschlagen. Diese Vorgabe zwingt zur „unverzüglichen Maximierung der Verteidigungsfähigkeit“ mit allen Konsequenzen. Ab sofort muss die Bundeswehr „die Aufgaben und Strukturen einer Friedensarmee“ hinter sich lassen. Breuer fordert für seine ehemalige Parlamentsarmee freie Hand, unbegrenztes „Sondervermögen“ und eine kriegstüchtige Heimatfront. Denn „Abschreckung bedingt gesamtgesellschaftliche Resilienz, auch gegenüber russischer Einflussnahme“. Kritiker können sich auf das neue Totschlagargument namens „Putin“ gefasst machen. Und nicht nur das: „Die Bundeswehr muss mit allen Instrumenten staatlicher Machtentfaltung zusammenwirken.“ Als ehemaliger Leiter des Corona-Krisenstabs der Bundesregierung im Kanzleramt kennt Breuer die Instrumente.

Seine Militärstrategie „aus einem Guss“ erhebt die Aufrüstung zum unantastbaren Selbstzweck und schreibt sie – ohne Rücksichtsicht auf politische und rechtliche Rahmenbedingungen – bis 2039 fest. Im Jahr 2039 soll die Bundeswehr die „stärkste konventionelle Armee Europas“ sein, die auch der russischen „technologisch überlegen“ ist. Für dieses größenwahnsinnige Ziel soll der Rest der Gesellschaft weder Kosten noch Mühen scheuen und gefälligst „mindestens 460.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2035, aktiv und nicht-aktiv“ bereitstellen.

Wiederholt sich gerade die Geschichte? Die Frage drängt sich auf. Ihre Antwort steht noch aus. Noch können und müssen wir verhindern, dass der 22. April 2026 solch ein „historischer Tag“ wird wie der 1. August 1936.

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"Sommermärchen unter Hakenkreuzen", UZ vom 31. Juli 2026



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