Manuela Tovar zur ungleichen Verbreitung des Coronavirus

Blutige Landkarte

Die im Internet abrufbare Weltkarte, auf der die Johns Hopkins University in Baltimore ständig aktualisiert die Verbreitung des neuartigen Coronavirus verzeichnet, ist bedrückend: Wie rote Blutflecken zeigt sie die Ausbreitungsherde – wobei insbesondere an der Ostküste der USA die Punkte so ineinander übergehen, dass das ganze Land von einer Blutlache überzogen scheint. Auch viele Staaten Südamerikas wie Kolumbien, Peru und vor allem Brasilien sind mit vielen großen roten Punkten überzogen. In Kuba dagegen ist nur dort, wo sich Havanna befindet, eine kleine Markierung zu sehen.

Das spiegelt sich auch in den absoluten Zahlen wider: Mit Stand vom vergangenen Samstag hatten sich in den Vereinigten Staaten über 5,3 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, fast 170.000 waren gestorben. In Brasilien lag die Zahl bei mehr als 3,2 Millionen Infizierten und über 106.000 Toten. Und Kuba? 3.229 Infizierte zählte die Statistik am letzten Wochenende, 88 Menschen sind auf der Insel an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Mancher mag einwenden, dass Kuba halt eine Insel sei und sich besser abschotten konnte. Aber warum liegt dann die Zahl in der Dominikanischen Republik mit fast 85.000 Infizierten und mehr als 1.400 Toten um ein Vielfaches höher?

Es kann nicht nur die Geographie sein. Was Kuba von den USA, Brasilien und der Dominikanischen Republik – aber auch von Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und Großbritannien – unterscheidet, ist sein Gesundheitssystem. In Kuba ist die Aufgabe der Krankenhäuser, Kliniken und Praxen nicht, möglichst hohe Profite für die Betreiberunternehmen herauszuschlagen. Ihr Ziel ist es, die Menschen wieder gesund zu machen. Oder noch besser: Zu verhindern, dass sie überhaupt erkranken.

Auch in der Corona-Krise sind Kubas Ärztinnen und Ärzte weltweit im Einsatz gewesen und sind es noch, um besonders betroffenen Ländern zu Hilfe zu eilen. Als die EU noch um Masken und Beatmungsgeräte feilschte, arbeiteten die kubanischen Gesundheitsbrigaden schon in Italien. Genua hat die Retter von der Karibikinsel inzwischen zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt.

In Brasilien waren die karibischen Weißkittel dagegen unerwünscht. Staatschef Jair Bolsonaro hatte unmittelbar nach seinem Amtsantritt die Zusammenarbeit mit Kuba aufgekündigt, die Ärztinnen und Ärzte mussten das Land verlassen. Nun fehlen sie.

Wegen der Ausweisung der kubanischen Ärzte und der jahrelangen Unterfinanzierung des brasilianischen Gesundheitswesens haben mehrere brasilianische Gewerkschaften am 27. Juli vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eine Klage gegen Bolsonaro eingereicht. Der Staatschef hatte sogar sein Veto gegen zwei vom Parlament beschlossene Gesetze eingelegt: Eines sollte zum Tragen von Masken verpflichten, das andere die Behörden zwingen, den Indígenas sauberes Trinkwasser zu liefern, damit diese die Hygieneempfehlungen wie regelmäßiges Händewaschen überhaupt befolgen können. Raoni Metuktire vom Volk der Kayapó bezichtigte Bolsonaro deshalb schon Anfang Juni, er lege es gezielt darauf an, die indigene Bevölkerung auszurotten.

Während Brasiliens Staatschef in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wird, fordert eine internationale Kampagne, den kubanischen Ärztinnen und Ärzten den Friedensnobelpreis zu verleihen. Zufall? Nein, die Gesichter von zwei gegensätzlichen Systemen.

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"Blutige Landkarte", UZ vom 21. August 2020



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