Der Asien-Europa-Gipfel hat große Bedeutung im Ringen um die Weltmacht.

Brücke in das Kraftzentrum

Die Bundesregierung und die EU-Kommission haben ihm einiges Gewicht beigemessen: dem ASEM-Gipfel, der am 25. und 26. November stattfand, pandemiebedingt als Videokonferenz. Man sah das schon daran, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der Außenbeauftragte Josep Borrell und Ratspräsident Charles Michel persönlich an ihm teilnahmen. Es sei „eines der wichtigsten multilateralen Treffen im Jahr 2021“ gewesen, lobte Michel. Von der Leyen säuselte, „Asien und Europa“ seien „eng miteinander verbunden“: „Gemeinsam haben wir ein großes Gewicht in der Welt.“

ASEM, das Asia-Europe Meeting, ist in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden. Entstanden ist es, wenn man so will, als Kopie. Das Original: die Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC), ein Zusammenschluss von Staaten Ost- und Südostasiens, Australiens und der Westküste des amerikanischen Kontinents, der bereits 1989 gegründet worden war, um die Wirtschaftsbeziehungen über den Pazifik hinweg zu stärken. Eine wichtige Rolle spielten die USA. APEC machte in den frühen 1990er Jahren erste Fortschritte und das wurde in Bonn eifersüchtig registriert. „Im Vergleich zu Japan und den USA“ sei „die deutsche Wirtschaft in der Region Asien/Pazifik unterrepräsentiert“, hieß es im Asienkonzept der Bundesregierung aus dem Jahr 1993; dabei wünschten sich die dortigen Länder doch so dringend „ein stärkeres wirtschaftliches Engagement Deutschlands“ „als Gegengewicht“ zu den Vereinigten Staaten.

Der Drang der deutschen Wirtschaft in die damals schon wachstumsstarke Asien-Pazifik-Region war eine zentrale Triebkraft für die Gründung von ASEM im Jahr 1996. Deutschland und die EU hatten in jener Zeit stark Auftrieb: Die Bundesrepublik expandierte ökonomisch mit Macht nach Ost- und Südosteuropa und startete die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr. Die EU wiederum hatte 1995 Österreich, Finnland und Schweden aufgenommen und ihre Osterweiterung fest im Blick; sie wuchs. Die Hoffnung, zur eigenständigen Weltmacht neben den Vereinigten Staaten aufzusteigen, brach immer mehr durch. Sie stützte sich auch auf das angestrebte boomende Asiengeschäft – und so hieß es 2003 in einer Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung, deutsche Diplomaten seien der Auffassung, ASEM berge „ein emanzipatorisches Element in sich“: „weil die USA nicht … beteiligt sind“.

Nun, es kam anders als gedacht. Die EU begann nach ihrer Osterweiterung zu stagnieren, geriet in Krisen und sie schaffte es trotz ASEM nicht, sich in Asien auf Augenhöhe mit den USA zu etablieren. Die dominierenden Kraftzentren sind dort nach wie vor Washington und seit geraumer Zeit Peking. Berlin und Brüssel versuchen es dennoch weiter, setzen auch nach der Verabschiedung ihrer jeweiligen Indo-Pazifik-Strategien auf ASEM. Zum einen bietet das Format die Chance, die Kooperation mit den Ländern Asiens jenseits Chinas zu stärken, um der Volksrepublik ein wenig Einfluss zu nehmen. Zum anderen eröffnet weiterhin die Abwesenheit der Vereinigten Staaten die günstige Gelegenheit, sich als Alternative zu Washington zu präsentieren. In einer Zeit, in der vor allem die Staaten Südostasiens fürchten, in der Rivalität zwischen den USA und China aufgerieben zu werden, könnte sich die EU in der Tat als Alternative präsentieren.

Nicht zuletzt aber spielt ein Drittes eine Rolle: Die Staaten Ost- und Südostasiens sowie Australien und Neuseeland haben mit der RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership) die größte Freihandelszone der Welt gegründet. Sie hat das Zeug, in mancherlei Hinsicht zum Normen- und Taktgeber der Weltwirtschaft zu werden, und sie tritt zum 1. Januar 2022 in Kraft. In dieser Situation sind enge Kontakte in die Region wichtig, um nicht den Anschluss zu verlieren: Europa braucht ASEM als Brücke in das ökonomische Kraftzentrum der Welt.

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Über den Autor

Jörg Kronauer (Jahrgang 1968) ist Sozialwissenschaftler und lebt in London. Er ist Redakteur des Nachrichtenportals „german-foreign-policy.com“, freier Journalist und Buchautor. Seine Themenschwerpunkte sind Neofaschismus und deutsche Außenpolitik.

Kronauer veröffentlichte 2018 bei PapyRossa „Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg“. Sein aktuelles Buch „Der Rivale“ analysiert die Rolle der VR China im internationalen Klassenkampf.

Für die UZ schreibt Kronauer eine monatlich erscheinende Kolumne mit dem Schwerpunkt deutsche Außen- bzw. Konfrontationspolitik gegen Russland und China.

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"Brücke in das Kraftzentrum", UZ vom 3. Dezember 2021



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