Wie Unternehmer die Pandemie ausnutzen – und die Regierung sie lässt

Corona-Geschäfte

Der Minister ist dankbar. Jens Spahn hat das „Verantwortungsbewusstsein und den Unternehmergeist unserer Wirtschaft“ gelobt, weil deutsche Hersteller angekündigt haben, Schutz­ausrüstung gegen das Coronavirus zu liefern. Tatsächlich versuchen große Unternehmen wie kleine Geschäftemacher, vom Mangel an Schutzmasken und Desinfektionsmitteln zu profitieren.

Eine Schutzmaske der Klasse FFP 2 kostete vor der Pandemie im Großhandel 45 Cent. Das Bundesgesundheitsministerium will solche Masken jetzt selbst beschaffen. Am 27. März schrieb es den Auftrag aus – in einem „Open-House-Verfahren“: Das Ministerium legt einen Preis fest, den es anbietet, die Lieferanten können ihn akzeptieren oder ablehnen. Für FFP-2-Masken bot es 4,50 Euro an – also zehnmal so viel, wie die Masken vor der Pandemie kosteten.

Am 1. April – fünf Tage später – veröffentlichte das Ministerium eine andere Ausschreibung – allerdings sollten diesmal die Anbieter ihren Preis nennen, den Zuschlag würden die günstigeren Angebote erhalten. Nötig sind viele Millionen dieser Masken – Ärzte und Pflegkräfte müssen sie jedes Mal wechseln, nachdem sie Kontakt zu einem Patienten hatten. Anscheinend war der zehnfache Preis nicht hoch genug, um Lieferanten zu überzeugen. „tagesschau.de“ berichtet von einem Großhändler, der FFP-2-Masken für 13,52 Euro pro Stück anbietet – also das Dreißigfache des früheren Preises.

Die Medien berichten über betrügerische Anbieter von überteuerten Corona-Tests, von angeblichen Händlern, die bezahlte Schutzmasken nicht liefern, von gefälschten Zertifikaten für Desinfektionsmittel. Mehr oder weniger kriminelle Geschäftemacher nutzen die Pandemie, um zu verdienen – genauso wie Unternehmer mit seriöseren und langfristigen Geschäftsmodellen. Der Trigema-Chef Wolfgang Grupp präsentiert sich als Klischee des verantwortungsvollen deutschen Familienunternehmers und lässt seine Näherinnen Behelfs-Atemschutzmasken statt T-Shirts produzieren – wiederverwendbar, 12 Euro das Stück, Werbung durch öffentlich-rechtliche Medien inklusive.
Adidas hat weniger geschickt versucht, aus der Coronapandemie einen Nutzen zu ziehen: Die Regierung hatte Mietern die Möglichkeit gegeben, ihre Miete stunden zu lassen, der Konzern teilte mit, dass er das für seine Läden in Anspruch nehmen wolle. Die öffentliche Unzufriedenheit darüber wird den Konzern mehr Geld kosten als ihm die Stundung bringen würde – in der vergangenen Woche ließ er ganzseitige Anzeigen mit einer Entschuldigung drucken, um den PR-Schaden zu verringern.

Die Regierung hat die Spielräume geschaffen, die Geschäftemacher nun ausnutzen – nicht nur, indem sie Atemschutzmasken zu Marktpreisen einkauft. Verschiedene staatliche Stellen und Einrichtungen versuchen jeweils für sich, auf dem Markt Schutzausrüstung zu kaufen, sie treiben damit die Preise selbst in die Höhe. 2005 hatte das Robert-Koch-Institut den „Nationalen Pandemieplan“ erstellt und darin gefordert, dass die Behörden selbst eine Reserve mit nötigen Materialien anlegen sollten – wie FFP-2-Masken. Passiert ist das nicht. Spahn sagt: „Wir haben Pläne, aber wir üben sie zu selten.“

Der Unternehmer Rainer Döring, der ein nachhaltiges Desinfektionsmittel entwickelt hat, lobt sich in der „FAZ“ dafür, dass er in der Pandemie die Preise nicht erhöht hat. Dennoch bedeute für sein Unternehmen die jetzige Nachfrage eine „Anschubfinanzierung“. Corona sei für ihn daher „Fluch und Segen zugleich“. Für manche eher dieses, für andere eher jenes.

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"Corona-Geschäfte", UZ vom 10. April 2020



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