Franz Mehring zum 175. Geburtstag

Das Banner der Kommune aus dem Staub aufheben

Franz Mehring ist der Vollstrecker des Vermächtnisses von Marx und Engels“, schrieb Rosa Luxemburg 1916 in ihrem Glückwunsch zum 70. Geburtstag Franz Mehrings aus dem Gefängnis. Im Februar 2021 jährt sich dessen Geburtsdatum zum 175. Mal.

Franz Mehring war ein bedeutender Historiker, Literaturwissenschaftler, Publizist und Redakteur der deutschen Arbeiterpresse. Am 27. Februar 1846 im pommerschen Schlawe, dem heutigen polnischen Slawno, als Sohn eines ehemaligen Offiziers geboren, entwickelte er sich vom Gegner der ursprünglichen Sozialdemokratie zum Anhänger und dann auch anerkannten Mitglied der Bebelschen SPD. Marx und Engels blieben dem Sohn aus bürgerlichem Hause gegenüber skeptisch. Sie sollten sich täuschen. Zusammen mit Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stand er an der Spitze derjenigen Sozialdemokraten, die während des imperialistischen Weltkriegs nicht ins Lager des Klassenfeinds überliefen. Er war Gründungsmitglied des Spartakusbunds und später der KPD. Schwer krank verstarb er in der Nacht vom 28. zum 29. Januar 1919 in Berlin, nachdem er noch Tage zuvor die Nachricht von der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch die weißgardistische Soldateska erhalten hatte.

Wir dokumentieren einen Beitrag Mehrings vom März 1896 in „Die Neue Zeit“ zu den Lehren der Pariser Kommune. Mit dem Auftritt der Arbeiterklasse als „materielle Gewalt“ zeigten sich erste Versuche der Herrschenden, die aufstrebende Klasse mittels der Gewaltfrage zu integrieren und damit erste Gefahren des Opportunismus.

Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein sprach der Kommune seine Sympathien aus, und das Organ der anderen sozialdemokratischen Fraktion, der „Volksstaat“, erklärte: „Einige Bourgeoisblätter haben die naive Unverschämtheit, die deutsche Sozialdemokratie zu einer formellen Desavouierung der Pariser Kommune aufzufordern. Lest unsere Parteiorgane, ihr Herren Bourgeois, da findet ihr die Antwort. Wir sind und erklären uns solidarisch mit der Kommune, und wir sind bereit, jederzeit und gegen jedermann die Handlungen der Kommune zu vertreten.“ Bebel aber, der einzige sozialdemokratische Abgeordnete, der damals im Reichstage saß, sagte am 25. Mai 1871: „Seien Sie überzeugt, das ganze europäische Proletariat und alles, was noch ein Gefühl für Freiheit und Unabhängigkeit in der Brust trägt, sieht auf Paris. Und wenn auch im Augenblicke Paris unterdrückt ist, dann erinnere ich Sie daran, dass der Kampf in Paris nur ein kleines Vorpostengefecht ist, dass die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht und dass, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggange! der Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats sein wird.“ Der stenographische Bericht verzeichnet zu diesen Worten: große Heiterkeit; seitdem ist den Herren das Lachen recht gründlich vergangen.

Weder durch die angedrohte Peitsche noch durch das angebotene Zuckerbrot ließ sich die deutsche Sozialdemokratie beirren. Sie hatte keine Ohren für die schlauen Ratgeber, die ihr einblasen wollten, dass sie durch nichts gezwungen und verpflichtet sei, solidarisch für die „Gräuel der Kommune“ einzutreten. (…) Heute sind die „Gräuel der Kommune“ zum Ammenmärchen geworden, und jeder halbwegs unterrichtete Bourgeois weiß ebenso gut, wie es die deutschen Arbeiter von Anfang an wussten, dass die „Gräuel“ von den Feinden der Kommune, von den Vorkämpfern der bürgerlichen Ordnung begangen worden sind und dass die Schwäche der Kommune nicht ihre Grausamkeit und Unmenschlichkeit, sondern ihre Scheu vor durchgreifenden Maßregeln war.

Aber ebenso weit wie die Sozialdemokratie davon entfernt war, je die Pariser Kommune zu verleugnen, ebenso weit war sie davon entfernt, aus ihrer Geschichte eine täuschende und trügende Legende zu machen. Mit scharfer und unerbittlicher Kritik hat sie untersucht, wie Ursachen und Wirkungen in dem Pariser Aufstande zusammenhängen. Keine Sympathie hat ihr kritisches Messer abgestumpft, vor keiner Tragik und vor keinem Verdienste ist es zurückgeschreckt. Es ist ein Vorzug, den das klassenbewusste Proletariat abermals vor allen anderen Parteien voraus hat, dass ihm aus der Geschichte seiner eigenen Vergangenheit immer neue Kräfte erwachsen, um den Kampf der Gegenwart zu führen und die neue Welt der Zukunft zu errichten. Die Geschichte der Pariser Kommune ist zu einem großen Prüfstein für die Frage geworden, wie die revolutionäre Arbeiterklasse ihre Taktik und Strategie einzurichten hat, um den endgültigen Sieg zu erfechten. (…) In der Geschichte der Kommune werden die Keime dieser Revolution noch überwuchert von den Schlingpflanzen, die aus der bürgerlichen Revolution des achtzehnten Jahrhunderts in die revolutionäre Arbeiterbewegung des neunzehnten Jahrhunderts hinüber gewuchert waren. In der Kommune fehlte die feste Organisation des Proletariats als Klasse und die prinzipielle Klarheit über seinen weltgeschichtlichen Beruf; hieran musste sie unterliegen, und hieran wäre sie auch dann unterlegen, wenn die Gunst der äußeren Umstände durchweg auf ihrer Seite gewesen wäre.

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"Das Banner der Kommune aus dem Staub aufheben", UZ vom 26. Februar 2021



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