Der Zug ist voll

Fehlplanungen im Waggonbau in Ostsachsen
Von Saskia Wieck
|    Ausgabe vom 2. Februar 2018

Der Beginn des Jahres 2018 könnte auch für die Beschäftigten der ostsächsischen Waggonbau-Betriebe besser aussehen. Nachdem bereits im Dezember die Waggonbau Niesky GmbH im kleinen Städtchen Niesky in der Oberlausitz Insolvenz angemeldet hatte, kündigte in der vergangenen Woche auch der kanadische Konzern Bombardier an, sein Werk in Görlitz noch in diesem Jahr verkaufen zu wollen.
Der Grund: Finanzielle Aufwendungen, die aus verspäteten Lieferungen entstanden seien. Nach Angaben von SZ-Online hat 2010 Bombardier 59 Doppelstockzüge für 1,6 Mrd. Euro an die Schweizerischen Bundesbahnen verkauft. Davon wurden immerhin schon vier übergeben. „Nach SZ-Informationen entstand 2017 ein Minus von fast 100 Mio. Euro.“
Und wie so oft beweisen die Konzernleitungen in ihrem Zynismus reichlich Sinn für Ironie: 5 Mio. Euro möchte Bombardier in diesem Jahr noch investieren, um das Werk zu einem „Kompetenzzentrum für Wagenkästen aus Aluminium“ umzubauen. Im Gespräch als Investor sei das Münchner Unternehmen Quantum Capital Partners GmbH, das bis Dezember auch Geschäftsführer der Waggonbau Niesky GmbH gewesen ist. Die 320 Kollegen in Niesky werden bis Ende Februar aus Insolvenzgeld bezahlt, bis sich vielleicht ein Käufer findet. Für die 1 300 Mitarbeiter in Görlitz gilt ein Kündigungsschutz bis 2019, der mit dem Betriebsrat vereinbart wurde.
Die entscheidende Frage, die weder die Sächsische Zeitung noch der MDR beantworten, lautet aber: Wie konnte es zu den verlustreichen Lieferrückständen in beiden Werken überhaupt kommen? IG Metall-Funktionär Jan Otto aus Ostsachsen sagte dem MDR: „Der Waggonbau Niesky habe über das Jahr 2020 hinaus volle Auftragsbücher.“ „Zu viele komplexe Aufträge“, die „unter dem Strich defizitär abgeschlossen wurden“, nannte die Geschäftsleitung der Waggonbau Niesky GmbH gegenüber dem Rundfunksender als Grund der Insolvenz. Mit anderen Worten: Hohe Gewinnerwartungen sollten auf Kosten zu weniger Mitarbeiter erzielt werden. Was die Kollegen im ostsächsischen Waggonbau in den letzten sieben Jahren ausgestanden haben, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten, lässt sich denken. Nun müssen sie oder einige von ihnen auch noch die Rechnung bezahlen für die gezielte Fehlplanung der Konzerne.


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