Wirklichkeit bewerten

|    Ausgabe vom 13. April 2018

Liest man die UZ vom 29. März, bekommt man den Eindruck, dass es mit den Kommunisten in den Niederlanden bergauf geht. „Erfolge der Kommunisten“ lautet die Überschrift des Artikels über die Kommunalwahlen vom März. Daraus entnimmt man die Information, dass „besonders in Friesland der Stimmenzuwachs für die Kommunisten auffallend“ gewesen wäre. Daraus ergibt sich für den Leser, dass es anderswo auch Erfolge gab, wenn auch weniger auffallende. Die Neue Kommunistische Partei (NCPN) habe von der Unzufriedenheit mit der Sozialistischen Partei (SP) profitiert.
Hätte sich die UZ Lenins Aussage „Zahlen sind das zuverlässigste Mittel zur Bewertung der Wirklichkeit“ zu Herzen genommen, wäre der Beitrag weniger schönfärberisch ausgefallen.
Der Stimmenzuwachs in Friesland war in der Tat auffallend, weil er der einzige war.
Die NCPN hat in nur zwei (von 355) Gemeinden kandidiert. Nämlich in De Fryske Marren und in Heiloo. Bei den letzten Wahlen kandidierte sie auch nur in diesen beiden Gemeinden, aber 2010 immerhin noch in sechs Gemeinden.
Bei den letzten Wahlen bekam die NCPN in Heiloo 1 164 Stimmen (10,43 Prozent und 2 Sitze). Jetzt waren es 882 (7,44 Prozent und 1 Sitz). Also kein Erfolg, sondern ein „auffallender“ Verlust.
In De Fryske Marren wurden beim letzten Mal 1 174 Stimmen für die NCPN abgegeben (5,68 Prozent, 1 Sitz). Im März stimmten 1 464 Wähler/innen für die NCPN (6,29 Prozent, 2 Mandate).
Worin bestehen also die „Erfolge für Kommunisten“? Ihre Mandatszahl blieb unverändert bei drei – einen Sitz verloren und einen gewonnen.
Ihre gesamte Stimmenzahl stieg tatsächlich, nämlich um acht Stimmen von 2 338 auf 2 346. Allerdings wurden in den beiden Gemeinden diesmal von 35 099 Menschen gültige Stimmen abgegeben gegenüber 31838 beim letzten Mal. Der Stimmenateil der NCPN in den beiden Gemeinden sank also von 7,34 Prozent auf 6,68 Prozent.
Man hätte den Artikel also allenfalls mit „Geringere Verluste der Kommunisten“ oder „Niedergang gebremst“ überschreiben können.
Übrigens, dass diese „Erfolge“ mit der „Unzufriedenheit mit der SP“ zu tun haben könnten, ist schwer möglich, denn die SP kandidierte in beiden Gemeinden weder dieses Jahr noch beim letzten Mal und konnte so auch keine Stimmen an die NCPN verlieren.


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Leserbrief zu Artikel »Wirklichkeit bewerten«, UZ vom 13. April 2018





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