Wie Azubis arm bleiben

Florian Hainrich zur Mindestausbildungsvergütung
|    Ausgabe vom 24. Mai 2019

Die Bundesregierung will eine Mindestausbildungsvergütung einführen, in der Höhe von unglaublichen 515 Euro brutto. Selbst das ist den Typen vom Zentralverband des Deutschen Handwerks als auch denen vom Hotel- und Gaststättenverband zu hoch. Warum denn auch nur einen Cent mehr als unbedingt nötig für die Azubis ausgeben? Schließlich werden sie in diesen Branchen ganz selbstverständlich als billige Arbeitskräfte genutzt – selbst eine solch niedrige Mindestvergütung treibt die Preise da nach oben.
Sie können unbesorgt sein: Die Mindestvergütung ist so niedrig, dass wohl noch nicht einmal 30000 Azubis von dieser Regelung profitieren würden. Dass es so wenige sind hängt auch damit zusammen, dass schulische Ausbildungen ausgenommen sind. Für die meisten dieser jungen Menschen gilt weiterhin: Sie bekommen keinen Cent.
Auch die angekündigten Erhöhungen, die bis zum Jahr 2023 620 Euro im ersten und bis 868 Euro im vierten Ausbildungsjahr betragen sollen, bedeuten weiterhin Armut für die Azubis. Nicht hinnehmbar ist, dass sie durch Tarifverträge noch nach unten gesenkt werden können, und das wohl bis 2024, wie der DGB in seiner Pressemitteilung vom 13. Mai schreibt. Damit könnte die Azubivergütung wieder einmal zur Verhandlungsmasse werden, gerade in Branchen, wo die gewerkschaftliche Durchsetzungsmacht eher schwach ausgeprägt ist. Gleichzeitig vermittelt man jungen Kolleginnen ein falsches Signal, wenn Gewerkschaften eine Schlechterstellung gegenüber dem Gesetz aushandeln können. Vorbei die Zeit, als Tarifverträge grundsätzlich eine Verbesserung zur gesetzlichen Regelung darstellten.
Die Mehrheit auf dem letzten DGB-Bundeskongress Jahr hatte sich die Mindestausbildungsvergütung ein wenig höher vorgestellt, die Delegierten forderten damals 635 Euro im ersten Ausbildungsjahr. An der Durchsetzung dieser Forderungen wurde allerdings vor allem im Rahmen von Lobbyarbeit gearbeitet und nicht durch eine Mobilisierung in den Betrieben. Viele wissen, dass organisiertes Betteln weniger einbringt als gemeinsames Kämpfen. Insofern ist die niedrige Vergütung eine logische Folge.
Als SDAJ fordern wir eine Mindestausbildungsvergütung von 1 200 Euro. Wir treten dafür ein, dass die Vergütung in der Ausbildung zum eigenständigen Leben reichen muss. Das werden wir aber nur durch Aktivitäten der Azubis selbst sowie ihrer Gewerkschaften auf der Straße und im Betrieb durchsetzen können und – wie sonst auch immer im – Kampf gegen die Unternehmer und ihren Staat.


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