Gerald Kersh gibt den Opfern von Lidice eine Stimme

„Dem kommt keine Bedeutung zu“

Von Ellen Beeftink

Gerald Kersh

Die Toten schauen zu

Pulp Master, Berlin 2016

200 Seiten, 12,80 Euro

Dudicka 1942. Im Morgengrauen eines Frühsommersommertages gestehen sich Anna und Max ihre Liebe. Es regnet Blumen, erst eine dann zwei, fünfzig, hundert Blüten erblühen. Die Blumen sind Fallschirme. Wenig später erschüttern Maschinengewehrsalven Dudicka und Karl Marek, der Dorfschullehrer sagt: „Das bedeutet Untergang.“

Gerald Kersh beginnt seinen Roman „Die Toten schauen zu“ allerdings ein paar Tage früher mit einem Blick in ein Quartier und in das Denken der SS-Schergen in der besetzten Tschechoslowakei. Anwesend: SS-Obergruppenführer von Bertsch. Gerade befindet ein Oberst: „Slawen sind Sklaven.“ Bertsch antwortet in aller Seelenruhe: „Es liegt doch auf der Hand. Die Zeit wird diese Generation auslöschen. Wir werden der Zeit assistieren. Wir schöpfen den Rahm ab und dekantieren ihn …“ Aber hier und jetzt müsse man sie sich untertan machen. Fünf Seiten später ist er tot. Niedergeschossen von einem vorüberfahrenden Motorrad aus. Eine ungeheuerliche Racheaktion beginnt, an deren Ende Dudicka nicht mehr existiert.

In 21 knappen Kapiteln stellt uns Gerald Kersh die Dorfbewohner vor. Da ist der bereits erwähnte Lehrer Karl Marek, stark, aufrichtig, klug und unkompliziert. In seinem Haus sind sowohl Anna (Adoptivtochter) als auch Karl (verwaister Neffe) aufgewachsen. Als Lehrer ist er bei den Kindern beliebt, als Geschichtenerzähler bei allen. Otakar Blazek, den verarmten und vereinsamten Metzger, trifft es als ersten. Roman Kafka spricht nur noch über die bevorstehende Niederkunft seiner Teresa mit Zwillingen. Es ist eine ganz normale Dorfgemeinschaft mit Bürgermeister, Priester, Wirt, Kollaborateur und Dorfdepp. Duda liebt Glänzendes, Glitzerndes, spricht kaum und lebt im Wald. Er versteckt Max und Anna. Und deren Schicksal lässt ein bisschen Thrilleratmosphäre aufkommen.

Kurz nach den Fallschirmen fallen die Besatzer ins Dorf ein. Als letzter SS-Offizier Heinz Horner, klein, elegant, Brillengläser über unauffälliger Nase, unauffälliger Schnurrbart, der Mund – ein Messerschlitz. Alles hält den Atem an, wenn er die Bühne betritt, wenn er spricht. Nach einem längeren Blick auf seine Taschenuhr stellt er fest: „Ich sehe keinen Grund, dass wir heute Abend nicht fertig sein sollten.“ Und so geschieht es. Ein Hauptmann sammelt Metall, akribisch – „Es darf partout nichts übersehen werden“ – und verteilt es auf drei Haufen. Auch die Dorfbewohner werden in Haufen aufgeteilt. Männer in die Kneipe, Frauen in die Kirche, Kinder in die Schule.

Alles läuft nach Plan. Da erscheint ein Major mit der Nachricht, das gefundene Motorrad könne unmöglich das Tatfahrzeug gewesen sein, die Aktion in Dudicka träfe Unschuldige und müsse abgebrochen werden. Darauf Horner: „Nun, ich denke, dem Ganzen kommt keine Bedeutung zu.“ Die Auslöschung Dudickas ist längst beschlossen. Der Major stört den Ablauf und wird kurz darauf von einem Offizier erschossen.

Dass es in „Die Toten schauen zu“ um die Liquidierung von Lidice geht, darüber lässt Gerald Kersh keinen Zweifel. Schon in der Widmung erinnert er an die Opfer des Massakers. Heydrich ist in von Bertsch leicht zu erkennen. Ebenso Himmler, der in Heinz Horner seine literarische Entsprechung findet. Geschrieben 1942, erschien der Roman ein Jahr später. Der Bestsellerautor Kersh hatte als britischer Soldat keinen Einblick in irgendwelche Akten. Sein Wissen bezog er aus Wochenschau und internationaler Presse. Das Naziregime brüstete sich mit dieser „Großtat“. 405 Menschen lebten in Lidice. Am 9. Juni 1942 wurden 177 Männer im Alter von 14 bis 84 Jahren erschossen, die Frauen ins Konzentrationslager Ravensbrück verbracht, die Kinder – bis auf neun, die als „germanisierbar“ eingestuft wurden – ermordet.

Nachdem von Dudicka nicht einmal ein Nagel mehr übrig ist, steht für Horner außer Frage, dass dies das Ende des Widerstands in der Tschechoslowakei sei. Ein Irrtum!

Kersh mutet seinen Lesern mit diesem Roman viel zu. Dennoch, die Wärme und das Mitgefühl mit denen er die Dörfler auf ihrem Weg in Tod oder Hölle begleitet, machen die Bestialität der Barbaren erträglich.

„Lesen ist das einzige Verb, das den Imperativ nicht verträgt.“ Diesem Satz von Daniel Pennac stimme ich zu. Dieses Buch ist eine Ausnahme. Lest es.

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"„Dem kommt keine Bedeutung zu“", UZ vom 7. April 2017



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