Dr. Oetker steigt ins Rüstungsgeschäft ein

Der Kreis schließt sich

Von Birgit Gärtner

Bei „Dr. Oetker“ denken alle an Süßspeisen. Weit gefehlt: Schon in den 1970er Jahren war das ostwestfälische Pudding-Imperium so weit diversifiziert, dass die Aufzählung der zugehörigen Firmen mehrere A4-Seiten füllten. Nun soll das Bielefelder Familienunternehmen ins Rüstungsgeschäft eingestiegen sein. Das wäre im Grunde nichts Neues: Mit Krieg haben die Oetkers schon mal gute Erfahrungen gemacht.

Alles Backin oder was?

Alles Backin oder was?

( Kapui Ferenc /gemeinfrei)

Nun wurde ruchbar, dass der Oetker-Konzern gemeinsam mit dem Hamburger Verlagserben Michael Jahr sowie verschiedenen Adeligen die Münchner Elektroniksystem-und-Logistik-GmbH (ESG) übernehmen werde. Diese wurde vor mehr als 50 Jahren ins Leben gerufen, nachdem der Bundeswehr die Starfighter reihenweise vom Himmel fielen. Seither ist die Firma mit der Entwicklung von Rüstungstechnik befasst, und hat einen jährlichen Umsatz von mehr als 250 Mio Euro.

Genaueres über den Deal ist nicht bekannt. Im Eintrag bei der Internet-Enzyklopädie Wikipedia ist zu lesen, bis August 2015 waren die Eigner die vier Rüstungsfirmen Airbus Defence & Space Ottobrunn (30 Prozent), Rohde & Schwarz, München (30 Prozent), Thales, Frankreich (30 Prozent) sowie die US-amerikanische Northrop Grumman Corporation (10 Prozent). Über die derzeitigen Eigentumsverhältnisse schweigt Wiki sich aus, auch der Homepage des Unternehmens sind keine diesbezüglichen Informationen zu entnehmen.

Das Portfolio des Oetker-Konzerns ist sehr vielschichtig. Dazu gehören u. a. die Onken-Molkereiprodukte, die Marken Knorr, Bistro und Langnese, Wodka Gorbatschow, die Sektkellereien Kupferberg, Henkell und Fürst Metternich, das Weingut Schloss Johannisberg in Baden-Baden, die Radeberger-Gruppe mit Biermarken wie Peters Kölsch, Berliner Kindl, Binding, Clausthaler, Dortmunder Union und DAB, Jever, Schöfferhofer und natürlich Radeberger.

Außerdem gehört das Bankhaus Lampe, eine der führenden Privatbanken, zum Konzern, desweiteren die Chemische Fabrik Budenheim, die u. a. Phosphat herstellt, die Reedereien Hamburg Süd, die Levante Linie, die 1970 als eigenständiges Unternehmen eingestellt wurde sowie die brasilianische Reederei Alicança, eines der größten Transportunternehmen Brasiliens.

Auch im Hotelgewerbe ist der Konzern umtriebig: 1969 erwarb August Oetker das französische Traditionshaus Hôtel du Cap-Eden-Roc, in dem schon Marlene Dietrich, Ernest Hemingway und Pablo Picasso nächtigten. Zur Oetker-Hotel-Collection gehört u. a. auch das Fregate Island Private auf den Seychellen. Letzteres buchbar für 4 400 Euro pro Nacht und Person.

Die ostwestfälische Dr. Oetker KG war ihrer Zeit weit voraus: schon 1943 versuchte sie aus Industrieabfällen künstliche Lebensmittel herzustellen. In Kooperation mit der Waffen-SS sollte die eigens zu diesem Behufe gegründete Hunsa-Forschungs-GmbH in Hamburg dieses für die damalige Zeit vermutlich tollkühne Unterfangen umsetzen.

Das lässt die Nähe des Konzerns zu den Nazis ahnen. „Zwischen Oetker und das NS-Regime passte kein Blatt Papier“, resümierte der Historiker Andreas Wirsching, der im Auftrag der Familie Oetker dieses düstere Kapitel durchleuchtete. Seinerzeit wurde das Unternehmen von Richard Kaselowsky geleitet, dem Stiefvater von Rudolf-August und Stief-Großvater von August Oetker. Kaselowsky wurde am 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied, er war Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS“ und stolz darauf, Adolf Hitler persönlich vorgestellt worden zu sein. Großzügige Spenden und die Überlassung der in der betriebseigenen Druckerei Grundlach produzierte Tageszeitung „Westfälische Neueste Nachrichten“, aus der dann das „NS-Volksblatt für Westfalen“ wurde, waren sicher hilfreich. Im Gegenzug erhielt Grundlach Druckaufträge der Nazi-Partei, was wiederum hilfreich war, um die Zeiten zu überstehen, die dann letztendlich doch nicht so glorreich waren wie von Kaselowsky und vielen anderen erhofft.

Die Treue Kaselowskys, der 1935 zum NSDAP-Ratsherrn berufen und 1942/43 Präsident der Bielefelder Handwerkskammer war, zahlte sich aus: Im Jahr 1937 war Dr. Oetker eines von 30 als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichneten Unternehmen. Wie übrigens auch die ebenfalls in Ostwestfalen ansässige Firma Melitta/Minden.

Bei der Druckerei Grundlach wurden jüdische Mitarbeiter aus dem Betrieb gedrängt und auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Genauso bei den mehrheitlich dem Oetker-Konzern gehörenden Adler Nähmaschinen-Werken, die komplett auf Kriegsrüstungsproduktion umgestellt hatten. Kaselowsky kam 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben. Danach übernahm sein Stiefsohn Rudolf-August Oetker die Firmenleitung. Auch er überzeugter Nazi und obendrein Mitglied der Waffen-SS. Seinen Stiefvater hielt er in Ehren, u. a. dadurch, dass er später einen Tanker der Hamburg-Süd nach ihm benannte.

Die Oetkers, bzw. Kaselowski und Rudolf-August Oetker, zogen – wenn auch vergleichsweise „bescheiden“ – ihren Nutzen aus Faschismus und Krieg: Der Oetker-Spross erwarb sehr günstig eine Villa in bester Lage in Hamburg, deren jüdischer Besitzer deportiert wurde. Später kam das Nachbargrundstück hinzu. Kaselowsky übernahm die Brauerei Groterjan, die vorher jüdische Besitzer hatte. Das war der Beginn des Einstiegs in den Getränke- und Brauereibereich, der heute ein wichtiger Teil der Oetker-Gruppe ist. In der Sparte des ostwestfälischen Pudding-Imperiums stellte laut Wirsching „die Arisierung tatsächlich eine Initialzündung dar.“

Dr. Oetker steigt ins Rüstungsgeschäft ein; klingt nach Herbert Grönemeyer: „Armeen aus Gummibärchen, die Panzer aus Marzipan, Kriege werden aufgegessen…“ Das ist allerdings leider nur ein Wunschtraum. In der knallharten Realität wird der Konzern künftig seinen Profit (wieder) mit dem Leid anderer machen. Es ehrt August Oetker, dass er nach dem Ableben seines Vaters Rudolf-August die dunkle Zeit der Firmengeschichte durchleuchten ließ. Allerdings fragt sich angesichts dieses Deals: mit welcher Intention eigentlich?

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"Der Kreis schließt sich", UZ vom 23. Oktober 2015



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