Der „Unbotmäßige“ wird fehlen

Wiljo Heinen

Eberhard Czichon ist gestorben. Darf man „plötzlich und unerwartet“ schreiben? Noch am 8. August feierte er seinen 90sten mit Familie, Freunden, Genossen. Die Leser dieser Zeitung werden sich an die Würdigung zu diesem Anlass erinnern. Mich erreichte die Nachricht seines Todes am Dienstagmorgen. Plötzlich.

Als Historiker gehörte es zu seinen unverhandelbaren Grundsätzen, seine Forschungen auf Fakten aufzubauen. Dass er dabei seine Ergebnisse auch gegen tatsächliche oder vermeintliche Obrigkeiten verteidigte, war notwendige Schlussfolgerung.

In der DDR forschte er zu den Verflechtungen zwischen Großkapital und faschistischer Macht in Deutschland. Für die Geschichtswissenschaft der DDR kamen seine Ergebnisse zur falschen Zeit, seine Promotionsschrift wurde zurückgewiesen. Eberhard blieb seinen marxistischen Grundsätzen treu, verzichtete auf den Doktortitel.

Mit der Konterrevolution hat Eberhard sein Mäntelchen nicht gewechselt, wie viele seiner Historikerkollegen. Er blieb „der Sache“ und damit sich treu. 1990 wurde er Mitbegründer der „Kommunistischen Plattform“ der PDS, verließ diese Partei 1994 wieder. Bereits 1993 war er der DKP beigetreten.

Er machte seine Erfahrungen mit „Wendehälsen“. Viel zu oft waren es nach 1990 dieselben „Kollegen“, die ihn anfeindeten, wie zuvor – nur standen sie jetzt auf der anderen Seite der Barrikade. Das focht ihn nicht an – er blieb „unbotmäßig“, arbeitete über die Deutsche Bank und die faschistische Macht, über den Ausverkauf der DDR. Den gemeinsam mit Heinz Marohn verfassten „Thälmann-Report“ verrissen sozialdemokratisierte Geschichtsschreiber als „Machwerk“. Fehler konnten sie den beiden nicht nachweisen. Es wunderte uns nicht.

Nach dem Tod seiner langjährigen Lebensgefährtin Ruth zog sich Eberhard aus dem öffentlichen Leben zurück, übersiedelte in ein Wohnheim. Doch solange es ihm möglich war, nahm er am Parteileben in Berlin teil – mit Kraft, Überzeugung und oft feinlistigem Humor.

Nun fehlt er. Plötzlich.

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"Der „Unbotmäßige“ wird fehlen", UZ vom 11. September 2020



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