Impressionisten und die Pariser Kommune

Die Zurückgewiesenen

Klaus Stein

Bevor sich die impressionistischen Maler in Frankreich auf ihre Malweise verständigten, einte sie die Opposition gegen den „Salon“. Diese jährliche Ausstellung war ein feudales Relikt. Sie wurde von der Akademie nach konservativen Gesichtspunkten veranstaltet. Ein bedeutendes Bild hatte ein bedeutendes Thema darzustellen, durch Komposition und klare Linien den akademischen Ansprüchen zu genügen. Die Auswahl war streng. Aber wer Bilder verkaufen wollte, musste hier vertreten sein. „Die herrschenden Kunstverhältnisse, in denen sich die allgemeinen Zustände und auch die oft wechselnden Kräfte- und Interessenkonstellationen verschiedener sozialer und politischer Gruppen widerspiegelten, waren den Freunden der Realität, der Natur und des Lichts in der Regel nicht günstig.“ (Peter H. Feist)
Aber die Kritik daran nahm zu. Und der Drang, solche Kunstverhältnisse zu überwinden. Die Künstler wehrten sich gewissermaßen gegen den Bonapartismus in der bildenden Kunst. Nachdem im Jahr 1863 von 5.000 Werken 4.000 abgelehnt worden waren, war der Tumult kaum noch beherrschbar. Vom Jurypräsidenten, Graf Alfred-Emilien de Nieuwekerke, Oberintendant der Schönen Künste und Direktor der Museen, wird der Satz kolportiert: „Das ist Malerei von Demokraten, von Männern, die ihre Wäsche nicht wechseln und sich der guten Gesellschaft aufdrängen wollen; diese Kunst missfällt mir und ist mir widerlich.“


Was wurde an diesem Tag, dem 30. Juni 1878, gefeiert?
Tags zuvor, am 29. Juni 1878, jährte sich zum siebten Mal die Siegesparade über die Kommune. Man traute sich seinerzeit noch nicht in die Stadt. Das stolze Militär hatte außerhalb von Paris auf der Pferderennbahn von Longchamps paradiert.
1878 sollte ein nationales „Friedensfest“ daran erinnern und die klaffenden politischen Widersprüche kitten. Die Regierung war aber kleinlich genug, keinen Arbeitstag dafür zu opfern. Der 30. Juni war ein Sonntag. Tatsächlich ist ein „Friedensfest“ mit diesem Datum kein zweites Mal gefeiert worden.
Monet war wie seine Kollegen noch immer angewidert durch die blutige Unterwerfung von Paris sieben Jahre zuvor. Und wie wir sehen, hat Monet nicht mitgefeiert. Er hat gearbeitet. In der Rue Montorgueil. In der Straße des Dünkel- oder Hochmutberges (Orgueil = Hochmut, Stolz, Dünkel).
Erst die republikanische Regierung, die aus den Wahlen von 1879 hervorging, hat den 14. Juli, den Jahrestag des Sturms auf die Bastille, zum Nationalfeiertag Frankreichs bestimmt. Er wird noch heute gefeiert.


Aber die Proteste der Zurückgewiesenen erzwangen einen „Salon des Refusés“. Kaiser Napoléon III. selbst lud die Abgewiesenen ein. Darunter waren etliche Vertreter der späteren Avantgarde wie Édouard Manet, Camille Pissarro, Paul Cézanne, die sich aber zunächst mal dem Gespött des Publikums stellen mussten. Landschaften, gar solche, die plein-air, also draußen statt im Atelier, mit lockerem Pinselstrich und in kurzer Frist gefertigt werden, hatten es schwer, konnten sich aber allmählich ihren Platz im „Salon“ sichern. Camille Pissarro gehört zu den ersten Malern, die ihr Augenmerk in impressionistischer Manier auf die Wiedergabe von Licht und Atmosphäre richteten. Er nutzte die Lichtwerte der reinen Farben, indem er Farbflächen in ihre spektralen Bestandteile auflöste, um den beabsichtigten Farbeindruck erst in einer gewissen Entfernung dem Auge preiszugeben: als optische Mischung.

Der Chemiker Eugène Chevreul hatte 1839 „Das Gesetz des Simultankontrasts der Farben“ veröffentlicht. Die Impressionisten nutzten seine Erkenntnisse mittels divisionistischer Techniken zur Aufhellung ihrer Bilder. Wechselnde Lichterscheinungen sind ihr Thema. An die Stelle von Erzählungen treten momentane optische Oberflächenreize. Auch in der Motivwahl scheint ihre sensualistische Malweise vom Positivismus beeinflusst, so, als lasse der Maler nur die unmittelbare und sinnliche Erfahrung gelten. Nur wenige malten so am Ende des zweiten Kaiserreichs.

Die Szene der oppositionellen Künstler war bis auf Ausnahmen republikanisch gesonnen. Linke unter ihnen orientierten sich wie Pissarro an der Theorie Pierre-Joseph Proudhons und gerieten bald unter den Einfluss des Anarchismus. Die Künstler trafen sich ab 1866 regelmäßig donnerstags im Café Guerbois in der Nähe des Place de Clichy. Hier stand Édouard Manet im Mittelpunkt. Auch der linksbürgerliche Journalist Georges Clemenceau beteiligte sich und freundete sich mit Monet an.

Im Juli 1870 ließ sich Bonaparte von Bismarck zum Krieg gegen Preußen provozieren, kapitulierte am 2. September. Frankreich unterlag. Nur Paris wehrte sich nach dem Waffenstillstand vom 28. Januar 1871. Pissarro war dänischer Staatsbürger durch seinen Geburtsort St. Thomas, einer Antilleninsel. Er ging nach London. Ebenso wie Monet, der sich dem Militärdienst entzog. Auch Charles-François Daubigny hielt sich in London auf. Frédéric Bazille fiel als Soldat am 28. November. Cézanne blieb während des Krieges in Aix-en-Provence. Auguste Renoir wurde Soldat in der Etappe in Südfrankreich, hielt sich aber ebenso wie Armand Guillaumin während der Kommune in Paris auf. Berthe Morisot zog sich aufs Land zurück. Ebenso wie Degas.

Degas und Manet waren nach dem Sturz der Monarchie als Leutnants in die Nationalgarde eingetreten, sie gehörten zu den Verteidigern von Paris. Aber nach dem Waffenstillstand vom 28. Januar verließ Manet die Stadt, ging mit seiner Familie in den Süden des Landes und kam erst unmittelbar nach dem Blutmai zurück, nach den 72 Tagen der Kommune, als sich, wie Marx mitteilt, nach dem gewaltigsten Krieg der neueren Zeit die siegreiche und die besiegte Armee zum gemeinsamen Abschlachten des Proletariats verbündet hatten. „Ein so unerhörtes Ereignis beweist, nicht wie Bismarck glaubt, die endliche Niederdrückung der sich emporarbeitenden neuen Gesellschaft, sondern die vollständige Zerbröcklung der alten Bourgeoisgesellschaft. Der höchste heroische Aufschwung, dessen die alte Gesellschaft noch fähig war, ist der Nationalkrieg, und dieser erweist sich jetzt als reiner Regierungsschwindel, der keinen andern Zweck mehr hat, als den Klassenkampf hinauszuschieben, und der beiseite fliegt, sobald der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert. Die Klassenherrschaft ist nicht länger imstande, sich unter einer nationalen Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins gegenüber dem Proletariat!“ (MEW 17, 360 f.)

Aus der Zeit stammt eine Gouache, in der Manet die Darstellung der Soldaten aus der „Erschießung Kaiser Maximilians“ zu einer Barrikadenszene umnutzt, sowie eine Lithographie, ebenfalls unter Verwendung dieses Motivs. Aus diesen Skizzen ist eine größere Arbeit nicht entstanden – wer hätte sie ausstellen sollen?

Monet schrieb im Mai 1871 an Pissarro: „Bestimmt haben Sie von dem Tod des armen Courbet erfahren, der ohne Gerichtsurteil erschossen wurde. Welche Schande für Versailles! Alles ist schrecklich und man wird krank davon. Ich habe zu nichts mehr Lust. Es ist alles entsetzlich.“

Die Hinrichtung Gustave Courbets stellte sich indes als Gerücht heraus.

Nur wenige der Künstler waren wie Courbet während der Kommunetage in Paris geblieben. Courbet war Proudhonist. Als Präsident der Künstlervereinigung galt er als hochrangiger Vertreter der Kommune, wurde der Zerstörung der Vendôme-Säule bezichtigt und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Regierung Thiers verlangte zudem Schadenersatz in Höhe von 335.000 Francs, beschlagnahmte seinen Besitz und überwachte ihn samt Familie und Freunden.

Angesichts nunmehr republikanischer Verhältnisse, nach Krieg und Kommune hatte der „Salon“ an Autorität verloren. Manet immerhin war 1872 wieder mit einem Bild vertreten, mit dem er zum amerikanischen Bürgerkrieg politisch Stellung bezog. Er hatte es unmittelbar nach der spektakulären Versenkung des Konföderierten-Kaperschiffs „Alabama“ durch ein Kriegsschiff der Union vor Cherbourg (Juni 1864) gemalt. Titel: „Seegefecht zwischen der ‚Kearsarge‘ und der ‚Alabama‘“.

Der Angriff war von langer Hand vorbereitet gewesen. Der Kapitän der „Alabama“, Commander Semmes, hatte bis dahin nach eigenen Angaben 65 Handelsschiffe der Nordstaaten versenkt. In der Zeit, in der sein Schiff zwecks Verproviantierung und Überholung im Hafen von Cherbourg lag, ließ er sich von den dortigen Honoratioren feiern.

Manets Kommentar zu diesem Debakel ist deutlich, seine Malweise sicher nicht impressionistisch.

Edouard Manet: Barrikade, 1871

Kunsthandel und Gruppenausstellungen gewannen an Bedeutung. Trotz der Reparationszahlungen Frankreichs an das Deutsche Reich saß das Geld locker. Der Galerist Durand-Ruel kaufte im Januar 1872 alles, was er in Manets Atelier bekommen konnte, auch die anderen Künstler der Szene in Batignolles wurden bedacht. Claude Monet überließ Durand-Ruel im Jahr 1872 mindestens 29 Bilder. Allein Monet nahm damit und durch andere Verkäufe insgesamt 12.000 Francs ein. Der Galerist legte einen dreibändigen Verkaufskatalog mit 300 Exponaten auf. Aber schon im Folgejahr 1873 musste er seine Käufe einstellen, denn er konnte kaum noch mit Gewinnen rechnen.

Grund war die große Wirtschaftskrise des Jahres 1873. Die Regierung des Deutschen Reiches verwendete die französischen Reparationszahlungen vorwiegend zur Tilgung von Staatsanleihen. So floss viel Geld in die Finanzmärkte. Auch die Wiener Börse blähte sich. Private Investoren verlegten sich auf riskante Papiere. Es entstanden Überkapazitäten und Überproduktion. Die Spekulationsblasen platzten am 9. Mai 1873. Die zeitweilige Aussetzung des Börsenverkehrs in Wien gab das Signal zu Crashs in weiteren Finanzzentren.

Die Künstlerszene in Paris zog aus ihrer mittlerweile prekären Lage die Konsequenz, eine Genossenschaft zu gründen. Anfang April 1874, zwei Wochen vor dem Salon, konnte sie ihre Ausstellung eröffnen. 31 Künstler beteiligten sich, darunter viele, deren Namen wir heute nicht mehr kennen. Aber Degas, Monet, Morisot, Sisley, Pissarro, Renoir, Cézanne, Guillaumin, Rouart zeigten charakteristische Exponate in den sieben oder acht Räumen der zwei Stockwerke des Hauses Nr. 35 am Boulevard des Capucines. Manet war nicht dabei, er bevorzugte eine andere Ausstellungsstrategie. Aber es entfalteten sich nunmehr die Möglichkeiten der neuen Gestaltungsweise. Unterdessen wurden die Impressionisten des Kommunismus, als Kommunarden verdächtigt.

Der Schock der Kommune hatte zu einem geistigen Klima geführt, in dem Neuerungen, selbst im Falle einer Umwälzung auf dem Gebiet der Malerei, mit Abscheu und Hass betrachtet wurden.

Nach den Massakern des Mai 1871 spürten die Royalisten zunächst Rückenwind. Staatspräsident Adolphe Thiers wurde am 23. Mai 1873 gestürzt, der Herzog de Broglie Regierungschef und der Kommuneschlächter Marschall MacMahon Präsident.

In dieser Lage konnten demokratische Bestrebungen, auch wenn sie sich auf dem Gebiet der Kunst äußerten, kaum auf Resonanz hoffen. Erst am 21. Januar 1875 erhielten die sogenannten „Einrichtenden Gesetze“, die die Staatsgewalt der Dritten Republik zu organisieren hatten, Rechtskraft.

Die mehrheitlich republikanische Abgeordnetenkammer lehnte 1877 MacMahons Vorschlag eines monarchistischen Kabinetts unter Herzog de Broglie ab. Daraufhin wurde sie aufgelöst und Neuwahlen angesetzt. MacMahon verlor die Wahl und sogar seine Mehrheit im Senat. De Broglie und MacMahon mussten gehen.

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"Die Zurückgewiesenen", UZ vom 24. Dezember 2021



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