Enno Stahls Klon-Roman „Menschmaschinen“

Der Ist-Zustand von morgen

Arbeitsrechte am Arsch. Gegessen werden von den Vielen nur noch 2D-gedruckte Lebensmittelimitate aus geschredderten Krabbelviechern. Nationalstaaten gibt’s nicht mehr, dafür aber den Abbau fossiler Energieträger. Der Arbeitsmarkt ist geflutet von welchen, die in mancher Augen höchstens als Menschenähnliche durchgehen würden. Alles, was ihre Kritikerinnen und Kritiker von links und rechts mal mehr, mal weniger an der Europäischen Union auszusetzen haben, scheint in Enno Stahls „Menschmaschinen“ Wirklichkeit geworden zu sein.

Im Jahr 2053 sieht die Welt, beziehungsweise ihr Ausschnittchen Nordrhein-Westfalen, anders aus und ist doch genau die, die wir kennen: Die Masse balgt sich um die verbliebenen Verdingungsmöglichkeiten, derweil die Grundsicherung nicht zum Leben reicht. Die Gesellschaft ist vollends monetarisiert – einzig der sauer vom Himmel fallende Regen ist noch umsonst, kostet aber. Anders als Karl Kautsky prognostizierte, führt die vorangetriebene Monopolisierung nicht etwa zum weltrepublikanischen Ultra­imperialismus. Stattdessen kampeln sich die Machtblöcke auf höherer Ebene weiter: „Elijah Truss hat den Ton gegen China und den Eurasischen Block verschärft. Er spricht jetzt von Krieg … Noch ist damit ein erweiterter Handelskrieg gemeint, so vermutet man. Doch an den Außengrenzen zwischen den Vereinigten Staaten/Kontinent Amerika und dem Pan-Chinesischen Imperium soll es zu vereinzelten Scharmützeln gekommen sein, berichtet eine Korrespondentin, die sich in der afrikanischen US-Enklave Tunesisch-Libyen aufhält. Beide Seiten dementieren das. Die Brüsseler Kommissionspräsidentin äußerte ihre Besorgnis, erinnert an den Pazifischen Konflikt vor dreiundzwanzig Jahren, der im letzten Augenblick, bevor er zu einem echten Krieg ausarten konnte, durch eine diplomatische Initiative der Europäer befriedet wurde. Eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den USA und China würde die Erde nicht überleben.“

Dauerpubertäre Griesgrame werden fragen, ob ein Weltuntergang denn überhaupt so schlimm sei. Schließlich wären dann auch alle Sorgen und deren Verursacherinnen und Verursacher fort. Wird die ganze Erde versenkt, dann säuft Little Saint James mit ab. Reichtumsverwahrlosten Epsteins und Co. würde auf Kosten der Chance auf Aufhebung der Verhältnisse ein Strich durch die Rechnung gemacht. „Drum besser wär’s, dass nichts entstünde“, wie Goethe den Mephistopheles negative Dialektik zusammenfassen ließ, derer sich später die Frankfurter Schule annahm und mit der heute linke Abendlandverteidiger ihre Schindluder treiben, um den Feldzug gegen allerlei hautfarblich markierte Gefahren zu protegieren.

In „Menschmaschinen“ entsteht nichts und geht nichts unter; alles west vor sich hin: Der halbseidene Privatdetektiv Berlinguer soll für ein stinkreiches Paar das nie ausgelieferte Klonkind ausfindig machen. Die könnten sich auch gut ein neues Baby im Labor ziehen lassen und scheinen selbst nicht gerade Helikoptereltern zu sein, aber Berlinguer nimmt den einträglichen Job selbstverständlich an. Stahl bedient sich des Kniffs in der Science-Fiction, Figuren in eine Welt zu werfen, die sie lernen zu verstehen und mit denen man mitversteht, gleich doppelt: Neben dem Ermittler, der in die Tiefe einer Realität eintaucht, in der sich Retortenkonzerne kampeln und der Kölner Dom seinen Sponsorennamen von Huawei bekommen hat, gibt es da noch Marcos. Der 20-Jährige leidet unter einem beträchtlichen Gedächtnisverlust und muss folglich seine Erinnerungen neu aufstocken, um weniger fremd in der eigenen Welt zu sein.

Der Erzählmodus ist oft geprobt, entstammt wie die Menschenduplikate in Stahls Roman einer Legion „künstlicher Gebärmuttern“, wie der Autor es nennt, einen im Unklaren lassend, ob der Plural als falscher von Gebärmutter eine witzige Fehlleistung oder ein geschieftes Sprachbild ist.

Auch wenn die keineswegs unvorstellbare Verlängerung des Elends in die Zukunft neben allem Grauen auch parodistisch-drollig daherkommt, reicht Enno Stahl mit „Menschmaschinen“ nicht an Charme und Witz von Philip K. Dick heran. Bei Dick wissen es die Menschen meist besser, tun aber, wie es die Umstände von ihnen verlangen. Wenn bei Stahl der chinesische Kolonialverwalter zu chauvinistisch und faul ist, um Deutsch zu lernen, und auch anderes Personal weniger weiter weiß als die Leserschaft, liegt der Verdacht nahe, dass die Menschheit in drei Jahrzehnten vor Blödheit kaum noch auf zwei Beinen stehen kann. Dann hätte Mephistopheles doch recht und Faust nicht. So weit sollte es nun wirklich nicht kommen.

Enno Stahl
Menschmaschinen
Parasitenpresse, 222 Seiten, 18 Euro

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"Der Ist-Zustand von morgen", UZ vom 29. Mai 2026



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