Digitalkapitalismus

Lucas Zeise zu den Gewinnen der großen Internet-Konzerne

Lucas Zeise

Lucas Zeise

Seit es das Internet gibt, scheint sich der gute alte Kapitalismus noch einmal verändert zu haben. Er heißt jetzt „digitaler Kapitalismus“. In ihm scheinen früher gültige ökonomische Gesetze nicht mehr zu gelten. Zum Beispiel das Wertgesetz. Es besagt, dass Waren (und Dienstleistungen) der Tendenz nach gemäß der zu ihrer Herstellung erforderlichen Arbeitszeit getauscht werden. Auch der bürgerlichen Ökonomie zufolge gibt es (im Regelfall) nichts umsonst, sondern es müssen die Kosten zur Produktion und Bereitstellung der Waren und ein kleiner, aber wichtiger Aufschlag (der Gewinn) dazu hereingespielt werden.

Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts scheinen die Grundregeln der Warenproduktion nicht mehr durchweg zu gelten. Dienstleistungen rund um das Internet werden umsonst feilgeboten. Der E-Mail-Account, der schon Teil meiner Identität als Mensch und Autor geworden ist, wird gratis für mich auf dem Laufenden gehalten, und die Jungunternehmen „Twitter“ und „Facebook“ stellen Netzwerke zum allgemeinen Austausch von Nettigkeiten zur Verfügung. Im digitalen Kapitalismus fällt noch etwas anderes auf. Die „Wertschöpfung“ hängt scheinbar nicht mehr mit der Arbeit zusammen. Der Umsatz von Google und Facebook ist nur ein klein wenig höher als der Gewinn. Er wird mit ganz wenigen Angestellten produziert, die ohnehin nur in der Entwicklungs- oder der Marketing-Abteilung arbeiten, also dem verkauften Produkt keinerlei Verarbeitung oder Wert zusetzen. Die Internet-Konzerne beuten also nicht mehr Arbeitskräfte aus wie die gemeinen Kapitalisten sondern beuten statt dessen wie Rohstoffe die Daten aus, die wir ihnen als Nutzer bereitwillig zur Verfügung stellen. So lautet eine gelegentlich formulierte kühne These zur Wirkungsweise der Digitalökonomie.

Die sieben wertvollsten Unternehmen an der Börse sind allesamt solche Internet- oder Digitalunternehmen. Nur eines – Apple – verkauft auch Hardware. Ein anderes – Microsoft – ist der weltweite Software-Monopolist schlechthin. Die anderen fünf – Alphabet/Google, Amazon, Facebook und die beiden chinesischen Alibaba und Tencent Holding – sind in erster Linie nicht Produzenten und Entwickler der Technik, sondern Anwender.

Das Gemeinsame dieser sieben ist, dass sie außerordentlich hohe Gewinne aufweisen und dass die Spekulanten dieser Welt ihnen zutrauen, auch in Zukunft stolze Gewinne einzufahren. Der Satz ist trivial, aber er führt direkt zum nächsten: Die hohen Profite sind – vielleicht ist auch das trivial – Ergebnis eines Monopols. Das Wort Monopol ist hier im Sinne der bürgerlichen Ökonomie gemeint: der (fast) einzige Anbieter in einem Markt zu sein, der deshalb besonders hohe Preise verlangen kann. Das ist bei Microsoft besonders offensichtlich. Alibaba und Tencent, Facebook und Google sind Unternehmen der Werbebranche. Auch ihre enorm hohe Profitabilität entstammt ihrer Monopolstellung. Das Monopol ist von der Art, wie es vormals die einzige Tageszeitung in einer deutschen Provinzstadt innehatte. Wer in der Stadt eine Information unter die Leute bringen wollte, kam an der lokalen Tageszeitung nicht vorbei. Er musste dort inserieren. Google und Facebook sind solche Werbemonopole. Ihre kostenlose Dienstleistung entspricht dem, was früher die lokale Tageszeitung an Information bereithielt und was in den Anzeigenblättchen auch heute noch kostenlos mitgeliefert wird. Nur umfasst das Monopol von Google und Facebook heute statt einer Provinzstadt den Globus.

Der Extragewinn, der sich aus der klassischen Monopolstellung ableitet, speist sich auch aus dem Mehrwert, aber typischerweise aus dem, den andere Kapitalisten den von ihnen ausgebeuteten Arbeitskräften abpressen. Alle sieben Börsenriesen verfügen außerdem mindestens über eine weitere Profitquelle. Es ist ihre schiere finanzielle Potenz. Wir haben es bei ihnen mit einer Art Fonds zu tun, die das in Hülle und Fülle hereinkommende Geld dazu verwenden, andere Unternehmen oder Teile davon zu erwerben. Es ist diese Geschäftstätigkeit, die Rudolf Hilferding und Wladimir Lenin dazu veranlasst hat, vom Finanzkapital als Form des Monopols zu sprechen. Apple und die anderen sechs Börsenwunder sind Monopole im bürgerlichen und im Leninschen Sinn.

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Über den Autor

Lucas Zeise (Jahrgang 1944) ist Finanzjournalist und ehemaliger Chefredakteur der UZ. Er arbeitete unter anderem für das japanische Wirtschaftsministerium, die Frankfurter „Börsen-Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“. Da er nicht offen als Kommunist auftreten konnte, schrieb er für die UZ und die Marxistischen Blättern lange unter den Pseudonymen Margit Antesberger und Manfred Szameitat.

2008 veröffentlichte er mit „Ende der Party“ eine kompakte Beschreibung der fortwährenden Krise. Sein aktuelles Buch „Finanzkapital“ ist in der Reihe Basiswissen 2019 bei PapyRossa erschienen.

Zeise veröffentlicht in der UZ monatlich eine Kolumne mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik.

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"Digitalkapitalismus", UZ vom 19. Januar 2018



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