Jahrzehnte im Panzerschrank, jetzt im Internet: Archiv über faschistische Verbrechen in Italien

Dokumente online

Von Gerhard Feldbauer

Jahrzehntelang hatten die Akten versteckt in einem Panzerschrank im Hauptquartier der italienischen Militärjustiz gelegen. 1994 waren sie gefunden worden – die Medien schrieben von „einem Aktenschrank der Schande“. Die 900 Bände mit 30 000 Aktenseiten dokumentieren die Brutalität, mit der Wehrmacht und SS, unterstützt von Mussolinis Schwarzhemden, gegen Partisanen und Zivilisten vorgegangen waren. Sie waren verborgen worden, um die Kollaboration italienischer Faschisten und Militärs des „Duce“, die nach der Befreiung wieder gegen die Kommunisten in Stellung gebracht wurden, unter den Teppich zu kehren. Nun hat das italienische Parlament dieses Archiv ins Internet gestellt.

Die Dokumente zeigen das Schicksal von 15 000 Menschen. Sie sind eine Chronik über Geiselerschießungen, das Niederbrennen von Dörfern, Mord und Folter wofür Beispiele stehen wie die Ardeatinischen Höhlen bei Rom (im März 1944 wurden hier 335 Geiseln durch Genickschuss ermordet), die Gemeinde Marzabotto (1 830 Bewohner wurden im September 1944 viehisch umgebracht) oder der Fall des SS-Henkers von Mailand, Hauptsturmführer Theodor Savaecke, in Italien verantwortlich unter anderem für die Ermordung von über 2 000 Juden und Widerstandskämpfern. Die Dokumente erinnern daran, dass die Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik nie zur Verantwortung gezogen wurden und ihre Auslieferung nach Italien verweigert wurde, wenn dort vor Gericht über sie verhandelt wurde. Dazu wurde 1949 bei Gründung der BRD auf persönliches Betreiben Adenauers in den Artikel 16 des Grundgesetzes aufgenommen: „Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden“.

Unter den 15 000 Opfern sind italienische Militärs und selbst Mitglieder der Königsfamilie, darunter die in den Ardeatinischen Höhlen ermordeten Generäle Simoni, Fenulli und Castaldi sowie Oberst Montezemolo, die antifaschistische Positionen bezogen hatten. Marfalda von Savoyen, Tochter Vittorio Emanueles III., die sich 1943 am Sturz Mussolinis beteiligte, wurde auf Hitlers Befehl ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, wo sie ums Leben kam.

„La Repubblica“ hebt das Verbrechen von Sant‘Anna di Stazzema hervor, wo von der 16. Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ unter dem Kommando des Obersturmbannführers Walter Reder im Herbst 1944 560 Einwohner, alles Zivilisten, darunter 120 Kinder und acht schwangere Frauen, niedergemetzelt wurden. Das jüngste Opfer zählte drei Monate, das älteste 86 Jahre. Es wurde nach einem Befehl Hitlers verfahren, auch auf Frauen und Kinder „rücksichtslos zu schießen“. Einer Schwangeren wurde der Leib aufgeschnitten und der Fötus herausgerissen. 150 Menschen wurden auf dem Kirchplatz mit zwei Maschinengewehren und Handgranaten regelrecht hingeschlachtet, anschließend mit Benzin übergossen und angezündet, um die Leichen bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln.

Bundespräsident Gauck, der 2013 die Gedenkstätte besuchte, hatte die Stirn, zur Tolerierung dieser barbarischen Verbrechen durch die bundesdeutsche Justiz zu sagen: „Im Fall des Massakers von Sant‘ Anna reichten die Instrumente des Rechtsstaates nicht aus, um Gerechtigkeit zu schaffen“

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"Dokumente online", UZ vom 26. Februar 2016



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