Raketenalarm und Olympia-Diplomatie

Ein bisschen Psychoterror gefällig?

Samstagmorgen, ab 8.07 Uhr war Hawaii im Atomkrieg. Über die Bildschirme der Massenmedien, auf allen Smartphones kam die Warnung: „Das US-Pacific Command hat eine Raketenbedrohung für Hawaii entdeckt. Die Rakete wird binnen Minuten an Land oder zur See einschlagen. DAS IST KEINE ÜBUNG. (…) Suchen Sie sofort Schutz in einem Gebäude. (…) Handeln Sie sofort.“ Die Warnung kam vom „Integrated Public Alert & Warning System“ (IPAWAS) des Heimatschutzministeriums, war also amtlich.

Was im Ernstfall passiert ist tausendfach geübte Routine. Es geht um Sekunden. Zielerfassung. Das Abfangarsenal muss sofort abschussbereit sein, der Gegenschlag sofort gestartet werden, die Doomsday-Maschine des US-Präsidenten Donald Trump und seine Notfallcrew an Bord nehmen usw.

Soweit bekannt, passierte nichts dergleichen. Nach 38 Minuten Atomkriegsalarm soll irgendjemandem aufgefallen sein, dass da wohl „jemand den falschen Knopf gedrückt“ hat. Natürlich weiß nicht nur das Pentagon, was im Ernstfall zu passieren hat. Chinesen, Russen und Nordkoreaner wissen es auch. Bis zum möglichen Gegenschlag auf ihr Territorium kann es sich um Minuten handeln.

Die Situation erinnert an das Nato-Manöver „Able Archer“ im Jahr 1983, welches in der Phase der massiven atomaren Aufrüstung unter Ronald Reagan derartig provokativ-realistisch den Atomkrieg – genauer gesagt, den atomaren Erstschlag – simulierte, dass die sowjetische Seite jederzeit mit einem realen Angriff rechnen musste. Nach einem Fehlalarm des sowjetischen Frühwarnsystems war es nur dem besonnenen, aber regelwidrigen Handeln des Oberstleutnants Stanislaw J. Petrow zu verdanken, dass die menschliche Spezies in der heutigen Form und Ausdehnung noch existiert.

Das alles dürfte auch der südkoreanischen Führung bewusst sein. Sollte aus einem Fehlalarm Ernst werden, steht nicht nur die Existenz der demokratischen Volksrepublik (KDVR), sondern auch Südkoreas auf dem Spiel. In der Vergangenheit hatte es wiederholt Versuche beider Seiten zur Entspannung der Lage gegeben. Die „Sonnenscheinpolitik“ des Südens war allerdings von George W. Bush so nachhaltig ruiniert worden – die KDVR fand sich 2001 auf der „Achse des Bösen“ wieder –, dass Pjöngjang angesichts der Ereignisse in Irak und Afghanistan keinen anderen Ausweg mehr sah, als sein zwischenzeitlich stillgelegtes Atomprogramm erneut hochzufahren.

Nun, da Pjöngjang hat glaubhaft machen können, dass es über entsprechende weitreichende Fähigkeiten verfügt, scheint der KDVR-Führung die Zeit für einen neuen Versuch reif zu sein. In seiner Neujahrsansprache hatte Kim Jong-un sich für eine Entspannung der innerkoreanischen Konfrontation, für den Willen und das Ziel zur Wiedervereinigung ausgesprochen und die Teilnahme von KDRV-Athleten an den Winterspielen 2018 in Pyeongchang signalisiert. Seoul hatte umgehend reagiert und binnen kürzester Zeit hatten die in Panmunjeon geführten Gespräche insofern Erfolg, als dass sie überhaupt stattgefunden haben. Zum ersten mal seit zwei Jahren. Ob es tatsächlich zum Einsatz von KDRV-Athleten oder beispielsweise der bekannten Moranbong-Band („My Country is the best!“) kommt, hängt nicht nur von beiden koreanischen Staaten ab.

Die USA und auch Deutschland sowie weitere Staaten des „Freien Westens“ machen sich für eine Steigerung des ökonomischen und militärischen Drucks gegen „den Irren von Pjöngjang“ stark. Trotz oder vielleicht auch wegen der innerkoreanischen Annäherung. Hier dürfte auch „der falsche Knopf“ angesiedelt sein. Selbst wenn die gigantischen Militärmanöver der USA und Südkoreas während der Spiele ausgesetzt werden sollen, stellen die Armada der drei Flugzeugträger-Kampfgruppen, die strategischen Bomber, U-Boote und die Einkreisung durch US-Stützpunkte ein schwer erträgliches Damoklesschwert für die KDRV dar. Die zunehmend verschärfte ökonomische Strangulierung tut ihr Übriges. Inwieweit Kims Olympia-Diplomatie Erfolg haben kann, wird entscheidend auch von der Haltung Pekings und Moskaus abhängen.

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"Ein bisschen Psychoterror gefällig?", UZ vom 19. Januar 2018



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