Noch ein Brasch-Film im Kino

Ein instrumentalisierter Held

Ein „lieber Thomas“, wie es der Filmtitel verspricht, ist der Titelheld von Andreas Kleinerts neuem Spielfilm in keiner der rund 150 Filmminuten. Schon in der ersten davon machen Kleinert und sein Drehbuchautor Thomas Wendrich überdeutlich, wie sie ihr Idol sehen: in einer die komplette Leinwand füllenden Nahaufnahme fährt eine Hand mit einem Stift schreibend über einen nackten Frauenkörper, bis dieser vollständig bekritzelt ist – der Autor, Regisseur, Filmemacher und Dichter Thomas Brasch (1945 bis 2001) als manischer Schreiber und notorischer Frauenschwarm und Liebhaber, den stets eine Aura von Genialität und Träumerei umgibt. Sie tun dies mit einer Radikalität und Kühnheit, die den Zuschauer herausfordert und andere Sichtweisen („Brasch – Das Wünschen und das Fürchten“ oder zuletzt Annekatrin Hendels „Familie Brasch“) als handzahme Übungen erscheinen lässt, gerade so, als könnte nur der Skandal ihren früh verstorbenen Filmhelden vor dem Vergessenwerden bewahren.

Auch formal fällt Kleinerts Film buchstäblich aus dem Rahmen mit seiner überlangen Laufzeit und dem von Kameramann Johann Feindt perfekt eingesetzten Traumformat Schwarzweiß/Breitwand, das dem häufig abrupten Wechsel der Erzählebenen die Schärfe nimmt und Archivmaterial und Traumsequenzen nahtlos integriert. Ansonsten setzt Kleinert wie in seinen früheren Filmen auf feste, erprobte Arbeitsbeziehungen.

Mit Wendrich, wie er selbst Absolvent der Babelsberger Filmuniversität „Konrad Wolf“, arbeitete er schon 2007 an seinem ersten Kinofilm „Freischwimmer“. An der Kamera auch dort Johann Feindt, der sich besonders mit Dokfilmen in Scharzweiß hervorgetan hat und für Kleinert die Bildgestaltung etlicher TV-Filme und Serienepisoden besorgte („Polizeiruf 110“, „Tatort“ et cetera.).

Solche Team-Kontinuität hat Kleinert eine stabile Karriere vor allem im Fernsehen gesichert und aus manchen seiner Darsteller Shootingstars gemacht, darunter auch Albrecht Schuch und Jella Haase. Nach „Systemsprenger“ und seinem Superhit „Babylon Berlin“ besetzt er die beiden erneut mit Hauptrollen: als Thomas Brasch beziehungsweise dessen Freundin Katarina. Das deutet auf „Nestwärme“ am Set, und die ist nicht immer ein Gewinn. Die Produzenten, die das Projekt seit neun Jahren planten, bekennen im Presseheft: „Albrecht Schuch war unsere erste Wahl.“ Ob er auch die des Regisseurs war, erfährt man nicht. Sechs Spielfilme und einige Serienepisoden innerhalb der letzten zwei Jahre sind ein heftiges Pensum für den 36-jährigen, von den Medien umschmeichelten Frauenschwarm Schuch, der nun unter einer schwachen Regie dem Affen Zucker geben und an seinem Star-Image basteln darf: die Dialoge geben ihm stets das letzte Wort. Einzig Jörg Schüttauf als Thomas’ Vater (in einer Nebenrolle auch als Erich Honecker zu sehen) hat ein paar differenzierte Szenen. Die oft wechselnden Frauenfiguren sind mehr oder weniger Beiwerk und bleiben durchweg ohne Profil. Die Wirkung der als Kapitelteiler eingesetzten Zeilen aus seinem Stück „Der Papiertiger“ verblasst neben seinen sehr hautverliebten Heldenbildern.

Es sei „die Zeit gekommen, das Ost-West-Thema für eine Generation zu erzählen, die das selbst gar nicht mehr erlebt hat“, meint Kleinert im Interview – und bedient diese mit recht beliebigen Genrebildern aus heutigen Horror- und Science-Fiction-Filmen. Das reaktionäre Frauenbild, das seinen Film durchzieht, wird mindestens dem östlichen Teil seines Publikums recht fremd vorkommen. In der kapitalistischen Welt gilt die Devise „Sex sells!“ – besonders gepaart mit DDR-Demontage.

Lieber Thomas
Deutschland 2021
Regie Andreas Kleinert
Buch Thomas Wendrich
Mit Albrecht Schuch, Peter Kremer, Jella Haase und anderen
Im Kino

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Über den Autor

Hans-Günther Dicks (Jahrgang 1941), Mathematiklehrer mit Berufsverbot, arbeitet seit 1968 als freier Film- und Medienkritiker für Zeitungen und Fachzeitschriften, für die UZ seit Jahrzehnten.

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"Ein instrumentalisierter Held", UZ vom 19. November 2021



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