Volker Müllers Essayband „Piranhas für den Ehemann“

Ein Kaleidoskop ostdeutschen Kunstlebens

Wie ernst ein Buch genommen wird, ist häufig zufällig. Bücher außerhalb der Zentren haben weniger Chancen, die Aufmerksamkeit der Kritik zu bekommen, so wie das vorliegende. Dabei ist sein Verfasser ein arbeitsamer, vielseitiger und engagierter Autor. Dass er auch an wesentlichen politischen Bewegungen unserer Zeit Anteil genommen hat, rundet das Bild. Aber die Kritik hat den Autor Volker Müller noch nicht richtig entdeckt. Dabei ist der unterhaltsame, Bildung und mannigfaltige Unterhaltung vermittelnde neue Band des Trägers des Vogtländischen Literaturpreises von 2018 eine Folge der umfangreichen kulturpolitischen und künstlerischen Tätigkeit des Autors und bietet ein vielfältiges Bild des ostdeutschen Literatur-, Theater-, Musik- und Kunstlebens; selbst die Bildende Kunst wird zum Thema des Kritikers (Auguste Rodin, Paul Klee, Ernst Barlach, aber auch Wolfgang Mattheuer). Der Kritiker, praktizierender Schriftsteller und Musiker, ist Wegbegleiter zahlreicher Schriftsteller und Künstler sowie Chronist seiner Epoche geworden, in der er – der ostdeutsche – zu einem gesamtdeutschen Schriftsteller werden sollte. Seine Bücher – Romane, Erzählungen, Schauspiele, Essays – sind dafür Ausweis genug.

Hinzu kommt die Einbindung Volker Müllers in die Traditionen und Interessen der vogtländischen Kunst und Literatur. Seine ästhetisch-künstlerischen Leidenschaften wirken sich wohltuend auf sein Wirken als Kritiker und Feuilletonist aus; der Literatur- und Musikkritiker wird ebenso erkennbar wie der Musiker und Schriftsteller, und das ist selten. Zur Landschaft und ihren Menschen werden neben Informationen über Kunst, Musik und Literatur Eindrücke von Landschaft und Natur vermittelt; überraschend sind die harmonischen Verbindungen von Landschaft, Menschen, Kunst und Kultur, die er aufspürt. Historische Beispiele sind vertreten: Robert Schumann ist – neben Schostakowitsch im „Kleinen Dmitri-Schostakowitsch-Zyklus“ (2018), auch mit Gedichten Müllers – für den Feuilletonisten eine Lieblingsgestalt der Musik wie in der Literatur Fontane, Tschechow und andere. Der Prinzipalin Friederike Caroline Neuber, genannt die Neuberin, widmete er ein Feuilleton, das die Leistungen dieser Frau benennt, die sich nicht auf die Vertreibung des Harlekins beschränkte, zumal das ihrer Schauspieltruppe schadete und nicht durchgehalten werden konnte. An anderer Stelle geht er auf den Ostthüringer Bildhauer Volkmar Kühn ein und dessen Wirken im Kloster Mildenfurth seit 1993, das inzwischen durch die Tätigkeit einer engagierten Arbeitsgruppe unter der Leitung des Zahnarztes Sebastian Schopplichs Bedeutung auch für die Literatur bekommen hat, ohne dass dies überregional gebührend gewürdigt wird. Der Kritiker beobachtet nicht nur die gehobene Kunst und Literatur – die E-Kunst –, sondern ist mit gleichem Engagement auch bei der U-Kunst, dem Schlager und wirkungsvoller Volksmusik, wie sie im besten Fall Landschaft und Bevölkerung einprägsam repräsentiert.

Ein besonderes Kennzeichen der Arbeiten ist, dass man, wie schon in früheren Publikationen, Volker Müller als Kenner wesentlicher Literatur der Wendezeit um 1989 kennenlernt. Diese Beiträge sind informierend und kritisch würdigend, doch leider vorwiegend auf Personen konzentriert. Dabei ist Müller in seinen Fähigkeiten und seiner Beteiligung für eine Gesamtdarstellung der im Vogtland sehr auffälligen Literatur im Umfeld der Wendezeit geeignet; man wünscht sich als Leser den Versuch einer kritischen Übersicht zu dem Prozess, der sich in der ostdeutschen Literatur der Kunze, Fuchs, Ullmann, Rathenow, Biermann, Schlesinger und so weiter vollzog. Auch der schillernde Manfred „Ibrahim“ Böhme, den Müller einen „bizarren Helden“ nennt, gehört in diese Reihe.

Im Bericht „Kein guter Tag für die Literatur“ (1998) über eine Begegnung mit Peter Glotz in der Greizer Reihe „Prominente im Gespräch“ wird nicht nur deutlich, dass auch Prominente über Dinge reden, die sie nicht kennen, sondern auch, wie notwendig die Kenntnis des Umstrittenen ist, in diesem Fall die Kenntnis von dieser ostdeutschen Literatur um 1989, die damals bei den neu einziehenden Sprechern nicht oder nur sehr einseitig vorhanden war und Zweifel sind erlaubt, ob sie je gekommen ist.

Volker Müller wird besonders interessant dadurch, dass er sich selbst auch zu Korrekturen veranlasst sieht und darüber in Briefen an literarische Partner nachdenkt. Dabei korrigiert er auch eigene Ansichten. So sah er den Dichter Reiner Kunze zeitweise als „den vielleicht bedeutendsten lebenden deutschen Lyriker“, obwohl er das mit kritischen Elementen in seinen Betrachtungen verbindet. Müllers Überlegungen sind zudem einleuchtend: Superlative dieser Art sind misslich und eignen sich allenfalls als privates Bekenntnis. Vorsicht gehört sich deshalb, weil Kunzes Dichtung ein schillerndes Bild gegensätzlichster Möglichkeiten bietet. Bis 1968 verwendete er in seiner Lyrik Metaphern und poetische Konstruktionen, die sich so in der Lyrik sozialistischer Dichter finden – besonders deutlich bei Brecht und Becher, aber auch bei Uwe Berger und Max Zimmering – und die die Zukunftshoffnung und Erwartung an eine freundliche Entwicklung ausdrückten. Nach 1977 wurden seine Gedichte knapper, die Verdichtung nahm zu und führte bis an die Grenze des Verständlichen, aber auch des Akzeptablen. Für Müller wäre förderlich, nicht nur den Gebrauch von Superlativen sehr kritisch zu prüfen, sondern auch ungenaue Attribute durch treffende Partikel zu ersetzen. Dazu ist ihm, dem Vielbelesenen und oft Beteiligten an den kunst- und kulturpolitischen Ereignissen in Greiz und Umgebung, die Zeit für die Erinnerungen zu wünschen. Was bereits vorliegt, lässt hoffen und der kritischen Betrachtung dessen, was seit 1989 geschah, bedürfen wir dringend.

Bücher werden besprochen, Sammlerleidenschaften beschrieben – oft sind es echte Entdeckungen, wie Inge und Volkmar Häußler, die sich Brecht in der Buchkunst lebenslang widmeten. Manches ist für den Augenblick entstanden und hatte damals Bedeutung. Anderes ist aktuell wie damals, so wenn im Feuilleton „Der Schriftsteller als Wahlkämpfer“ ein Wahlkampfauftritt 1998 von Günter Grass beschrieben wird, auf dem er Forderungen an seine Partei, die SPD, stellte, die den heute regierenden Sozialdemokraten vor Augen gehalten werden sollten: „Rüstungsaufträge stornieren“, eine Verfassung für das vereinigte Deutschland usw. Seltener wird Humor bedient; das dem Band den Titel gebende Feuilleton „Piranhas für den Ehemann“ (2013) gehört dazu. Es beschäftigt sich mit Karikaturen von Franziska Becker, einer Mitarbeiterin der „Emma“, ausgestellt im Sommerpalais Greiz (2013). Die Besprechung wird eröffnet mit der grundsätzlichen Frage: „Was ist das Wesentliche?“ Bezogen auf den Band lässt sich manches darunter versammeln.


Volker Müller
Piranhas für den Ehemann
Essays, Aufsätze, Betrachtungen (II)
Leipzig, Engelsdorfer Verlag 2022, 358 S., 17,90 Euro.


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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Ein Kaleidoskop ostdeutschen Kunstlebens", UZ vom 2. Dezember 2022



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