Zum 90. Geburtstag von Raúl Castro

Ein Leben für den Sozialismus

Neben seinem im November 2016 verstorbenen älteren Bruder Fidel hat Raúl Castro die Geschichte Kubas und Lateinamerikas wie kein anderer Politiker geprägt. Während westliche Medien die durch keine Wahl legitimierten Monarchen zahlreicher Länder ohne Scham als „Staatsoberhäupter“ hofieren, bezeichneten sie Raúl Castro, der nach jeweils zwei Amtsperioden von sich aus nicht erneut für die Ämter des KP-Vorsitzenden und des Präsidenten der Republik kandidiert hatte, als „Diktator“. Diese Stigmatisierung sagt jedoch mehr über Doppelmoral und Demokratieverständnis im Westen als über Leben und Wirken des kubanischen Ex-Präsidenten aus. Am 3. Juni begeht der Kommunist, Comandante der Revolution und Staatsmann Raúl Castro Ruz seinen 90. Geburtstag.

Sein politisches Engagement begann rund 70 Jahre zuvor, als der junge Student erste Kontakte zu Oppositionsgruppen und zum Kommunistischen Jugendverband aufnahm. „Raúl war damals schon ziemlich links“, sagte Fidel über seinen Bruder, der überzeugt davon war, dass tatsächliche Veränderungen in Kuba nur durch eine Revolution herbeigeführt werden könnten. Den Putsch des US-freundlichen Diktators Fulgencio Batista am 10. März 1952 empfand er als Bestätigung seiner Kritik am bourgeoisen Staat und unterstützte Fidels Plan, eine radikale Organisation aufzubauen, um Batista gewaltsam zu stürzen. Nach dem gescheiterten Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba und eine weitere in Bayamo, der trotz der militärischen Niederlage als Startsignal für die Kubanische Revolution gilt, baute Raúl nach Haft und Begnadigung im mexikanischen Exil an der Seite Fidels und Che Guevaras den Kern einer Guerillatruppe auf, die am 2. Dezember 1956 mit der Motor­yacht „Granma“ in Kuba landete, um das Land von der Diktatur zu befreien. Als Fidel Castro nach dem Sieg der Rebellen Informationen über ein geplantes Attentat erhielt, schlug er Raúl – im Falle seines Todes – als Nachfolger vor, weil dieser dafür stehe, dass der revolutionäre Prozess auch dann fortgesetzt werde. Schon in Mexiko hatte der spanische Volksfront-General Alberto Bayo – als Ausbilder der Guerilleros – Raúl als „Koloss zur Verteidigung revolutionärer Prinzipien“ bezeichnet. „Wenn wahnsinnige Mörder eines Tages das Leben Fidels auslöschen und denken, dass sie dadurch die Revolution besiegen, dann haben sie nicht die leiseste Ahnung von dem Mann, der dann die Fackel aufgreift. Raúl ist Fidel mal zwei, Raúl ist gehärteter Stahl“, charakterisierte der General seinen Schüler.

Diese Einschätzung rechtfertigte Raúl Castro, der – mittlerweile im Rang eines Armeegenerals – am 2. Februar 1959 vom Ministerrat zum Vertreter des „Comandante en Jefe“ und Stellvertretenden Oberbefehlshaber der Land-, Luft- und Seestreitkräfte ernannt worden war, in den folgenden Jahrzehnten. Als jüngster Verteidigungsminister der Welt baute er neben den Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR) Volksmilizen auf, die sich als das „bewaffnete werktätige Volk“ verstehen und auch andere Aufgaben, zum Beispiel in der Alphabetisierungskampagne, übernahmen. Seine frühen Kontakte zur Sowjetunion erwiesen sich als hilfreich, als die USA Kuba mit der CIA-Invasion in der Schweinebucht, in der Raketenkrise und der mittlerweile seit 60 Jahren verhängten Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade angriffen. Trotz der Bedrohung des eigenen Landes unterstützten Freiwillige der von Raúl Castro geleiteten Streitkräfte andere Regionen bei der Befreiung vom Kolonialismus und trugen entscheidend zur Unabhängigkeit Angolas und Namibias sowie zum Ende des Apartheid­regimes in Südafrika bei. Als 1991 die letzten kubanischen Truppen aus Afrika zurückkehrten, hatte in den sozialistischen Ländern Osteuropas eine Konterrevolution stattgefunden und die Sowjetunion stand vor ihrer Auflösung. Vorausschauend hatte Raúl Castro die Spitzen von Partei, Regierung und FAR bereits im April 1990 zusammengeholt, um das Land angesichts der neuen Lage überlebensfähig zu machen. Er wies den Streitkräften Aufgaben zur Unterstützung der Landwirtschaft, des Tourismus und der staatlichen Betriebe zu und erklärte den FAR-Angehörigen, dass es jetzt ihre erste Pflicht sei, „den Leuten zu essen zu geben“. Auf einer Truppenversammlung sagte er: „Heute sind Bohnen wichtiger als Kanonen.“ Die Verteidigung des Landes wurde zugleich auf die „Militärdoktrin des allgemeinen Volkskrieges“ umgestellt. Damit schuf Raúl entscheidende Voraussetzungen für das Überleben der Kubanischen Revolution in der Zeit der „Sonderperiode“.

Am 31. Juli 2006 übertrug der erkrankte Fidel alle Ämter und Funktionen auf eine Gruppe von sieben Personen, die von Raúl geleitet wurde. Durch ihn sei das Land „auf seine Verteidigung vorbereitet worden“, versicherte Fidel. Am 24. Februar 2008 wählte das Parlament Raúl Castro zum Vorsitzenden des Staats- und Ministerrats. Er „übernahm die Führung in einer schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation. In seiner staatsmännischen Dimension hat er tiefgreifende und notwendige strukturelle und konzeptionelle Veränderungen als Teil eines Prozesses der Verbesserung und Aktualisierung des kubanischen Wirtschafts- und Sozialmodells geleitet, gefördert und angeregt“, würdigte der heutige Präsident Miguel Díaz-Canel die Leistungen seines Vorgängers in dieser Zeit. Auf dem 6. Parteitag, der ihn am 19. April 2011 zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees gewählt und „Leitlinien zur Aktualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft“ verabschiedet hatte, erteilte Raúl allen, die auf einen Kurswechsel in Richtung Marktwirtschaft hofften, eine Absage: „In den vergangenen 500 Jahren ist zu viel Blut unseres Volkes vergossen worden, um heute aufzugeben, was wir unter solchen Opfern errungen haben.“ Ziel aller Maßnahmen sei die „Verteidigung des Sozialismus“ und nicht dessen Abschaffung, sagte er. Wie zuvor angekündigt, kandidierte Raúl Castro nach jeweils zwei Amtsperioden nicht erneut für die höchsten Positionen in Partei, Regierung und Staat.

Neben der Aktualisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik gehört der Generationenwechsel zu den herausragenden innenpolitischen Leistungen Raúl Castros. Außenpolitisch steht er – nach Freilassung der 16 Jahre in US-Gefängnissen festgehaltenen Aufklärer der „Cuban Five“ – für die Wiederaufnahme der von den USA einst abgebrochenen diplomatischen Beziehungen. Mit der Vermittlerrolle beim Friedensvertrag in Kolumbien, einer Einigung mit der EU über die Aufhebung des „Gemeinsamen Standpunktes“, der einen Systemwechsel zur Bedingung für normale Beziehungen gemacht hatte, und dem Ausbau der internationalistischen Hilfseinsätze verbuchte Raúl weitere Erfolge. Die Arbeit, die unter Raúls Führung im letzten Jahrzehnt geleistet wurde, sei „kolossal“, erklärte Miguel Díaz-Canel im April auf dem 8. Parteitag der KP Kubas. „Ebenso ist sein Vermächtnis des Widerstandes angesichts von Bedrohungen und Aggressionen und bei der Suche nach der Verbesserung unserer Gesellschaft wegweisend“, fügte er hinzu. Raúl Castro seinerseits versicherte in seiner Abschiedsrede als Parteivorsitzender: „Solange ich lebe, werde ich die Unabhängigkeit Kubas, die Revolution und den Sozialismus verteidigen.“

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Ein Leben für den Sozialismus", UZ vom 28. Mai 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Stern aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]