Ein Gespräch mit Aleida Guevara

„Sie haben das Recht, Widerstand zu leisten!“

Der kubanischen Kinderärztin Aleida Guevara, Tochter von Ernesto Che Guevara, wurde der Rosa-Luxemburg-Preis der Tageszeitung „junge Welt“ verliehen. Bei der Verleihung sprach UZ mit ihr über die Blockade gegen Kuba, den antiimperialistischen Widerstand und den revolutionären Optimismus.

UZ: Im Januar verhängten die USA eine totale Energieblockade gegen Kuba. Wie ist die aktuelle Lage auf der Insel?

Aleida Guevara: Es ist äußerst schwierig. In einigen Städten gibt es 72 Stunden am Stück keinen Strom. Bei den aktuellen Temperaturen – rund um 30 Grad – verderben Lebensmittel schnell ohne Kühlschrank. Ohne Strom müssen wir also hungern. Ohne Benzin gibt es auch keine Transportmöglichkeiten. Die Krankenhäuser können nicht ordnungsgemäß arbeiten. Wir versuchen, dies auszugleichen, indem wir verstärkt auf Solarpanels zurückgreifen. Aber die Batterien, die durch die Panels aufgeladen werden, sind sehr teuer und nicht leicht zu beschaffen. Tagsüber können wir Solarenergie direkt für Krankenhäuser und Fabriken nutzen, aber abends und nachts ist es sehr schwierig.

UZ: Ende März durchbrach Russland die US-Blockade mit dem Öltanker „Anatoli Kolodkin“. Das steht in starkem Kontrast zu dem Feindbild von Russland, das wir hier in Deutschland in den Medien zu hören bekommen. Wie ist das Verhältnis zwischen Kuba und Russland zurzeit?

Aleida Guevara: Die erste Erleichterung von dieser Energieblockade kam aus Russland. Und sie haben versprochen, ihre Bemühungen nun zu verstärken. Das kubanische Volk ist für diese Unterstützung sehr dankbar – damals wie heute. Wir vermissen natürlich die So­wjet­union. Man weiß, wie eng unsere Beziehungen damals waren. Russland ist heute zweifellos ein kapitalistisches Land. Aber dennoch pflegen sie mit uns nach wie vor eine sehr tiefe, von Menschlichkeit und Solidarität geprägte Beziehung. Sie haben sich als sehr gute Freunde erwiesen. Wir Kubaner haben unsere Dankbarkeit immer durch gegenseitige Unterstützung zum Ausdruck gebracht, beispielsweise durch die medizinische Versorgung der Opfer des Unfalls von Tschernobyl. Die Russen wissen also, dass sie auf uns zählen können, wenn sie uns brauchen.

UZ: Kuba ist seit Anfang 2025 auch ein offizieller BRICS-Partner geworden. Das Bündnis hat sicher seine Widersprüche und Schwankungen, aber es wächst und tritt selbstbewusster als früher auf. Welche Bedeutung hat dies für den Kampf gegen die US-Blockade?

Aleida Guevara: Das ist enorm wichtig für uns. Nur ein Beispiel: Als der letzte Wirbelsturm über die Karibik hinwegfegte und erhebliche Schäden hinterließ, kam Indien mit Hilfsgütern und Ausrüstung, um ein komplettes Krankenhaus einzurichten. Die BRICS-Staaten haben sofort reagiert. Sie schickten auch Lebensmittel. Wenn dies also nur ein kleiner Vorgeschmack darauf ist, was mit der Stärkung dieses Bündnisses noch kommen kann, ist das für uns in der Tat sehr zu begrüßen.

UZ: Die USA wollen offenbar diese Entwicklung hin zur Multipolarität unterbinden. Sie führen nun zusammen mit Israel einen offenen Krieg gegen den Iran. Du hast neulich eine Solidaritätsbotschaft an die Völker Westasiens gerichtet und die kubanische „Himno de los Guerrilleros“ für die Widerstandskämpfer gesungen. Welche Bedeutung hat dieser Kampf für das kubanische Volk?

Aleida Guevara: Vorneweg: Es gibt für mich etwas wie eine revolutionäre Ethik. Man muss versuchen, im Krieg keine Zivilisten zu verletzen. Man muss auf diese Ethik sehr achten. Aber es kommt irgendwann ein Punkt, an dem Menschen nicht mehr leiden können. Israel ist seit Jahrzehnten dabei, ganze Völker zu verdrängen und auszulöschen. Es hat Tausende von Palästinensern und Libanesen getötet. Irgendwann können Menschen so etwas nicht mehr ertragen. Sie werden zurückschlagen. Ja, sie müssen zurückschlagen. Das habe ich in meiner Botschaft gesagt: Der Widerstand hat das Recht, sich zu wehren. Die Palästinenser, die Libanesen, die Iraner – sie haben das Recht, Widerstand zu leisten. Und ich sage dir: Man muss Israel hart zusetzen, denn das ist die einzige Sprache, die sie heute verstehen. Der Widerstand weiß das. Schau nach Jemen: Wie beeindruckend ist die Stärke dieses Volkes! Sie leben in einem der ärmsten Länder der Welt, doch sie kämpfen jeden Tag weiter und zeigen Mut und Entschlossenheit. Sie beweisen, dass Widerstand möglich ist. Sie sind meine Brüder! Und ich stimme voll und ganz zu, dass man den USA und Israel nichts zugestehen darf, wenn nicht alle Bedingungen erfüllt sind.

UZ: Eine solche Haltung wird in Deutschland nicht gerne gehört …

Aleida Guevara: Mir wurde gesagt, ich solle mich in Deutschland nicht über Israel äußern, da dies zu Problemen führen würde. Aber wir dürfen nicht wegsehen. Ich muss was sagen. Wir wissen, wie schmerzhaft die Geschichte des jüdischen Volkes ist. Ich spreche nicht von Israel. Ich spreche von den jüdischen Menschen im Allgemeinen. Sie haben so viel gelitten, nicht nur unter dem deutschen Faschismus. Im 12., 13. und 14. Jahrhundert wurden sie aus Europa vertrieben. Der spanische König vertrieb sie damals aus Spanien und raubte ihnen ihr Geld. Jahrhundertelang Misshandlung und Leid. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie Opfer eines Völkermords. Dieses Volk hat also all das erlitten. Wie kann Israel behaupten, dass dieses Leid seine heutigen Handlungen rechtfertigt? Dass es ihm erlaubt ist, andere Völker auf ähnliche Weise zu behandeln? Ich kann das nicht verstehen. Meine menschliche Fassung reicht dafür einfach nicht aus.

Was Deutschland betrifft: Ja, dieses Land hat eine besondere historische Verantwortung. Und ja, es hat auch eine besondere Verantwortung gegenüber jüdischen Menschen. Aber dies ist nicht gleichzusetzen mit Unterstützung für Zionismus und den Staat Israel. Das sind zwei sehr unterschiedliche Sachen.

Dieser Krieg richtet sich nicht nur gegen Palästina. Es richtet sich gegen den Jemen, gegen den Libanon, gegen den Iran. Gegen alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Selbst Katar, ein langjähriger Freund der USA, wurde angegriffen. Wir müssen dem ein Ende setzen. Die Menschheit muss die Kraft aufbringen, diesen Völkermord zu stoppen. Wir verlieren sonst unsere Menschlichkeit. Wir haben kein Recht, uns als Menschen zu bezeichnen, wenn wir solche Gräueltaten zulassen.

UZ: Die Zuspitzung dieser Aggression zeigt, dass die USA und Israel nach wie vor über große militärisch Macht verfügen, doch gleichzeitig wird ihre Legitimität zunehmend in Frage gestellt. Ideologisch gesehen ist der Zionismus heute weitaus schwächer als früher. In Europa hat die Solidarität mit dem palästinensischen Volk stark zugenommen, insbesondere unter jungen Menschen.

Aleida Guevara: Ja, das sehe ich auch während meiner Reisen. Auf der Straße gibt es eine Massenbewegung, und das ist sehr zu begrüßen. Was ich jedoch nicht akzeptieren kann, ist, dass die Regierungen in Europa Israel weiterhin unterstützen. Sie machen sich dadurch zum Mittäter eines Völkermords. Und erklär mir bitte Folgendes: Wenn die Mehrheit der Bevölkerung gegen Israels Vorgehen ist, warum halten diese Regierungen dann an ihrer Unterstützung fest? Wo bleibt da die Demokratie? Der Grundgedanke der Demokratie ist, dass die Macht vom Volk ausgeht, dass das Volk entscheidet. Wo bleibt die Demokratie in dieser Frage?

UZ: Vielleicht ist Europa doch nicht so sehr der „Garten“ inmitten des „Dschungels“, wie der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell so gerne behauptet.

Aleida Guevara: Es gibt in Europa ganz einfache Fragen, die man stellen muss. Wenn wir zum Beispiel einen Europäer fragen, wer den besten Kaffee macht, wird er sagen: „Die Italiener!“ Ich weiß es nicht. Sind sie es, die die Kaffeebohnen unter der Sonne ernten? Das sind doch die Brasilianer, die Kolumbianer, die Äthiopier, die Kubaner. Oder was ist mit Schokolade? Die beste Schokolade kommt aus der Schweiz, wird er sagen. Aber wer erntet die Kakaobohnen mit den eigenen Händen? Es sind die Kongolesen, die Bolivianer, die Brasilianer. Das sind unsere Ressourcen. Das ist unsere Arbeit. Ohne den Rest der Welt könnte Europa nicht funktionieren. Denk nur an Erdöl. Wer fördert hier Öl, abgesehen von Norwegen und vielleicht Großbritannien?

Hier mangelt es an historischem Bewusstsein. Das Erbe des Kolonialismus wird völlig außer Acht gelassen. In Europa reden alle über Migration. Die Regierungen sprechen immer wieder von einer Migrationskrise. Aber hat sich schon einmal jemand gefragt, warum die armen Menschen, die fliehen, oft Französisch, Spanisch oder vielleicht Portugiesisch sprechen? Warum? Weil sie von den Europäern kolonialisiert wurden. Und tatsächlich fliehen sie heute immer noch vor den Folgen dieser Kolonialisierung. Das, was Europa so lange ins Ausland exportiert hat, kommt heute auf die eigene Haut zurück.

Was tun wir dagegen? Die einzige Lösung ist Solidarität. Schluss mit der Aggression gegen andere Länder und der Ausbeutung anderer Völker. Alle Länder müssen sich wirtschaftlich entwickeln können. Wir müssen dieses Bewusstsein kultivieren. Wir müssen das historische Gedächtnis und die Bedeutung gegenseitiger Unterstützung vermitteln. Das sage ich jedes Mal, wenn ich in Europa bin.

UZ: Oft scheint diese Solidarität aber einseitig …

Aleida Guevara: Jemand hatte mich heute gefragt: Was denkst du darüber, dass Kuba anderen Völkern so viel geholfen hat, während es nicht genug Solidarität mit Kuba gibt, um die Aufhebung der Blockade zu erzwingen? Ich habe gesagt: Das ist egal. Jedes Mal, wenn wir einem anderen Land geholfen haben, geschah dies nicht, um eine Gegenleistung zu erhalten. Wir gehen zu anderen Ländern, nicht um etwas zurückzubekommen, sondern um zu versuchen, das Leben vor Ort zu verbessern. Das hat einen Wert an sich. In Kuba sagen wir: „Glücklich ist der Mensch, der empfangen kann, ohne zu vergessen, und geben kann, ohne sich daran zu erinnern.“ Wir müssen diese Gedanken verinnerlichen.

Ich sehe heute in Europa eine rückläufige Entwicklung. Krankenhäuser werden in rasantem Tempo geschlossen. Arbeitsrechte, die durch jahrelange Opfer errungen wurden, werden gestrichen. Der Achtstundentag zum Beispiel. Die Wohnungssituation verschlechtert sich. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns diese Errungenschaften wegnehmen. Das kollektive Bewusstsein muss geweckt werden, um das zu verhindern. Man muss kein Kommunist oder Sozialist sein, um dies zu verstehen. Das sind elementare Dinge. Was sind unsere gemeinsamen Ziele? Was wollen wir für unsere Kinder in der Zukunft? Ein menschenwürdiges Gesundheitswesen. Eine angemessene und kostenlose Bildung. Respekt und Schutz für die Werktätigen. Und so weiter. Wir müssen nach Einheit streben und dürfen uns nicht wegen Kleinigkeiten streiten. Die Menschen müssen sich ihrer Macht als Volk, als Gemeinschaft bewusst werden. Nur dann sind sie stark.

UZ: Die Herrschenden wollen, dass wir stattdessen in Resignation und Apathie versinken. Und nicht selten gelingt ihnen das auch. Wie können wir in diesen Zeiten unseren revolutionären Optimismus bewahren und weitergeben?

Aleida Guevara: Wir müssen den weiten Blick behalten. Wir dürfen den größeren Kampf, der sich weltweit abspielt, nicht aus den Augen verlieren. Seht mal, wir sind privilegiert. Ich würde sagen, wir auf Kuba sind auch privilegiert. Trotz der Blockade, trotz der Angriffe ist unser Land stabil und glücklich. Wir können trotz allem lachen. Und das gibt uns Hoffnung.

Das ist sehr wichtig für Menschen. Die Leute sind es leid, immer nur Klagen zu hören. Sie haben es satt. Sie wollen Hoffnung hören und noch besser: Sie wollen Hoffnung sehen.

Das sage ich auch der gesamten lateinamerikanischen Linken. Man muss den Menschen beweisen, dass wir es ernst meinen. Auf Kuba ist die aktuelle Situation schlimm, aber wir arbeiten dran. Wir arbeiten Tag und Nacht am Ausbau der Solarzellen – die Sonne kann niemand blockieren! – und die Menschen sehen das. Sie sehen, dass wir unermüdlich nach praktischen Lösungen suchen.

Das Wichtigste ist das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit. Als Kommunisten müssen wir konsequent zu dem stehen, was wir sagen. Man kann nicht das eine sagen und das andere tun. Das diskreditiert die Partei. Die Genossinnen und Genossen, die in der Partei aktiv sind, müssen eine außergewöhnliche Ethik haben. Und sie müssen als Erste vorleben, wovon wir in der Partei sprechen. Mein Vater sagte, es sei einfacher, Menschen dazu zu bringen, einem zu folgen, als sie dazu drängen zu müssen. Und wie bringt man Menschen dazu, einem zu folgen? Indem man mit gutem Beispiel vorangeht, durch Integrität und durch Klarheit. Das ist grundlegend.

Als ich in Barcelona war, kam nach dem Abschluss einer Konferenz eine Gruppe junger Studenten zu mir. „Entschuldigung, Frau Doktor“, sagten sie zu mir. „Wir konnten nicht an Ihrer Konferenz teilnehmen, weil eine Fabrik geschlossen wurde und wir dorthin gegangen sind, um die Arbeiter zu unterstützen.“ Ich sagte zu ihnen: „Scheiß auf die Konferenz! Ihr wart genau dort, wo ihr sein musstet!“ Wenn eine Fabrik schließt, müssen wir da sein. Wenn jemand obdachlos wird, müssen wir Lösungen finden. Darum geht es: das Vertrauen des Volkes zu verdienen.

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"„Sie haben das Recht, Widerstand zu leisten!“", UZ vom 24. April 2026



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