„Das Schwarze Korps“ ist vor allem ein Roman über Kollaboration

Ein Sommer in Paris

Von Ellen Beeftink

Dominique Manotti

Das schwarze Korps

Aus dem Französischen von An­drea Stephani

Ariadne Krimi, Argument Verlag, Hamburg

kt. 280 Seiten, 13,- Euro

Donnerstag 22. Juni 1944, wir sind in Frankreich. Die Amerikaner starten in der Normandie einen Angriff auf Cherbourg. Im Osten rücken die sowjetischen Truppen auf Lettland und Estland vor und beginnen eine Offensive in Weißrussland.

Genau 43 Jahre später beginne ich meine Besprechung über „Das Schwarze Korps“ von Dominique Manotti. Die ist eine meiner Lieblingsautorinnen und dieser Roman vielleicht ihr erschütterndster. Eine richtige Krimi-Handlung gibt es nicht, mit Ausnahme eines Gemälde- und eines Weindiebstahls. Hier ist die Geschichte selbst – die Besetzung Frankreichs und die Kollaborationsregierung – das Verbrechen.

Das Ende des Naziregimes ist absehbar. Es gilt zu retten, was zu retten ist. SS-, Gestapo- und auch Wehrmachtsangehörige waren nie zimperlich, haben geraubt, gemordet, sich persönlich bereichert. Sie bereiten ihren Abgang vom sinkenden Schiff vor. Kollaborateure, Kriegsgewinnler, Profiteure bangen um den angehäuften Besitz, Reputation, das eigene Leben. Bislang ließ sich einiges mit Geld regeln, bei einem Mittagessen oder beim Pläuschchen in einem der Pariser Salons. Die Kapitalisten drehen sich wie immer nach dem Wind – der nicht mehr aus Vichy weht –, reaktivieren ihre Kontakte zu den Amerikanern, oder sind schon immer zweigleisig gefahren. Die willfährigen Helfer gehen über Leichen, um sich noch ein wenig mehr zu bereichern. Bei denen fallen alle Hemmungen. Und das sind Franzosen. Etwa 30 000 Gestapo-Hilfskräfte waren in Frankreich 1944 im Einsatz. Sie unterstanden zirka 1800 deutschen Gestapo-Angehörigen. Anders als Gerald Kersh, der in seinem Roman „Die Toten schauen zu“ den Opfern eine Stimme gab, macht Dominique Manotti die Täter, vor allem die französischen Kollaborateure, zu den Hauptfiguren ihres Romans. Und sie protokolliert deren Tun, Denken und Reden mit einer Lakonie, dass einem der Atem stockt.

6. Juni 1944. Am Tag der Landung der Alliierten beginnt auch Manottis Geschichte. Das Leben der Pariser Gesellschaft geht seinen gewohnten Gang. Die gesellschaftliche Elite, Staatsbeamte, Wirtschaftsbosse, Filmschaffende, Journalisten, vergnügt sich in den zahlreichen Pariser Salons. Dort trifft sie auf die Führung von SS und/oder Wehrmacht. Der Salon von Dora Belle ist einer davon, elegantes Ambiente, üppige Buffets, Champagner, Mädchen, nicht ganz so elitär. Hier ist die „Charme-Staffel“ der SS zuhause. Heute geht‘s bei denen etwas hektisch zu. Die ideologischen Positionen der Anwesenden müssen festgestellt, letzte Raubzüge vereinbart, Absprachen getroffen werden. Unter den Anwesenden: René Deslauriers, Ex-Liebhaber von Dora, Ex-Nachtclubbesitzer, derzeit für die SS beim wirtschaftlichen Nachrichtendienst. SS-Hauptsturmführer Otto Bauer, der hat ihm den Job vermittelt, um im Gegenzug Dora Belle als Geliebte zu übernehmen. Und Nicolas Domecq, Bulle bei der Sitte, ständiger Begleiter, schüchterner Verehrer, Jugendfreund von Dora. Deslauriers hält ihn für einen gewöhnlichen Schmarotzer. Er irrt. Domecq ist weder Bulle noch Jugendfreund. Er ist Verbindungsmann zum gaullistischen Widerstand, zuständig für die wirtschaftlichen Verbindungen von Industrie und Besatzern. Im Salon findet er reichlich Informationen.

Die nächsten zehn Wochen bis zur Befreiung von Paris schildert Dominique Manotti in 19 Kapiteln. Voran stellt sie den Verlauf der Kämpfe, an der West- wie an der Ostfront. Ambre, Doras Tochter, spätere Résistance-Kämpferin, steckt die Truppenbewegungen mit Stecknadeln (Alliierte: blau, Sowjets: rot) auf einer Karte ab. „Kommen nicht schnell voran, die Blauen. Gerade mal ein paar Millimeter. Bei dem Tempo sind die roten Nadeln vor den blauen in Paris.“ In dieser Zeit wird noch einmal geplündert, gebrandschatzt, gemordet was das Zeug hält. Deslauriers ist reich genug, wechselt die Seiten. Besiegte Soldaten, geschlagen, abgekämpft, lädiert kommen aus der Normandie zurück. Die Besatzer ziehen ihre Uniformen aus. Fazit eines Hauptmanns der Wehrmacht: „Die schöne Zeit des Pariser Lebens ist vorbei. Unsere eigene Schuld. Wir haben uns zu sehr mit den Schurken in Schwarz eingelassen.“ Nur der SS-Mann Bauer ist bei seiner Abreise sicher, zu Weihnachten wieder zurück zu sein. Am 2. August befindet sich Paris in Auflösung. Die Bourgeoisie flieht mit allem, was sie auf die Schnelle zusammenraffen kann, Domecq bekommt ein Jobangebot und damit einen Vorgeschmack auf die Zeit nach der Befreiung. „Es wird schlimmer als gedacht, kein Zuckerschlecken.“ Er liegt damit richtig. In den Tuilerien, etwa zwei Wochen später, lieben sich eine Unmenge Pärchen auf der Terrasse der Tuilerien. „Die Pariserinnen sind gekommen, um die 2. Panzerdivision willkommen zu heißen.“ Es ist der 25. August 1944.

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"Ein Sommer in Paris", UZ vom 30. Juni 2017



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